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1.Kapitel

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"Jeder Mensch begegnet einmal dem Menschen seines Lebens, aber nur wenige erkennen ihn rechtzeitig."

Ich saß auf der Bank in der hintersten Ecke des Pausenhofs. Hier konnte man den Lärm der Schüler kaum hören. Leider war es auch die ungeschützteste Ecke des Pausenhofs, weshalb ein stärker Wind wehte, auch wenn es Ende März war. Ein Schauder lief mir über den Rücken, als kleine Regentropfen auf meine Schultern fielen und ich zog meine Beine enger an mich. Der Wind trug ein altbekanntes Lachen an mich heran. Ich hob den Blick. Von der Bank aus ging ein schmaler Weg durch die Büsche, die sie verbargen und über diesen Büschen sah ich den Kopf von Dana, eine meiner ehemaligen Freundinnen. Sie unterhielt sich mit einem Mädchen mit auffälligen roten Haaren die sich in winzigen kleinen Löckchen um ihre Ohren kräuselten. Unwillkürlich strich ich über meinen Kopf. Ich hatte auch solche Haare, mit dem einzigen Unterschied das sie schwarz waren. Ich hatte sie ein einziges Mal so kurz geschnitten wie das Mädchen dort, aber im Gegensatz zu ihr hatte ich ausgesehen als hätte ich einen riesigen Wischmopp auf dem Kopf, weshalb ich meine Haare jetzt immer hüftlang ließ und mich jeden Morgen mit der Bürste durch die verfilzten Knoten kämpfte.

Danas Blick wanderte zu mir und ich verbarg mein Gesicht. Es war nicht weil ich mich schämte, alleine hier zu sitzen. Ich wollte einfach nicht ihren hämischen Blicken begegnen die mich jedes Mal musterten wenn ich ihr begegnete.

Ich war nicht immer ein Außenseiter gewesen. Früher hatte ich Freunde gehabt, zwar nicht viele, aber zwei gute. Zu ihnen hatte Dana gehört. Ich hatte gedacht wir würden jede Krise zusammen bestehen. Doch mit dem Tod meines Vaters hatte ich mich verändert. Ich zog mich immer mehr in mich selbst zurück. Ich beschäftigte mich lieber mit mir selbst und wenn ich mit anderen redete, versank ich schnell in meine eigene Gedanken und war abwesend. In Gesellschaft fühlte ich mich unter Druck gesetzt zu funktionieren, fröhlich zu sein und jeden unterhalten zu müssen. Aber ich konnte es nicht. Und umso mehr ich mich unter Druck setzte, desto verschlossener und unglücklicher wurde ich. Meine Freundinnen merkten das, versuchten meine Schale aufzubrechen, für mich da zu sein. Doch es führte nur dazu, dass ich mich noch mehr in mich zurückzog.

Irgendwann gaben sie es auf.

Dana beugte sich zu dem rothaarigen Mädchen und flüsterte ihr etwas kichernd ins Ohr. Jetzt sah auch das Mädchen zu mir. Unsere Blicke trafen sich. Anders als bei Dana war er nicht spöttisch, sondern neugierig, ich konnte ihn nicht genau deuten. Aus irgendeinem Grund verlegen sah ich schnell weg.
Plötzlich schämte ich mich doch dafür nicht zu den anderen zu gehören.

Als es gongte bewegte ich mich nicht von meinem Platz bis die beiden verschwunden waren. Erst dann stand ich langsam auf und machte mich auf den Weg zum Unterricht.

Wieder einmal flog der Unterricht an mir vorbei und ich versank in meine Gedanken. Immer wieder durchlebte ich Momente der Vergangenheit. Blitzartige Erinnerungen, die genauso schnell verschwanden wie sie gekommen waren. Seit dem Tod meines Vaters kamen sie immer wieder. Glückliche, trauriger, lustige. Alles war dabei. Und ich wünschte mir jedesmal diesen Moment zurückholen zu können. Ich wusste, dass ich eigentlich im Hier und Jetzt leben, meine Zukunft planen sollte, aber ich konnte es nicht. Die Worte Gegenwart uns Zukunft waren mir fremd. Zu sehr beschäftigte mich meine Vergangenheit. Die Zeit ging so schnell vorbei. Eben war es noch die Gegenwart, dann die Vergangenheit. Ich hasste es. Die Vergangenheit hatte so etwas tröstliches, sicheres. Die Zukunft war düster, ungewiss. Sie konnte man ändern, die Vergangenheit war geschehen, sie war wie sie war. Auch wenn ich viel Zeit damit verbrachte, mir auszumalen, was anders hätte sein können.

"Amira? Würdest du bitte meine Frage beantworten?"

Ich tauchte aus meiner eigenen kleinen Welt aus und starrte meine Geschichtslehrerin verwirrt an. Eigentlich war Geschichte das einzige Fach was mich interessierte. Auch in Geschichte ging es nur um die Vergangenheit. Mich interessierte es, was die Menschen damals gedacht und gefühlt hatten, wie sie gelebt hatten und was ihre Werte waren. Ich versuchte mich in sie hineinzuversetzen und meine eigene kleine Geschichte zu erfinden.

"Amira? Wann fand der Berliner Kongress statt?"

"1884", schoß es aus mir heraus.

" Sehr gut."

Ich wunderte mich über diese Frage, schließlich war das Stoff von letzten Jahr. Aber meine Gedanken glitten wieder ab und ich versank in meine Träumereien.

Am Ende der Stunde stürmten alle aus dem Zimmer. Nur ich war wie immer die Letzte. Die anderen konnten es kaum erwarten nach Hause zu kommen, in ihr Leben. Die Schule war für sie eine lästige Pause von allem, was Spaß machte. Für mich nicht. Die Schule war für mich der einzige Ort an dem ich mich überhaupt irgendwie lebendig fühlte.

Langsam packte ich meine Sachen zusammen und zog den Reißverschluss meines Rucksacks zu. Doch er klemmte. Ich hielt mich nicht lange damit auf und ließ ihn halb offen. Leise verließ ich den leeren Raum.

Draußen auf dem Flur liefen nur noch vereinzelt Schüler herum, meistens ältere, niemand den ich kannte. Ich hielt den Blick nach oben, doch ich nahm sie kaum war. Wieder war ich in meinen Gedanken versunken. Bis ich plötzlich einen harten Widerstand spürte und aus meiner Trance erwachte. Zu spät. Durch den Stoß gab mein Reißverschluss auf und der gesamte Inhalt meines Rucksacks ergoss sich auf den Boden. Perplex starrte ich die Person vor mir an und dann auf das Chaos meiner Sachen.

"Oh nein, tut mir leid! Ich habe dich überhaupt nicht gesehen! Du warst so leise!"

Es war das rothaarige Mädchen von vorhin. Bevor ich reagieren konnte kniete sie sich auf den Boden und sammelte meine Sachen ein. Mit einem Lächeln reichte sie mir ein paar Stifte, damit ich sie einpacken konnte.

"Hier. Ich bin übrigens Zoe Philine, du kannst mich aber gerne Zoe nennen. Das machen alle."

Wieso war sie freundlich zu mir? Vorhin hatte sie mit Dana geredet. Sie sollte mich spöttisch ansehen. Stattdessen war ihr Blick weich, freundlich. Aber sie hatte mit Dana geredet. Ich wollte nichts mit ihr zu tun haben.

Hastig riss ich ihr die Stifte aus der Hand, warf meine restlichen Sachen in meinen Rucksack, packte beide Hälften des zerstörten Reißverschlusses und eilte den Flur hinab.
Das letzte was ich sah war Zoes strahlendes Lächeln das verwundert erlosch.

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