The Weak Mind

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Die Folgende Geschichte hat eine Handlung recht eigenartiger Natur. Ihr werdet euch während dieser Erzählung vielleicht Gedanken über dessen Protagonisten machen, euch einen Reim auf seine Identität machen wollen, doch seine eigene Rolle in dieser Geschichte ist in Wahrheit unwichtiger, als es zu Anfang vielleicht den Anschein vermag. Über seine Identität ist nur wenig bekannt, weder über seine charakteristischen Merkmale oder Ansichten, noch darüber, wie er in gesellschaftlichen Kreisen genannt wird, aber nennen wir diese Person doch einfach Jack.

Jack steht wie angewurzelt inmitten eines ihm völlig unbekannten Orts. Weder kennt er ihn oder hat ihn jemals betreten, noch kann er sich daran erinnern, wie er überhaupt an diesen ihm höchst eigenartigen Platz gekommen ist. Es fühlt sich so an, als ob jegliches Wissen an seine Vergangenheit und sein komplettes vorheriges Leben bis zu diesem aktuellen Zeitpunkt komplett gelöscht worden wäre. Jack kann sich an absolut nichts erinnern, geschweige denn sich einen Reim darauf machen, wie er überhaupt hier her gekommen ist. Er kann nur im hier und jetzt Leben, eine Fähigkeit, die den meisten Menschen ihr ganzes Leben hindurch verwehrt bleibt. Alles um ihn rum ist komplett perlweiß, sowohl alles um ihn herum, als auch alles unter und über ihm. Es kommt ihm so vor, als würde er sich nicht mal mehr innerhalb einer reellen Atmosphäre aufhalten. Alles, was er vorher gekannt hatte und alles, was er mit irgendeiner Form der Behaglichkeit assoziieren würde, scheint sich dort nicht zu befinden. Noch nie in seinem Leben verspürte er so eine unglaubliche Ungewissheit und Leere, wie in diesem Moment. Es scheint ihm, als würde er sich in einem kompletten und ebenso nicht kompletten Nichts befinden. Doch obwohl er hier der einzig lebende Mensch zu sein scheint, kommt es ihm gleichzeitig so vor, als wäre er die unwichtigste und irrelevanteste Person an diesem Ort. Mit solch einer Menge von Gefühlen, aus denen mit einer so unglaublicher Geschwindigkeit ein solch enormes Maß an Gefühlschaos resultiert, kann er in so kurzer Zeit nicht umgehen, da er es in dieser Form noch nie gekannt hatte und versucht, wenigstens, wenn auch nur für eine kurze Weile, dieses zu unterdrücken, um einen klaren Kopf zu bewahren. Schließlich möchte er immernoch herausfinden, was hier eigentlich vor sich geht und an was für einem Ort er sich befindet. Widerwillig und mit einem mulmigen Gefühl, welches sich bei Jack vom Kopf bis zu den Zehenspitzen breit macht, tätigt er vorsichtig, behutsam und ein wenig zitternd seine ersten Schritte geradeaus, soweit man diese Richtung überhaupt ansatzweise als ein Geradeaus bezeichnen kann. Eine Orientierungsmöglichkeit gibt es für ihn nicht, es ist schließlich alles weiß. Während er in äußerst langsamen tempo der ihm ungewissen Richtung folgt, nimmt er auf einmal aus weiter Ferne einen dunklen Schein war, der sich, dem Aufsteigen des Rauchs einer Flamme aus rotem Feuer ähnelnd, zu entwickeln versucht. Statt weiterhin in diesem sogenannten Nichts herum zu irren, beschließt Jack, sich dem Schein zu nähern. Es ist fast so, als ob seine Neugier und sein Drang nach der Suche auf Antworten seine Beine komplett steuern würden. Aus seinem langsamen, zitternden und ängstlichen Gang wird auf einmal ein unbeirrbares, schnelles Rennen. Ohne vorher überhaupt den winzigsten Gedanken an eine Möglichkeit von Gefahr zu verschwenden, die von diesem Etwas ausgehen könnte, nähert er sich, ohne zu zögern, immer mehr dem schwarzen, dunklen Schein. Da er sich, wie bereits mehrfach erwähnt, in einem optischen Nichts befindet, kann er es sich selbst nicht erklären, ob er nun wirklich voran kommt, oder einfach nur auf der Stelle rennt, ohne sich wirklich von seinem momentanen Standort zu entfernen. Ob nun die ganze Geherei oder Rennerei ihm überhaupt etwas bringt, kann Jack deswegen nur an der Tatsache festmachen, dass der Schein vor seinen Augen immer größer wird und Jack sich ihm daher wohl stetig nähern müsste. Nach einer gewissen Zeit des Rennens ist Jack nun an einem Punkt angekommen, an dem der Schein nun seine Größe haben müsste, woraus er letztendlich schließen kann, dass er jetzt direkt vor ihm steht. Bereits, während er auf den Schein zu rannte, ist ihm daran etwas Ungewöhnliches aufgefallen. Etwas, vom dem er sich gewünscht hätte, dass ihm seine Augen dies bezüglich nur einen Streich gespielt haben: Der sich entwickelte, schwarze Schein hat den Umriss seines Körpers angenommen. Er war sich nun sicher, dass er vor einer ihm völlig unbekannten Person steht, die, zu seinem Schrecken, einer komplett schwarzen Silhouette seiner selbst gleicht. Ein Schatten, welchen er in jedem mit lichtern erfülltem Gemäuer bei Nacht erblicken würde, wenn er vor eine beleuchtete Wand starrt. Er ist sich nicht sicher, wie es nun weitergehen sollte. Seine Intuition würde ihm nun sagen: Du bist an einem unbekannten Ort, du weißt absolut nichts über deine derzeitige Situation und stehst nun vor einer anderen Person, die sich an genau diesem Ort befindet. Vielleicht weiß sie etwas und könnte dir sogar die eine oder andere Frage beantworten. Doch Jack verspürte nicht mal den Mut, diese überhaupt anzusprechen. Er ist mit dem Drang nach Wissen und Antworten zu ihr gerannt, doch jetzt, wo er so unmittelbar vor ihr steht, wie nur irgend möglich, fragt er sich, ob er wirklich auf Antworten aus ist, oder einfach nur Fragen hat, dessen Antworten er einfach nicht verkraften könnte. Ihn beschleicht das Gefühl, dass dieses menschenähnliche Etwas mehr über Jack und seine aktuelle Situation weiß, als ihm lieb ist und hie länger er dessen schwarzes, gesichtsloses Haupt erblickt, desto mehr kommt gleichzeitig ein ihm noch unbehaglicherer Gedanke ans Licht: Dass er bereits selbst die Antworten kennt, nach denen er so unglaublich strebt. Während Jack weiter mit furcht erfüllt auf das gesichtslose Haupt starrt, beginnt er auf einmal, einen seichten Windhauch zu spüren, der an seinem eigenen Haupt vorbeizieht und dabei sanft die Wangen seines Gesichts streift. Eine nicht reelle Atmosphäre mit natürlichen Wetter-Neigungen? Jetzt auf einmal, nach der ganzen Zeit, in der er seit seiner Ankunft weder Wind, noch die auf ihn herabfallende Wärme einer Sonne spürte? Wie kann das möglich sein? Doch diese Frage war von allen anderen die einzige, für dessen Antwort weder er, noch der gesichtslose, schwarze Unbekannte suchen musste, um sie zu finden. Er erblickt nämlich langsam immer deutlicher, dass der komplett in schwarz gehüllte Silhouetten-Schein der Person in Form von dünnen, Schwarz-Grauen Rauchschwaden, welche schnell durch die, für Jack anscheinend nicht vorhandene, Luft an seinem Körper vorbeizischen, abfällt. Er sieht nun, wie sich der ganze Körper der Person, von Kopf bis Fuß, nun Schritt für Schritt enthüllt. Jack verspürt eine Aufregung, wie er sie noch nie zuvor in seinem Leben gespürt hatte. Endlich würde sich die ihm mittlerweile wichtigste und alles entscheidende Frage nun beantworten und damit vielleicht sogar endlich seine Odyssee beenden, die ihm mittlerweile unerträglich geworden ist. Auch, wenn es vielleicht bescheuert klingt, hat er das Gefühl, dass die Identität dieser Person den kompletten, weiteren Verlauf seiner Reise bestimmen wird und ebenso darüber entscheidet, auf welche Art und Weise sie enden wird. Nachdem sich der gesamte Schein von der Person nun abgelegt hat und die letzten Schwaden wie ein starker Windhauch an ihm vorbeigezogen sind, rutscht Jack augenblicklich das Herz in die Hose, als er auf einmal die grässliche Fratze der Wahrheit erblickt. Bei der ihm vorher noch völlig unbekannt gewesenen Person handelt es sich um ein exaktes Abbild seiner selbst, wie ein siamesischer Zwilling, der bereits seit seiner Geburt verschollen sein müsste, da Jack nie von dessen Existenz gewusst hat. Ja, sie gleicht ihm wirklich aufs Haar, bis auf einen gewaltigen Unterschied: Ihr ganzer Körper, sowohl ihr Gesicht, als auch der Rest, sind von grässlichen Narben und Brandwunden übersät, welche sie völlig entstellen. Giftgrün leuchtende Augen starren finster dreinschauend in Jacks völlig paralysiertes Gesicht. Jack bleibt keine Zeit mehr, sich auf diesen Schrecken einen Reim zu machen. Die Sehnsucht nach Antworten schwenkt sich bei ihm augenblicklich zur Sehnsucht nach dem Überleben um. Der Reflex, der ihn anfangs dazu brachte, ohne große Überlegungen direkt auf die Person zu zu rennen, kommt ihn Jack nun blitzschnell erneut hoch, doch dieses Mal besteht der Reflex darin, vor der Person so schnell wie möglich wegzurennen. In Sekundenschnelle dreht er sich von seinem unheimlichen Ebenbild weg und fängt augenblicklich an zu rennen, so schnell er nur kann. Doch obwohl er vorher inmitten dieser weißen Einöde nur durch seine Augen feststellen konnte, ob er sich fortbewegt oder einfach nur auf der Stelle rennt, fühlt er nun genau mit seinem gesamten Körper, dass er sich nicht vorankommt, so kräftig er auch rennen mag. Doch da wegrennen alles ist, was seine Reflexe momentan für sein Überleben ausrichten können, rennt er ohne einen klaren Kopf weiter erbärmlich auf der Stelle. Während er dies tut, scheinen ihn magnetische Kräfte mit ganzem Körper wieder zu der Gestalt zu drehen. Jack scheint jetzt, da er nun ein weiteres Mal diese grässliche Gestalt erblicken muss, noch verstörtere und labiler zu sein, als er es ohnehin schon war. Dieselben magnetischen Kräfte scheinen ihn jetzt immer weiter zu der Gestalt zu ziehen, was Verzweiflung und Labilität bei ihm nun endgültig freilegt. Von dem Jack, der durch die Suche nach Antworten seiner Odyssee ein Ende bereiten wollte, ist nichts mehr übrig. Alles, was geblieben ist, ist ein Haufen Elend, welches ums nackte Überleben kämpfen will, um sein eigenes zu retten. Er legt sich winselnd und schreiend auf den Boden und versucht, sich mit beiden Händen an dem nicht sichtbaren Boden festzukrallen, vergeblich. Jack wird erbarmungslos immer weiter zu seinem entstellten Ebenbild gezogen, welches währenddessen mit jetzt noch stärker leuchtenden Augen und weiterem, finster dreinschauendem Blick, seine Arme immer weiter umarmend zu Jack ausstreckt.

Eine ungewisse Zeit später, mitten in der Nacht, tritt ein in sich im Dienst befindender Polizist mit seinem Stiefel die Tür zu Jack's Apartment-Wohnung ein. Es befanden sich genau 3 Polizisten vor Jack's Wohnungstür, in blauer Dienstuniform gekleidet, jeweils mit einer entsicherten Pistole bewaffnet und einem offiziell genehmigten Durchsuchungsbefehl direkt griffbereit. Logischerweise versuchten sie es anfangs mit dem üblichen Bedienen der Klingel oder einem Klopfen mit der Faust oder mittels eines an jeder Tür des Apartments angebrachten Türklopfers, wie jeder anständige Bürger oder Mann ihres Berufs es tun würde, doch selbst mit einer lauten, durch die Tür hallenden Warnung bekamen sie anfangs keine Antwort. Während einer nach dem anderen in behutsamen Schritten und mit der Waffe gezückt Jack's Wohnung betritt, schleichen sie dabei an einer Couch und einem dazu passenden Couchtisch vorbei, auf dem sich diverse, mit Gras gefüllte, Plastiktütchen befinden. Die Polizisten öffnen vorsichtig eine weitere Tür zu einem leerstehenden, etwas kleineren Zimmer. Sie ist, entgegen der Eingangstür, nicht verschlossen, was in den Polizisten ein kleines Gefühl der Erleichterung aufkommen lässt. Es kommt ihnen, wie in jedem anderen Einsatz dieser Art ebenso, einigermaßen gelegen, wenn sie nicht dazu gezwungen sind, eine weitere Tür einzutreten. Sie treten in schussbereiter, geduckter Haltung langsam ein und erblicken Jack, doch bedauerlicherweise nicht ganz in dem Zustand, der ihnen lieb gewesen oder gar eine Überführung möglich gemacht hätte. Auch, wenn ein solcher Anblick etwas Alltägliches für jemandem ihres Fachs sein sollte, erblicken sie voller Entsetzen den Leichnam von Jack, welcher an einem Strick, direkt über einem umgekippten Barhocker, baumelt. Der Mond, welcher sich bereits am Nachthimmel befindet, scheint dabei durch das direkt hinter der Leiche liegende Fenster. Der Mondschein fällt dabei sowohl auf die Hinterseite der Leiche, als auch in den Rest des Zimmers ein und taucht dabei links und rechts von ihr den kompletten Raum in ein schimmerndes, intensives Mondlicht, welches einzig und allein die Leiche zur Richtung der Tür im Schatten lässt und für die Polizisten ein unbehagliches bis schauriges Bild erzeugt. Auf einem etwas tiefer gelegten, runden Holztisch, welcher links von der Leiche platziert ist, befinden sich aufgerissene Briefe, bei dessen Adressat es sich um Jack handelt. Sie beinhalten unter anderem Klagen wegen Sachbeschädigung und schwerer Körperverletzung.


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⏰ Last updated: Aug 17, 2016 ⏰

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