Die Möglichkeiten, die dieses Schiff bot, waren endlos. Hier konnte man einkaufen, ja regelrechte Shoppingtouren machen, bowlen gehen, etliche Sportarten betreiben und sich so richtig schön auspowern. Genau diese Möglichkeit nahm ich wahr.
Meine Befürchtungen, dass ich auf diesem Schiff absolut keine Bewegung bekam, wurden zum Glück nicht wahr. Auf häufige Nachfrage hin und nachdem sie mir endlich mal zuhörte, gab meine Mutter mir den Hinweis, dass es im vorderen Schiffsbereich eine ganze Trainingshalle gab, in der Geräte und dergleichen standen.
Ich trieb gerne Sport und es erfüllte mich auf eine Art und Weise einfach nur zu laufen oder stumpf Gewichte zu heben. Es machte den Kopf ziemlich frei und ließ einen den ganzen Stress vergessen oder verdrängen, wenn man wollte. Das hatte ich ziemlich nötig nach den ersten turbulenten Tagen auf diesem Dampfer.
Meine Mutter hatte sich am gestrigen Abend darüber beschwert, dass Matt und ich zusammen in der Suite saßen und miteinander gelacht hatten. Konnte man sich das vorstellen? Es regte sie auf, dass ich lachte. Gut, es war vermutlich der Umstand, dass Matt schamlos einfach in einem unserer Stühle saß. Ihre Worte, nicht meine. Es schickte sich anscheinend nicht mit Personal einen freundlichen Umgang zu pflegen. Man musste es wohl herumschubsen und wie Dreck behandeln. Allerdings hielt ich davon eher wenig, vor allem wenn es um Matt ging.
Ich musste feststellen, dass wir einen ziemlich ähnlichen Geschmack hatten, wenn es um Musik, Filme und das Verhalten der pikfeinen Gesellschaft ging. Er erzählte mir von einigen seiner vielen Jobs als Kellner in teuren Restaurants. Da versuchte tatsächlich jemand ihm zu erzählen, der Wein würde korken, obwohl die Flasche einen Schraubverschluss hatte. Das hätten glatt meine Eltern gewesen sein können. So ein Verhalten kam ihnen ähnlich. Und dann hätten sie sich bei dem Besitzer des Restaurants über die Frechheit des Kellners beschwert.
Ich erzählte Matt wenig über mich. Was ich ihm erzählte war, dass ich genauso alt wie er war. Sieben Wochen älter, um genau zu sein. Ich erzählte ihm von meinem Schulabschluss und meinen Ambitionen auf einer der vielen teuren Universitäten zu studieren, um das Unternehmen meiner Eltern zu übernehmen. Er fragte mich, ob ich es wirklich wollte und ich musste nicht lange überlegen um es zu bejahen. Ich interessierte mich tatsächlich für das Unternehmen meiner Eltern, also war es für mich kein Problem. Es regte mich lediglich auf, dass sie es von mir erwarteten und verlangten. Aber um unnötigen Stress zu vermeiden, sagte ich natürlich nichts und auch Matt gegenüber ließ ich diese Tatsache aus. Was nützte es mir?
Meinen Frust konnte ich wesentlich besser rauslassen als ihn mir von der Seele zu reden. Beim Laufen zum Beispiel.
Am Abend, als die Trainingshalle relativ leer war, begab ich mich auf eines der Laufbänder und bewegte mich „vorwärts“. Mit Musik in meinen Ohren und dem Ausblick auf das offene Meer ließ ich mich immer weitertreiben.
Matt hatte ich losgeschickt, damit er verschiedene Besorgungen für mich machte. Das sah so aus, dass er mir in den kleinen Läden des Schiffes Dinge besorgte und einzeln in mein Zimmer brachte. Ich wollte meine Ruhe beim Sport und schlug ihm vor, dass er ständig mit diesen kleinen Besorgungen unterwegs war, damit er nicht wieder vom Zahlmeister geschnappt und angeschrien wurde. Matt war mir deswegen ziemlich dankbar und stimmte zu. Er sollte mich dann einfach später in der Halle „abholen“, damit er auch nicht ständig hin und her laufen musste.
Das Laufen tat gut. Ich konnte mich endlich wieder auf meinen Körper konzentrieren, jeden einzelnen Muskel spüren und meine Gedanken abschaffen. Laufen war die perfekte Ablenkung, um den Stress mit meiner Mutter zu vergessen. Sie war manchmal einfach nur anstrengend und zu kompliziert, um sich mit ihr auseinander zu setzen. Ihre ständige Hochnäsigkeit gepaart mit diesem Klassendenken verursachten mir nur Kopfschmerzen und die konnte ich auf diesem Schiff nicht gebrauchen.
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Storm (pausiert)
RomancePhil Chevron fühlt sich auf dem Schiff „Storm“ wie Kate Winslet auf der Titanic. Er fühlt sich gefangen, einsam und allein. Seine Eltern hatten das Schiff gebaut und ihn nach monatelanger Vernachlässigung gezwungen die lange Reise von Southhampton...
