Nichts scheint mehr so, wie es einmal war, alles ist anders. Vor allem in der letzten Zeit, seit ich dich kennen gelernt habe. Die äußeren Bedingungen haben sich verändert und seit ich dich kenne und von deinem Leben, Geschichten und Erfahrungen weiß (zumindest einige Teile davon), habe ich mich auch verändert. Vorher war ich ein einsamer Mensch der sein Leben immer irgendwie geregelt hat. Ja, ich war alleine und ich habe mich schon immer nach jemandem gesehnt, der mich so mag, wie ich bin. Aber ich habe mir nie wirklich Gedanken darüber gemacht, dass ich damit nicht glücklich bin, allein zu sein. Deshalb konnte ich das irgendwie all die Jahre übersehen. Auch habe ich immer etwas gehabt, was ich erledigen musste oder habe mich notfalls selbst irgendwie beschäftigt und ich habe daher auch kaum Zeit gehabt, über so etwas nachzudenken. Kurz bevor ich dich kennengelernt habe bin ich ganz von zuhause ausgezogen und musste von da an mein Leben auch ganz allein regeln. Das war für mich soweit kein Problem, denn das habe ich vorher auch schon immer fast alleine gemacht. Irgendwie war es aber doch anders, es war eine andere Umgebung, alles war Fremd. Meine Hobbys habe ich da erst einmal eingestellt. Man hat ja anfangs ohnehin immer noch viel zu tun, aber wenn man sich dann so langsam eingelebt hat mit seinen Ritualen und Routinen und immer weniger macht, kommt man sich auch schon sehr einsam vor, wenn man sonst niemanden hat. Wenn man dann nichts dagegen unternimmt rückt die Welt immer mehr von einem Weg. Die Heimat, Familie, bekannte Leute, meine Hobbys (habe ich eingestellt), die Rituale, welche man bei anderen beobachten kann verschwinden zusammen mit den Leuten und selbst die ländliche Umgebung ist in der Großstadt verloren gegangen. Fast nichts was ich bisher kannte war noch da. Auch meine neuen Nachbarn habe ich nie kennengelernt. Irgendwie haben die sich immer vor mir versteckt, ich hatte sogar schon Zweifel, ob in den Wohnungen neben mir überhaupt wer wohnt, aber die Geräusche die man so hört sprechen eindeutig dagegen.
Die Welt war für mich fast verschwunden, ich war wie ein Zuschauer, ein Außenstehender, der beobachtet hat, wie alles Tag für Tag nur noch an einem vorbeizieht. Ich war nicht mehr Teil meiner Umgebung, sondern war in meiner eigenen Welt gefangen.
Du hast dann immer versucht mir mit deinen Erfahrungen zu helfen, als ich dir mal wieder über ein Problem oder so von mir berichtet habe. Langsam habe ich dann immer mehr über dich und dein Leben erfahren und ich wurde skeptisch mit mir selbst. Mir wurde immer mehr bewusst, dass es nicht so sein muss, wie es ist, das ich nicht allein sein muss und wieder Teil dieser Welt werden kann. Doch ich wusste nicht, was ich machen soll, wusste nicht, wie es geht, Menschen zu finden, welche mich akzeptieren. Das habe ich nie gelernt falls das überhaupt möglich ist und kann es bis heute nicht wirklich und ich wusste auch nicht, wie ich wieder in diese Welt finden kann. Klar habe ich immer wieder Leute kennengelernt, aber irgendwie wurde nie mehr daraus als ein „Hallo" und „wie Geht's?". Eine Zeitlang habe ich mir immer wieder eingeredet, das mich einfach niemand mag und ich ein absolut seltsames Wesen bin, welches niemand kennen möchte. Ich konnte Stundenlang immer wieder durch die Stadt gehen und tausendenden Menschen begegnen, aber ich war trotzdem allein, überall. Relativ schnell habe ich mich dann immer mehr und öfter selbst bemitleidet, als mir so richtig bewusst wurde, dass es nicht so sein muss und besonders schlimm wurde es, als ich deine Geschichten gelesen habe und ich bei anderen gesehen habe, wie es hätte schon früher bei mir sein können. Selbst als ich mir dann versucht habe einzureden, das es nichts bringt wurde es nicht wirklich besser. So verging dann fast Tag für Tag, eine ganze Zeit lang und niemand außer dir wusste, dass es mir nicht gut ging. Wer sollte auch schon davon wissen, es gab sonst ja nur mich und meine weit entfernte Familie und ich wollte auch nicht, dass es von denen einer mitbekommt.
