No Matter Where

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(Prolog)

Loslassen

Ein Wort. Für alle Streber die dies jetzt gerade lesen und im Unterricht aufgepasst haben: in diesem Fall ein Namenwort, ein Nomen (für alle die's wirklich genau haben wollen).
Eine Bewegung. Eine Aktion. Ein kleiner Ablauf von Ereignissen, den ich seit Wochen in meinem Kopf durchgehe.
Etwas das meist leicht erscheint, wenn das Objekt an dem man festhält kein Leben in sich hat.
Eine Ballarina, die an einer Balletstange festhällt, muss diese loslassen. Nur so kann sie zu etwas Großem werden. Zu einer Eiskönigin, die jeder fürchtet. Zu einem wundervollen, weißen Schwan, der jeden mit seinem prächtigen Gefieder verzaubert. Wenn sie jedoch an dieser Stange festhält, kann sie niemals nach größeren Dingen greifen. Eine Hand klebt immer an dieser dummen, hölzernen Stange. Natürlich versucht sie mit ihrem zweiten Händchen dieses Größere zu ergreifen, doch in dieser, steckt einfach nicht genügend Kraft.

Ich kann es Leuten nicht übel nehmen, wenn sie dauernd an jemanden oder etwas kleben bleiben. Schließlich tue ich gerade das selbe.
Doch wenn man soetwas tut, heißt das nicht, dass man eine Klette ist oder dass man schwach ist, weil man an nichts anderes mehr denken kann. Es kann nämlich auch das komplette Gegenteil bedeuten. Man gibt nicht auf, man hat Willenskraft, man ist sich sicher, dass es wiederkommen wird. Dass sich all das lohnen wird und dass man an etwas glaubt, wenn es kein anderer tut.
Vielleicht wird man irgendwann belohnt, dafür, dass man nie aufgegeben hat.

Ich frage mich seit Wochen ob ich irgendwann belohnt werde. Dafür, dass ich daran glaube, dass er zurückkommen wird. Dafür, dass ich alles auf's Spiel gesetzt habe. Dafür, dass ich "JA" gesagt habe, als alle anderen "NEIN" sagten. Ich fange jedoch an daran zu zweifeln.
Ich bin in letzter Zeit unsicher und hinterfrage alles was ich tue.

RICHTIG oder FALSCH ?

Zwei Wörter, die sich schon so sehr in meinen Kopf eingebrannt haben, dass ich sie Tag ein und Tag aus vor mir her murmle. Sie besitzen mich, quasi.
Ich kann nicht spontan die Entscheidung treffen etwas zu tun, ohne vorher 30 Minuten darüber nachzudenken, welche Folgen die nächste Aktion haben könnte, ob alle anderen damit einverstanden sind, oder ob das was ich machen werde, richtig oder falsch, gut oder nicht gut ist.

Ich früher: Furchtlos, stark, hilfsbereit, spontan, lustig, mein eigener Mensch. Ich konnte meine Entscheidungen selber treffen.

Ich heute: Ängstlich, zurückhaltend, unsicher, mit dem Temperament einer Schlaftablette. Ich verkrieche mich und versuche, schwierigen Szenarien aus dem Weg zu gehen.

Ein Phoenix steigt aus der Asche hinauf in den Himmel und breitet seine Flügel aus. Er zeigt so, dass er nicht mehr gefangen ist, dass er nun groß, stark und selbstsicher ist. Er schreit förmlich: "Hier bin ich! Endlich! Das ist mein wahres Ich!"
Ich wünschte soetwas würde mit mir passieren. Eine Transformation zu einer fröhlichen, lebenslustigen Person. (Oder wenn das nicht geht, mindestens zu meinem alten Ich.)
Ich weiß auch ganz genau, was ich brauche, um dies zu tun.
Jemanden, der mich unterstützt. Der mir sagt "Mach weiter", wenn es eigentlich keinen Grund dafür gibt.

Diese Rolle übernahm normalerweise er.
Wir waren eins, wie verschmolzen. Deswegen tat es vermutlich umso mehr weh, als er aus meinem Leben gerissen wurde. Wobei...wenn ich mich korrekt daran zurückerinnere: Er wurde nicht wirklich aus meinem Leben gerissen. Er befreite sich selbst daraus.

Dies bringt mich wieder zu meinem eigentlichen Thema. Zu diesem Wort. Namenwort oder Nomen für alle Streber. (Mir ist gerade aufgefallen das es eigentlich ein Verb ist. Oops...aber wir sind nicht hier um meine Grammatikkünste zu bewerten!!!!! Also...)

Loslassen.

Wenn man einen Menschen loslassen soll, erscheint das alles viel schlimmer. Vor allem, wenn es eine Person ist, die man über alles liebt. An die man sich gewöhnt hat. Ohne die man sich sein Leben nicht mehr vorstellen kann.
Liebe kann unglaubliche Glückshormone hervorrufen. Man kann nahezu besessen von ihr sein. Manchmal ist man sogar so in ihr verloren, dass man nicht bemerkt, wie man währenddessen zerbricht.

"Lass los! Hör einfach auf daran zu denken!"
Wörter die mir seit Wochen von meiner Familie ins Gesicht gedrückt werden. Aber warum soll ich es vergessen? Wenn ich es vergesse, würde ich damit ja auch die letzte Erinnerung verlieren, in der er enthalten ist. Sehen sie nicht, dass ich so und so schon in einzelne kleine Glasssplitter zerbrochen bin? Ich will dafür belohnt werden, dass ich daran festgehalten und geglaubt habe. Ich will dieses Gefühl wieder spüren.
Er hat es mir versprochen!
Er hat versprochen, das dies passieren wird.
Er hat versprochen, dass alles wieder gut wird.

Ich hoffe Tag für Tag, dass er kommt und mir einfach diese drei kleinen Worte in mein Ohr flüstert.
Keiner versteht, was ich durchmachen musste! Keiner versteht ihn! Keiner versteht mich!

Warum sollte ich es (mein Leben und mein Leid) nicht einfach beenden?
Es wäre so einfach.
Man müsste nur in die Küche gehen und in der Bestecklade nach einem Messer greifen. Man kann eine kleine runde Kugel ,mit der Hilfe eines Knopfdrucks, einfach frei lassen und sie das machen lassen, wozu sie erschaffen wurde.

Ob ich es wirklich tun sollte, weiß ich nicht.
Ich weiß aber, dass mir bestimmt wieder diese zwei kleinen, nervigen Worte im Kopf herumschwirren würden.
Immerhin befindet sich in meinem kaputten zerbrochenen Körper noch irgendwo etwas Stärke.
Ich darf nur nicht aufgeben. Ich muss mich irgendwie durch diese stachelige Hecke hindurch kämpfen.

Für meine Freunde.
Für meine Familie.
Für mich.

Aber am aller meisten...

Für IHN.

(Eine 1000 Wörter lange Gefühlsduselei von mir, Ruby Grace O'Conner, die vermutlich niemals irgendwer zu Gesicht bekommen wird)

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Ready?

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