Er wollte rennen, einfach rennen. Weg von allem und endlich Rettung finden. Welcher Art war ihm egal: Ob es nun ein Hubschrauber, ein Schiff oder sogar nur der Handy-Empfang war, der wiederfunktionierte. Irgendein Zeichen von Zivilisation!...
Doch vergebens: Schon nach wenigen Metern musste er stehen bleiben um Luft zu holen. Der Sand gab nach, wenn er seinen Fuß abrollte, und so war es viel anstrengender zu joggen als sonst auf dem Asphalt der Straßen. Seine Designer-Schuhe waren völlig ruiniert von dem nassen Sand, der an ihnen klebte, und das feine Leder durch den schmirgelpapierartigen Sand abrieb.
Langsam beugte er sich hinunter um genügend Luft zubekommen, und sein Kreislauf begann sich zu erholen. Er versuchte wieder logisch zu denken: Wie lange war er schon hier?
Es war ungefähr eine Stunde, seitdem er aufgewacht war. Angeschwemmt an einem Strand, durchnässt und verwirrt. Das Letzte, an das er sich erinnern konnte, war sein Business-Trip gewesen: Er sollte mit einem Interessenten den Kaufvertrag aushandeln und seinem Geschäftsführer dann von dem Deal berichten. Auf einer Privatyacht hatten sie sich getroffen, aber die Erinnerungen daran waren eher verschwommen.
Bis er sich dies überhaupt wieder ins Gedächtnis gerufen hatte, war schon eine Menge Zeit vergangen. Aber die andere Frage war noch immer anwesend und beschäftigte ihn am meisten.
Wo? Wo genau war hier? Dieser Fleck, auf dem er stand, dieser Strand, dieser nicht enden wollende Strand und die unzähligen Sandkörner - und er!
Wenn er auf das Meer sah, konnte er weit und breit kein anderes Land entdecken. Wenn er entgegengesetzt schaute, zum Innern des Landes oder der Insel, auf der er war, dann konnte er nur die vordere Reihe von Bäumen sehen und ein Dickicht, das ihnen folgte. Wenn er nach hinten oder nach vorne sah, sah er nur Strand, wieder diesen Strand. Der Ausblick schien gleich zu bleiben, egal in welcher Richtung er der Küste entlanglief.
Seine Gedanken kreisten um die Geschäfte, die er noch in dieser Woche, diesem Monat, diesem Jahr abzuschließen hatte. Wie konnte er am schnellsten wieder in die Zivilisation gelangen und seine Arbeit aufnehmen. Er war für die Firma unersetzlich.
Also, wo war er und wie kam er wieder zurück, mitten in seinen Alltag und seinen angestammten Platz zwischen den Verhandlungspartnern am Tagungstisch? Das konnte alles nicht wahr sein, irgendetwas war entsetzlich schief gelaufen, irgendetwas!
Hastig zog er sein Handy aus der Hosentasche, um, wie alle zwei Minuten, mindestens einmal nachzusehen, ob er wieder Empfang hatte. Das Display leuchtete auf - noch immer kein Signal - dann flimmerte es kurz auf und erlosch vollständig. Verzweifelt schüttelte er das Handy, hoffend auf die normale Bildschirmanzeige, doch der Bildschirm blieb schwarz. Mit einem wütenden und hilflosen Aufschrei schleuderte er das Handy in den Sand.
Zitternd verbarg er das Gesicht in seinen Händen und sank in die Hocke. Hart atmete er durch seine zusammengebissene Zähne ein und aus, sein Körper bebend vor Unruhe. Der Druck in seiner Brust war fast unerträglich, und ein Kloß lag in seiner Kehle, der sein Wehklagen abwürgte. Er schluckte kräftig, um ihn hinunter zu spülen, aber vergeblich. Fest kniff er seine Augen zu und hoffte darauf, dass alles nur ein Traum war.
Ein schlimmer Alptraum!
Bestimmt war das Rauschen der Autos, die an seiner Wohnung auf der regennassen Straße vorbei fuhren, verantwortlich für die unbewusste Verarbeitung in das Rauschen von brechenden Wellen im Meer. Das Ganze war nur eine Erfindung seines schlafenden Bewusstseins.
Sein Atem ging wieder normal. Wenn er jetzt nur die Augen öffnete, mit dem Wissen, dass alles nicht echt war, dann würde er die Raufasertapete, die über seinem Bett hing, sehen...
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Sandtropfen
Short Story„Noch nie war mir etwas so fremd gewesen, denn ich spürte, dass es tief aus meinem Innern kam."
