Engelsjägerin

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Der Morgen war grau und schwerer Nebel hing über der Stadt.
Das war das Erste, was ich nach dem Schrillen des Weckers realisierte. Schon jetzt hatte ich keine Lust, mich von meinem warmen Bett zu trennen.

Meine Mom kam hereingestürmt. Sie trug wieder mal eine alte verwaschene Jeans und ein Kapuzenpulli. Ich wunderte mich darüber, dass sie sogar in solchen Klamotten gut aussah.
Mom war 36 und ziemlich hübsch. Sie hatte schulterlange blonde Locken, die meistens in alle Richtungen abstanden.
Sie ärgerte sich meistens darüber, obwohl sie auch froh war, dass diese Frisur sie jünger wirken ließ.
Sie kam zum Bett und zog mir meine Decke weg. Es gab nur noch mich und meine Mom, so dass sie sehr viel Zeit für mich hatte. Selbst für meine kleinsten Probleme hatte sie ein offenes Ohr. Sie lachte über mein verschlafenes Gesicht oder über meine Haare, die mir durchwuschelt über die Schultern fielen.
Sie hatte das fröhliche Lachen eines Kindes. Ich versuchte mir meine Decke zu schnappen, die halb auf dem Boden, halb auf dem Bett lag. Aber Mom, die wusste, was ich vorhatte, warf sie mit Schwung ans andere Ende des Zimmers. Und das war ziemlich weit. Sie war stark, viel stärker als normale Menschen und auch viel stärker, als man es ihr ansah. Sie brauchte diese Stärke für ihren Beruf. Sie war Engelsjägerin. Seit Generationen jagte unsere Familie dunkle Engel. Sie nannte es ihre Lebensaufgabe - ihren Grund, warum sie lebte. Ich fand ihre sogenannte Lebensaufgabe sehr gefährlich und schwer zu erfüllen. Die Menschen glaubten, bis auf wenigen Ausnahmen, nicht an Engel oder andere übernatürliche Wesen. Aber eigentlich passierten jeden Tag Vorfälle, an denen gerade diese Wesen schuld waren. Naturkatastrophen wie Tsunamis, Erdbeben und Vulkanausbrüche. Keiner konnte sich erklären, warum sie passierten. Sie passierten einfach.

Ich stieg laut schimpfend aus dem Bett und schlürfte ins Bad, um mich fertig zu machen. Meine Lustlosigkeit wuchs mit jeder Minute, die ich im Bad verbrachte. Ich beeilte mich und ging zum Frühstücken in die Küche. Mom saß schon am Tisch mit einer Tasse Kaffee und drehte das Radio auf, als sie hörte, dass „Hey Brother" lief.

Ich schenkte mir Kaffee ein. Nach dem Lied sagte meine Mom, dass sie für drei Tage nach London müsste. Dort hatten einige Kollegen von ihr dunkle Engel aufgespürt. Jetzt warteten diese auf Verstärkung. Ihr Job war gefährlich, weil sie jeden Tag von Engeln getötet werden konnte. Zu meinem und ihren Schutz hatte sie überall im Haus Waffen versteckt. Dunkle Engel hatten die Angewohnheit Engelsjäger zu Hause, zu töten. Ich hatte noch nie einen gesehen, aber was meine Mom mir über diese merkwürdigen Geschöpfe des Himmels erzählte, reichte vollkommen aus, um mir die Lust zu nehmen, diese jemals begegnen zu wollen.
Natürlich gab es auch die guten Engel. Diese erkannte man an ihren hellen Flügeln und ihrem reinen Blick. Diese sah man aber noch seltener als die dunklen Engel. Diese Geschöpfe stammten ursprünglich aus dem Himmel, aber dank der Revolution des Erzengels Luzifer sind er und viele seiner Anhänger gefallen und wurden zu dunklen Engeln.
Sie hatten das Ziel, die Menschenwelt zu zerstören und den Himmel zu erobern.
So hieß es jedenfalls in Legenden und Geschichten.
Die guten Engel hatte Gott gesandt, um die dunklen Engel zu vernichten. Dies alles geschah vor ca. 500 Jahren. Der erste Engelsjäger hatte das erste Buch über die wahre Existenz von Engeln geschrieben und gab es seinen Kindern.
Diese bekamen göttliche Kräfte wie Stärke, Weisheit und Gerechtigkeit, um den guten Engeln zu helfen, die dunklen Engel zu bezwingen. So entstand der Bund der Engelsjäger. Meine Mom wurde mit 14 Jahren berufen. Sie bekam außergewöhnliche Kräfte und begann über Engel zu lesen, mit Waffen zu trainieren und sich generell über Engel zu informieren.
Mit 16, nach ihrer Prüfung, wurde sie zur Engelsjägerin ernannt und musste einen Schwur ableisten. Sie liebte ihren Beruf, weil sie von diesen Geschöpfen fasziniert war. Nach dem Essen brachte sie mich wie üblich mit ihrem Pick-up zur Schule. Ich verabschiedete mich von ihr und befahl ihr, gut auf sich aufzupassen. Sie versprach es und winkte mir noch einmal zu. Ich winkte lächelnd zurück, drehte mich um und ging in Richtung Schule.

EngelsflüsternWhere stories live. Discover now