Sie stand gegenüber von mir und schaute auf den Boden. Man merkte ihr ihre Nervosität an. In dem Moment konnte ich nicht darüber nachdenken, ob das was sie sagte stimmen konnte oder nicht und ob ich vielleicht sogar ganz anders darüber dachte. Sie wartete auf eine Antwort, aber ich wusste nicht was ich sagen sollte. Sie sah mich als ihre beste Freundin. Es gab zwei verschiedene Antworten die ich ihr geben konnte. Würde ich ihr sagen, dass auch sie meine beste Freundin sei wäre sie überglücklich. Wenn ich ihr allerdings sagen würde, dass ich sie nicht als meine beste Freundin sehe, sondern nur als normale Freundin, oder noch schlimmer nur als einfache Klassenkameradin mit der man ab und zu mal was macht oder auch nicht, wäre sie sehr traurig und würde denken, dass ich sie nicht mag. Wegen des vergeblichen Versuchen meine Gedanken zu ordnen und aus der Angst etwas falsches zu sagen und sie zu verletzen falle ich in Ohnmacht. Als ich so langsam wieder zu mir komme und durch meine Wimpern schaue, sehe ich nur zwei große Augen. Aufgrund der außergewöhnlichen Farbe kann ich sofort erkennen, dass es sich bei der Person, die sich über mich gebeugt hat, um meine Mutter handelt. Sie schaut mich besorgt an und bevor sie mir den Inhalt ihrer Wasserflasche ins Gesicht schütten kann öffne ich zaghaft meine Augen. Ein erleichtertes "Gott sei Dank geht es ihr gut" verlässt ihre Lippen, die sie mit rotem Lippenstift großzügig ausgemalt hat. Ich richte mich vorsichtig wieder auf. Da fängt meine Mutter auch schon an:
"Ach Mary Schatz, was ist denn passiert? Geht es dir gut? Paris hat mich angerufen und ich bin sofort gekommen. Wir waren kurz davor einen Krankenwagen zu rufen. Ist alles okay? Komm ich helfe dir hoch."
Sie musste natürlich mal wieder maßlos übertreiben. Ist ja nicht so das ich in Lebensgefahr war oder sonst was. Ich bin nur in Ohnmacht gefallen. Aber naja so kenn ich sie ja, sie ist halt meine Mutter.
"Ja Mama alles ist okay, ich müsste mich nur mal etwas ausruhen. Können wir bitte Nachhause fahren?"
Sofort steigt meine Mutter in das kleine, hellblaue Auto, auf das sie so stolz ist und ich steige hinterher. Als ich mich nochmal umdrehe schaut mich Paris an, mit einem Blick, den ich nicht recht deuten kann. Sie sieht traurig aus, aber auch verwirrt und beschämt. Bevor meine Mutter losfahren kann formt Paris mit ihren Lippen die Wörter "Whatsapp" und "bitte" bevor sie sich dann auf den Weg nachhause macht und meine Mutter mit quietschenden Reifen losfährt. Unterwegs erzählt mir meine Mutter alles mögliche Zeug bei dem ich nur mit halbem Ohr zuhöre. Da sie mir keine Fragen stellt, merkt sie dies allerdings nicht. Zuhause angekommen renne ich sofort hoch in mein Zimmer und schmeiße mich auf mein Bett. Mir ist immer noch etwas schwindelig und die Worte von Paris schwirren noch in meinem Kopf herum. Um mich etwas abzulenken greife ich nach meinem Handy. Ah, Liam hat mir geschrieben. Liam ist quasi der süßeste Junge aus meiner Schule und zwei Klassen über mir. Eine Klassenkameradin ist befreundet mit seiner Schwester und hat mir so seine Nummer besorgt. Als sie mir die Nummer gegeben hat bin ich schreiend durch das ganze Haus gerannt. Aber keine Details. Auf jeden Fall habe ich ihm schon einige Male geschrieben und er mir auch und wir verstehen uns glücklicherweise echt gut. Ich gehe auf den Chat mit Paris. Sie ist offline, aber ich weiß genau, dass sie vor ihrem Handy sitzt und nur drauf wartet das ich ihr schreibe. Hm..eigentlich ist Paris eine gute Freundin von mir. Ich weiß allerdings nicht ob sie meine beste ist. Ich habe einfach Angst enttäuscht zu werden, wenn ich ihr sage, dass sie auch meine beste Freundin ist. Ich wurde schon einmal enttäuscht und möchte so ein Gefühl nicht noch einmal spüren. Je mehr ich an die Vergangenheit denke, desto trauriger werde ich und Tränen laufen über mein Gesicht. Als ich meine Gefühle nicht mehr im Griff habe werfe ich mich auf mein Bett und lasse meinen Gefühlen ihren freien Lauf. Ich erschrecke als meine Mutter ruft. Ich muss wohl eingeschlafen sein. Sie fragt, wie es mir gehe und ob ich etwas essen möchte. Immer macht sie sich so viele Sorgen um mich. Ich weiß nicht ob alle Mütter so sind, oder nur meine. Aber trotzdem liebe ich sie. Als meine Mutter zufrieden mit meiner Antwort ist bleibe ich noch einige Minuten auf meinem Bett und starre meine Zimmerdecke an. Dann nehme ich mein Handy in die Hand. Paris hat mir geschrieben. Sie meint das ich ihr doch bitte meine Meinung sagen soll. Einen Moment zögere ich. Dann schreibe ich allerdings:
"Hey Paris, es ist wirklich schwer das jetzt so zu sagen. Versteh das jetzt nicht falsch, du bist eine sehr gute Freundin von mir und ich hab dich wirklich sehr gern, aber ich brauche noch etwas Zeit. Als ich die Nachricht abgeschickt habe gehe ich aus dem Zimmer. Ich brauche einfach frische Luft. Das Zimmer, nein das ganze Haus engt mich jetzt ein. Ich glaube das es nicht mal daran liegt. Vor allem mein Körper engt mich ein. Es ist als ob ich nicht atmen könnte. Besonders heute ist es so. Also gehe ich raus um etwas spazieren zu gehen. Jetzt ist vielleicht auch ein guter Zeitpunkt um etwas über mich zu sagen. Also ich heiße, wie ihr vielleicht schon gemerkt habt, Mary und bin 17 Jahre alt. Ich wohne zusammen mit meiner Mutter in einem großen Haus in Los Angeles, der Stadt der Engel. Mein Vater ist gestorben als ich sechs Jahre alt war. Krebs. Damals wusste ich noch nicht wie es sein würde ohne Vater aufzuwachsen. Ich dachte immer mein Vater wäre weggezogen oder vielleicht nur für sehr lange Zeit verreist. Leider war dem nicht so. In der Schule haben immer alle Kinder von ihren heilen Familien erzählt, von denen ich nur träumen konnte. Ich denke oft an meinen Vater, aber meine Erinnerungen an ihn verblassen immer und immer mehr. Naja jetzt zu einem anderen Thema. In der Schule bin ich so mittelmäßig. Ich bin kein Überflieger aber ich komme immer durch. In meiner Klasse verstehe ich mich eigentlich mit allen ganz gut. Achso das hätte ich ja fast vergessen! Meine große Leidenschaft ist die Musik. Ich liebe es zu singen und Musik zu hören. Ich höre jeden Tag Musik und manchmal sage ich, dass Musik mein Leben ist. Eigentlich stimmt das sogar. Naja. In der letzten Zeit mache ich viel mit Paris. Sie ist total nett und es macht immer Spaß etwas mit ihr zu unternehmen. Anscheinend findet sie das auch. Aber ich kann ihr nicht sagen, dass auch sie meine beste Freundin ist. Ich kann nicht. Die Angst enttäuscht zu werden ist viel zu groß. Ihr fragt euch bestimmt schon die ganze Zeit warum ich solche Angst davor habe enttäuscht zu werden. Ich denke jeder hat etwas Angst von Menschen die einem wichtig sind enttäuscht und verletzt zu werden und diese Angst ist auch definitiv berechtigt. Bei mir ist diese Angst allerdings größer. Zum einen, weil ich einfach eine sehr zerbrechliche Person bin und bei mir schon eine Kleinigkeit großes ausrichten kann. Zum anderen, weil ich schon einmal eine beste Freundin hatte. Sie hieß Elly. Wir waren unzertrennlich und haben uns fast jeden Tag getroffen, immer alles zusammen gemacht und uns immer alles erzählt. Doch dann fing sie aus heiterem Himmel an sich zu ritzen und zog sich immer mehr zurück. Wir haben uns fast garnicht mehr. Sogar die Schule begann sie zu schwänzen. Immer wenn ich sie darauf ansprach, sagte sie immer nur ich solle sie in Ruhe lassen. Dann fing sie auch noch an mich anzulügen. Ich war sehr verletzt und hab mich gefragt womit ich das verdient habe. Und irgendwann war sie weg. Von einem Tag auf den anderen verschwunden. Keiner wusste wo sie war. Die Polizei fand nichts und lies es dann auch irgendwann einfach sein, da Elly aus dem Heim kam. Nach diesem Erlebnis fing ich an mich zu ritzen und wurde schlechter in der Schule. Ich bin sogar fast hocken geblieben. Während andere Mädchen mit Jungs ausgingen und auf Konzerte gingen saß ich zuhause und habe geweint. Doch dann kam Paris in unsere Klasse und seitdem geht es mir besser. Nein ich muss sagen es geht mir sogar gut. Wir verstehen uns sehr gut, aber ich kann einfach nicht an ihre Frage denken. Sie erinnert mich an Elly. Aber alle aus meiner Klasse haben eine beste Freundin mit der man über alles reden kann, mit der man tolle Sachen machen kann und die immer für einen da ist. Nur ich und Paris nicht.
Ich gehe wieder rein und lege mich schlafen. Morgen muss ich in die Schule. In der Nacht träume ich von Elly und weine sogar im Schlaf.
