Prolog

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Wie alles begann...

Kolgujew, April 1967: Kristina steht am Fenster, lehnt ihre Stirn gegen die kühle Scheibe und blickt hinaus in die Nacht. Nur vage zeichnet sich die Silhouette der 35-Jährigen gegen die Dunkelheit im Zimmer ab. Laut hörbar seufzt Kristina auf. Der jugendliche Freiheitsdrang ihrer knapp 16-jährigen Cousine könnte sie alle ernsthaft in Gefahr bringen. Laura hält sich einen großen Teil ihrer Freizeit an Orten auf, an denen sie nicht sein sollte und trifft sich mit Leuten, die sie nicht treffen sollte. Einer davon ist Jack. Jack ist 27 Jahre alt, Namibier – und kriminell. Er ist ein Gastarbeiter. Was er genau treibt, weiß Kristina nicht, aber überall wird getuschelt. Schon immer hatte Laura diese Schwäche für Dunkelhäutige gehabt. Aber wie viel sie dafür aufs Spiel setzen würde, das hätte Kristina niemals ahnen können.

Müde stößt sie sich vom Fenster ab und geht in die Küche. Das Gedankenkarussell in ihrem Kopf verwirrt sie. Während sie sich einen Tee kocht, summt sie eines ihrer Lieblingslieder vor sich hin, um sich von ihren dunklen Gedanken abzulenken.

Kristina war gerade einmal zwei Jahre alt, als ihr Leben ein für alle Mal zerstört wurde. Eines Nachts waren die Männer in den schwarzen Anzügen ins Haus eingebrochen und hatten ihren Vater mitgenommen, um ihn völlig grundlos einzusperren. Jahre später erfuhr Kristinas Mutter, dass er noch in derselben Woche im Gefängnis gestorben war. Von diesem Tag an war nichts mehr so wie zuvor. Jetzt mussten sie sich ständig verstecken und immer aufpassen, dass sie nicht irgendwo als Russlanddeutsche erkannt wurden, denn sonst wären sie so gut wie tot. Kristina war in Angst und Schrecken aufgewachsen. Als Kind durfte sie niemals spielen. Immer musste sie vorsichtig sein. Und bloß kein deutsches Wort in der Öffentlichkeit! 

Doch eines Morgens im April geschah das Schreckliche: Eine Gruppe fremder Männer erkannte Kristinas Mutter und ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, zogen sie das Messer.

Von da an lebten Kristina und ihre fünf älteren Schwestern bei Alexej Rejkjavic, dem blinden Krämer und seiner Frau Lieselotte.

Als Kristina erwachsen geworden war, hatte sie mit ihrem damaligen Verlobten Adrian das kleine Haus am Stadtrand bezogen. Und dann...


Lauras Heimkommen schreckt Kristina aus ihren Erin-nerungen auf. „Laura!", ruft sie aus, „Laura, verdammt noch mal! Wo hast du gesteckt?!" Die 16-Jährige zögert. „Weiß nicht...", murmelt sie irgendwann, den Blick beschämt zu Boden gerichtet. „Glaubst du, ich weiß nicht, dass du mich anlügst?!" In Kristinas Stimme klingt unterdrückte Wut mit: „Sicher hast du dich wieder mit diesem Rumtreiber getroffen. Sieh mir in die Augen, wenn ich mit dir rede!!!" Laura zuckt zusammen. „Nenn ihn nicht einen Rumtreiber!", fährt sie ihre Cousine an, „Jack ist okay." Kristina seufzt: „Na, wenn du das sagst..." Für weitere Diskussionen ist sie zu müde. Vielleicht wird sie morgen mit Laura darüber reden. Oder auch nicht?

„Warte!" Laura hat nach Kristinas Arm gegriffen und hält sie fest. „Kristina, ich – ich glaube ich bin schwanger." Ein Ruck geht durch den Körper der 35-Jährigen. Sie kann kaum glauben, was sie da hört.

„Laura, du bist 16!"

„Ich weiß."

„Geh mir aus den Augen!!! Ich will dich nicht mehr sehen."

Kristinas Zorn ist wie eine Welle, die sie überkommt und niederzudrücken droht. Schweigend beobachtet sie Laura, die langsam die Treppe hinaufgeht, wohl in der Erwartung, zurück gehalten zu werden. Geh, beschwört Kristina sie still, lass mich jetzt allein. Ich muss erst einmal meine Gedanken ordnen. Ich verstehe einfach nicht, wie du mir so etwas antun kannst. Ich habe dir vertraut und du hast mich belogen. Du hast gesagt, du würdest dich nie mehr mit ihm treffen. Versprochen hast du es. Wie konntest du mir nur so eiskalt ins Gesicht lügen?! Ich verstehe dich nicht Laura.

Aber andererseits weiß Kristina, dass sie jetzt für Laura da sein muss. Denn Laura braucht sie jetzt. Sie wird sie nicht im Stich lassen, selbst wenn sie ihr schon wieder Hals und Kragen retten muss.


Man sieht nur mit dem Herzen gutStories to obsess over. Discover now