Es schmerzt.
Es schmerzt mehr, als ich gedacht hätte. Viel mehr.
Ich glaube, ich zerbreche daran. Wenn ich nicht schon zerbrochen bin. Mein Herz ist es. Da bin ich mir hundertprozentig sicher. Ich spüre nichts anderes, als großen, mich überwältigenden Schmerz. Ich kann es fühlen. Ich kann fühlen, wie mein Herz, das vor wenigen Momenten noch munter und unwissend vor sich hin schlug, jetzt in meiner Brust zu zerbersten droht. Ich bemerke den starken Druck. Er presst meinen Brustkorb zusammen, zerquetscht meine Lungenflügel, nimmt mir die Luft zum Atmen. Der Schmerz überrollt mich. Und ich, ich breche zusammen. Ersticke an der Wucht, mit der mich diese Welle an Gefühlen unter Wasser hält. Meine Lungen füllen sich mit dem salzigen Meerwasser, drohen zu platzen. Es gibt keinen Platz mehr für Luft. Das Wasser nimmt alles ein. Genau wie der Schmerz. Erst jetzt bemerke ich die Taubheit. So, als ob ich ertrinken würde, werden meine Glieder schwer und taub. Ich bin kaum noch fähig, sie zu bewegen. Sie sind nur noch ein Teil meines Körpers, aber nicht von mir. Meine Seele löst sich von meinem Körper, der mich Stück für Stück immer mehr in die undurchdringliche und unbekannte Tiefe zieht. Ich schnappe nach Luft, muss feststellen, dass ich dennoch in meinem eigenen Körper gefangen bin und nie wieder die Wasseroberfläche erreichen werde. Ich werde nie wieder den blauen Himmel, die strahlende Sonne am Tag, die glitzernden Sterne in der Nacht oder den großen runden Mond sehen können. Den Strand, die felsige Küste, genauso wie die lachende, weinende, schmunzelnde, glückliche Menschenmenge; nichts davon werde ich wieder sehen können. Ich werde mich nur lückenhaft an die Welt außerhalb des Ozeans erinnern können. Wenn ich daran denke, dass ich diese Welt, auf der ich mein ganzes Leben verbracht habe, nie ganz gesehen habe, schnürt sich meine Brust zu. Ich wollte die ganze Welt sehen. Und wie viel habe ich bis jetzt zu Gesicht bekommen? Ich spüre Kraft in mir aufkeimen. Ich muss es schaffen, an die Oberfläche zu kommen. Auch wenn ich es nicht kann. Mein Kopf weiß, was er will, doch mein Körper zweifelt. Er zweifelt an seiner Kraft. Ich schließe meine Augen, bemerke das Pochen. Ich muss stark bleiben, ich darf nicht weinen. Weinen ist ein Zeichen von Schwäche. Schwäche, die meinen Körper in die Ecke drängt und ihn Stück für Stück zum Aufgeben zwingt. Ich fasse einen Entschluss. Ohne eigentlich zu wissen, ob ich es tatsächlich schaffen werde, bewege ich meine aus der Taubheit erwachenden Arme und Beine. Oberfläche. Oberfläche. Oberfläche. Meine Gedanken schwirren nur um dieses eine Wort. Oberfläche. Mit geschlossenen Augen bewege ich mich durch die lebensgefährliche Stille. Da das Wasser meine Augen nur noch mehr zum Tränen bringen würde, orientiere ich mich blind. Der Schmerz erdrückt mich, hält mich immer noch unter Wasser, und desto mehr ich mich der Oberfläche nähere, desto schwerer wird die Last auf meinen Schultern. Ich werde es schaffen müssen, sonst bin ich verloren. Verloren im Ozean. In meinem eigens erschaffenen Ozean meiner Gefühle. Ich darf einfach noch nicht sterben. Panisch reiße ich meine Augen auf.
Und sehe. Ich sehe den Himmel. Die schäfchenartigen Wolken über mir. Die strahlende Sonne. Mein Herz stolpert und hüpft freudig. Ich habe es an die Oberfläche geschafft und lebe noch. Niemand wird mich am Grund meines Gefühlsozeans auffinden. Niemand wird wegen mir leiden oder um mich weinen müssen.
Plötzlich aber spüre ich es. Es lässt nach. Alles verblasst. Langsam, aber sicher. Die Sonne wird schwächer, die Wolken verziehen sich, der Himmel verfärbt sich. Das Meer verschwindet. Meine Freude schwindet, schrumpft auf die Größe eines Staubkornes, löst sich schließlich in Luft auf.
Und zurück bleibe ich. Mein kaputtes, geschundenes, gebrochenes Ich. Mit Tränen im Gesicht, einem gebrochenen, zerstörtem Herz in der engen, mit Wasser gefüllten Brust.
Mit dem Verlangen, aller Welt dein >Für immer< zu zeigen und dir in deinen Allerwertesten zu treten.
»Liebe bringt niemanden um. Sie schießt einem nur ins Knie und lässt uns weiter humpeln.«
#050316
Dieser Text wurde bereits in meinem - inzwischen wieder gelöschten - Werk "Storybook" veröffentlicht.
MadamePottine.
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sechsundzwanzigdrei.
Short StoryS E C H S U N D Z W A N Z I G D R E I. Ist es nicht faszinierend, dass ein Buch, ein Text, eine Nachricht, einfach alles Lesbare eine einfache Kombination aus sechsundzwanzig Grundbuchstaben und drei Umlauten ist? Dass diese Kombinationen es möglich...
