I. Thaddäus

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Stell dir einen Ort vor, welcher so seltsam wie eigenartig war. Beißender Rauch wohnte in den Nasen der Bewohner und feuchter Nebel drückte auf ihr Gerippe wie ein Mahlstein. Kleine Holzhäuser tummelten sich um die düsteren Straßen wie dürre Ratten um einen Kadaver. Die Behausungen wurden von Stockwerk zu Stockwerk breiter, so dass Thaddäus Mortem den Kindern des Waisenhauses neben an auf die von Flöhen bevölkerten Kissen spucken konnte.

Krähen stolzierten auf den kleinsten Fenstersimsen und schrien ihre Grimm in die verschmutzen Ohrmuscheln der Einwohner von Schattenwald. Der hügelige Boden unter dem vergessenen Dörfchen sähe ohne die Bauten aus wie das pockennarbige Gesicht eines jungen Mannes. Auf jedem Hügel, am höchsten Punkt, stand das Häuschen einer glücklichen und vor allem reichen Familie. Drumherum drückten sich die übrigen Hütten dicht an dicht. Die Gässchen waren Tunnel und die Tunnel waren Gässchen, so wenig Platz bot Schattenwald.

Jeden Morgen weckte das Kratzen und Beißen der hölzernen Karren den jungenThaddäus aus seinem traumlosen Schlaf. Jeden Morgen stieß er die Fensterläden auf, die polternd gegen die Schädel stießen, welche das Haus der Familie Mortem zierten. In Schattenwald gab es viele Menschen, zu viele um mit jedem bekannt zu sein. So beschlossen die Bürger einst, ein jeder solle sein Können offen am Eigenheim zur Schau stellen. So dass sich die Leute nicht nach der Art der Beschäftigung erkundigen mussten. Nun war der alte Mortem nicht besonders geschickt im Aufhängen von Schädeln oder etwa im Polieren eben dieser. Auch war er nicht bewandert im Lesen der Zukunft aus Menschenknochen oder gar ein Kannibale. An dieser Stelle sei erwähnt: Laut der Hexe aus der Zuckerstraße lebten Kannibalen im Nachbardorf Beisshausen. Ob man dem Glauben schenken darf sei hier dahin gestellt.

Die Familie Mortem war in fünfzehneinhalbter Generation Totengräber. Thaddäus sah sich jedoch, auf Grund seiner Affinität zum menschlichen Leichnam, bereits als vollwertige Generation an. Wo immer, wer immer, wie immer ein Bürger der Stadt seinen letzten Atemzug tat, rief man die Mortems. Als ständiger Begleiter seines Vaters hatte man dem Sprössling der Sippe den Namen Mini Mortem gegeben.

Zur Veranschaulichung sprechen wir den Fall von Dolly Molly einmal vom letzten Herzschlag bis zum letzten Körnchen Erde auf ihrem Grabe durch. Dolly Molly war die vermutlich schönste Frau von Schattenwald, zumindest in ihrer Jugend. Mit den Jahrzehnten nahm nicht nur die Schönheit sondern ebenfalls das Selbstvertrauen der Dahinsiechenden ab. Eine enge Freundschaft mit dem Bier und den grölenden betrunkenen Gästen der Schenke sollte die finsteren Gedanken von ihr fern halten. Letzten Endes waren eben diese Verbundenheit und ein Quäntchen Dummheit der Sargnägel von Dolly Molly.

Im vergangenen Herbst schlug sie ihr Lager bereits früh in Bernds Pub auf und trank bis ihr der hässliche Köter vom guten alten Bernd vorkam wie ein honigsüßes Kätzchen. Zur Mittagszeit konnte sich die inzwischen sehr beleibte Dame kaum noch auf ihren behaarten Beinen halten. Das stille Örtchen rief dringlich nach ihr und so stolperte sie in den Hinterhof. Die Sicht bereits verschwommen, schien der hölzerne Verschlag am Schweinestall wie einem angemessenen Ort um sein Geschäft zu verrichten. Dolly zerrte und riss am Gatter, fluchte und schnaufte wie die dicke Sau hinter dem Zäunlein. War der Stein, oder eben Dolly Molly, einmal ins Rollen gebracht, gab es kein Halten mehr. So beobachtete Bernds Sau Birte erstaunt wie eine betrunkene Dame über das Gatter kletterte und mit dem Rockzipfel am rostigen Haken des Türchen hängen blieb.  Der gleiche Haken, der ihr eben noch den Einlass verwehrte. Mit einem gewaltigen Platsch landete sie im Morast, Gesicht voraus. Birte, die Sau, wartete mindestens dreizehn Atemzüge. Doch Dolly Molly war bereits am Schlamm, Mist und fauligen Resten erstickt. Da begann die Sau aus vollem Hals zu quieken. Doch  niemand hörte sie.

Bernd fand die Tote erst am frühen Abend. Schon wenige Tage nach dem Ereignis scherzten die Leute dass er Dolly anfangs für die schlafende Sau Birte gehalten hatte. Er schickte einen mit Rotz verschmierten Jungen nach den Mortems, welche wenig später neben ihm standen und die entblößte Rückseite von Dolly betrachteten.

"Hat se wohl nich verdient die alte Dolly." trauerte Bernd - er hatte einen verlässlichen und zahlenden Gast verloren.

"Alle habens verdient." schnaubte der alte Mortem.

"Die einen mehr als die anderen." sagte Thaddäus und strich sich eine rabenschwarze Haarsträhne aus dem Gesicht.

Der Himmel war bereits kohlrabenschwarz als vier gestandene Männer es schafften den leblosen Körper auf die Sackkarre der Mortems zu hieven. Thaddäus mühte sich mit einem Leinentuch der verdreckte Fleisch zu bedecken und sie zogen samt Dolly Molly von dannen. So hatte sie sich das sicherlich nicht gewünscht die alte Dolly. Doch nicht vielen ist ein würdevoller Abtritt vergönnt. 

Das Trio kam nur langsam vorwärts. Die Straßen hatten Furchen und Pfützen, denen sie, so gut es ihnen möglich war, auswichen. Als sie die Hälfte der Strecke geschafft hatten wäre die Dame fast von der Karre gerutscht und konnte nur im letzten Moment vom erneuten Fall in den Morast bewahrt werden.

Das Haus der Mortems war vollgestellt mit Totenkisten, quoll über vor Leinentüchern und wirkte stets düsterer als alle Häuser in der Nachbarschaft. Das mag sicherlich auch am direkt angrenzenden Friedhof des Dörfchens liegen. Ebendiesen steuerte das kleine Trüppchen an.

Dolly Molly hatte keine Familie die ihr nahe genug stand um für eine Holzkiste aufzukommen, geschweige denn einer Beerdigung beizuwohnen. So gab es keinen Grund die sterbliche Hülle Mollys zu reinigen und für eine Zeremonie her zu richten. So ging es ohne Halt am Haus der Totengräber Familie vorbei auf den angrenzenden Gottesacker. Wenn gerade niemand mit der Sackkarre abgeholt werden musste hoben Thaddäus und sein Vater Gräber aus, denn – „sterben tun sie immer."

Die dicke Dame wurde samt bedeckendem Tuch in eins der vorbereiteten Löcher gerollt. Dies geschah so würdevoll wie möglich, denn die beiden Totengräbern waren nicht kräftig genug die schwere Dame stilvoll in ihre letzte Ruhesätte hinab zu lassen. Sie bekreuzigten sich geschwind. Das Grab würde der Priester am nächsten Morgen weihen.

Schäufelchen für Schäufelchen fiel die Erde auf Dolly Molly hinab. Der Mond hing bereits tief am Himmel als die Mortems über den moosigen Boden zu ihrem Haus zogen.

So trugen sie und gruben sie Tag ein Tag aus. 

Der Totengräber und die Liebe Stories to obsess over. Discover now