Prolog

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300 GRAMM

Es war ein episodisches Buch, es sprang vom Mörder zu den Biographien seiner Opfer, von den Morden zu seiner Kindheit, es war abgehackt und geheimnisvoll und der Leser erfuhr nicht mehr als das Allernötigste.

Es war ein sehr gutes Buch, fast zu gut um wahr zu sein, es hielt sich lange auf Platz eins. Es war grausam und diese Grausamkeiten, die die Autorin in aller Eifer und Leichtigkeit beschreiben konnte, brachten das Publikum um seinen Verstand. Es war eines dieser Bücher, welches man hätte verfilmen können, doch es wäre nicht dasselbe. Auf einer Leinwand würde man nicht den Schauer bekommen, der einem eiskalt die Wirbelsäule hinunterlief, wie an diesen gewissen Stellen auf Papier.

> Ich sehe ihr in die Augen. Ich weiß nicht, was sich in ihnen widerspiegelt. Ist es Angst, ist es Wut? Was denkt sie wohl gerade?

Ich habe über andere gelesen, die diese Sache hier getan haben. Denkt sie, ich wolle sie ausziehen und sie zu Dingen zwingen, die sie niemals im Leben wollen würde? Ich bin nicht so einer. Ich will ihr nicht an die Wäsche und ihr den Mund zuhalten müssen, nur damit man sie nicht bis in die Stadt hören könnte, während ich ihr das Becken breche mit einer solchen Wucht. Ich will so etwas nicht. Ich kann nicht nachvollziehen, wie man so etwas überhaupt wollen würde.

Ich will sie nur verstehen. Nicht genau sie, das Mädchen mit den roten Haaren und den roten Lippen, die zu meinen Füßen gefesselt auf dem Boden liegt, ich möchte sie alle verstehen. Die Menschen. Was sie bewegt, warum sie es bewegt. Ich möchte verstehen, warum sie so sind, wie sie sind und warum ich es nicht sein kann.

Ich hätte mir ebenso gut einen Mann aussuchen können, nur bin ich mir bewusst, dass mir eine Frau physisch (und wohl auch mental) unterlegen ist. Das spart mir Kraft. Bei einem Mann meines Alters besteht die Chance, er wäre stärker als ich, er hätte sich spontan gewehrt und meinen gesamten Plan aus dem Konzept gebracht.

Sie beginnt zu wimmern und den Kopf zu schütteln, als ich das Messer aus meiner Hosentasche ziehe. Es ist nur ein Taschenmesser, es ist stumpf und rostig. Ich weiß, dass ich mir etwas Würdigeres hätte einfallen lassen sollen, um der Rothaarigen zu meinen Füßen das Herz rauszuschneiden wie genau das Messer, das ich bereits für das Gehirn von Freddies Hund benutzt habe. Ich hatte auf die Schnelle nicht noch etwas Neues besorgen können.

Ich halte ihr die Spitze an die Stirn. So fest, dass es die Haut hineindrückt, doch so leicht, dass sie noch nicht blutet. Sie schreit. Laut. Es schrillt durch meinen Kopf hindurch, ihre Stimme scheint sich ihren Weg in mein Gehirn gebohrt zu haben und nun nicht mehr herauszufinden. Ihre Stimme ist in meinem Blut, in meinem Herzen, ich spüre jede Faser meines Körpers, das Adrenalin.

Ich ziehe das Messer zurück, umklammere nun den Griff so, dass die Klinge von meinem Daumen hinweg zeigt, hinunter, auf ihren Körper. Ihre Augen, die Pupillen winzig klein, springen von der Waffe zu meinem Gesicht, von der Waffe zu meinem Gesicht, hin und her und hin und her. Angst? Hat sie Angst? Bangt sie um ihr Leben?

Ich lege meine Hand flach auf ihren Bauch, ich spanne den Stoff ihres Oberteils samt meines Daumens und Zeigefinger, ich bohre die Spitze der Klinge allmählich hinein in ihr warmes, schweißbedecktes Fleisch. Ich sehe ihr in die Augen, tief in diese grünen Augen, ich weiß nicht, was ich sehe. Es ist Schmerz, es muss Schmerz sein, jeder einzelne Mensch würde bei einem solchen Akt Schmerz empfinden. Ich wundere mich, warum sie nicht schreit. Sie scheint sich verschluckt zu haben. In ihrem Hals gluckst es. Ich sehe wieder in ihre Augen.

Sie beginnt, leicht zu schielen. Sie sieht langsam von der Decke zu mir, erwidert den Blickkontakt. Ich bohre die Klinge weiter in sie hinein. Ich bin vielleicht fünf Zentimeter drin. Ihre Lider flattern, wird sie bald schon aufgeben?

Mein Herz springt. Es rast. Es ist in meinem Hals. Ich spüre den Puls in den Ohren, in meinen Fingerspitzen, die auf ihren Bauch drücken, meine blutigen Fingerspitzen. Ich höre ihren Atem, wie sie stockend durch die Nase einatmet, durch den Mund aus. Ich wünsche mir, sie würde wieder schreien. Ich vermöge, das Adrenalin wieder zu spüren, ihre Stimme in meinem Blut. Ich fühle auch ihren Herzschlag auf ihrem Bauch. Ich frage mich, wie viel sie aushalten wird. <

Man las das Buch und man fühlte mit. Mit den Opfern und der Angst, man fühlte ihn. Lenny. Der Mörder. Das kranke Schwein, wenn man so will, der Perverse. Der, der es nicht besser wusste. Man las das Buch und mochte ihn vielleicht selber umbringen, aber man könnte nicht leugnen, man hätte sich nicht für einen kurzen Moment mit ihm identifizieren können.

Nicht auf Basis der Begierde, einen Mitmenschen auseinanderzulegen, aber binnen der einsamen Monologe, binnen derer Stellen, in denen er die angebliche Humanität, die diese Erde umgeben sollte, infrage stellte; wenn er nicht verstand, dann vielleicht gab es einen kleinen, winzig kleinen Punkt, an dem man ihm zugestimmt hatte.

Denn, wir sind alle Menschen und wir sind alle Mitglieder irgendeiner Gesellschaft, wir haben unseren Glauben, sei es den an Gott, an sich selbst oder an irgendein anderes Wesen, wir haben den Halt, den wir in unseren persönlichen Dingen finden, wenn es uns schlecht geht. Wir sind die Spezies des Homo sapiens, des weisen Menschens, und wir sind weise, natürlich, wir sind imstande, uns fortzubilden, uns unser Wissen anzueignen, Technologien zu entwickeln, ins All zu fliegen, doch sind wir es tatsächlich? Wissen wir, wie wir wirklich funktionieren, abgesehen der biologischen und chemischen Vorgänge, der DNA und all dies? Nennen Sie mir einen Menschen, der die Menschheit versteht, alles, was sie umgibt, alles, was sie mit sich herbringt, und es wäre nicht schwer, Ihre Behauptung als inkorrekt zu prüfen.

Und weil Sie Lenny in diesem Punkt nicht widersprechen könnten, könnte das Ihr Nächster wahrscheinlich auch nicht, ebenso wenig sein Nächster und dessen Nächster. Und vielleicht, nur vielleicht, würden Sie bei irgendeinem Nächsten, vielleicht dem Fünfzigsten oder dem Zweihundertdreiundzwanzigsten, auf jemanden stoßen, der Lenny nicht nur in diesem Punkt zustimmen könnte, sondern auch in einigen anderen seiner Ansichten.

Ich habe einen solchen gefunden. Er versetzt Seattle, Washington in diesem Moment in Angst und Schrecken.

// (Das unglaublich perfekte Cover ist von rollingstoned. Ich danke dir erneut.) //

300 GrammWhere stories live. Discover now