Gefühle = Chaos?
Ich sitze auf dem kleinen Felsen am Weiher, meinem Lieblingsplatz. Der Weiher liegt nicht zu weit von unserem Haus weg, um ihn mit dem Fahrrad zu erreichen, aber so tief im Wald, dass es dort so ruhig ist wie nirgends sonst. Man hört nur die Natur, das Plätschern des Wassers und das Rascheln des Laubes. Ich glaube, das ist es, was mich beruhigt. Ich komme oft hierher, wenn ich traurig bin, wenn ich wütend bin, aber auch um nachzudenken, was ich eventuell falsch gemacht habe. Doch für meine ziemlich bescheidene Lage im Moment kann ich nichts. Meine Eltern haben sich vor zwei Wochen getrennt. Jetzt wohnen meine Schwester und ich bei meiner Mutter. Ich habe gerade mit meiner Ausbildung begonnen und daher denkt meine Mutter, ich sollte ausziehen, mir eine eigene Wohnung suchen und mit beiden Beinen fest im Leben stehen. Ich fange an zu weinen, ich will nicht von meiner kleinen Schwester getrennt werden, nicht auch noch von ihr! Die Tränen rinnen über mein Gesicht und tropfen glitzernd von meiner Nasenspitze auf die Wasseroberfläche. Ich bemerke Kreise auf der Oberfläche, die nicht von meinen Tränen stammen können. „Beruhig dich, du bist nicht alleine, was auch immer deine Sorgen sind, es gibt immer jemanden, der zu dir hält." Ich zucke unwillkürlich zusammen, die Stimme kommt aus der Richtung, in der auch die Kreise auf dem Wasser zu sehen waren. Ich weiß nicht, woher ich plötzlich diesen Mut und diese Entschlossenheit nehme, aber ich laufe in die Richtung, aus der die Stimme kam. „Stopp, wenn du weiter läufst, geh ich weg, du wirst mich nicht mehr sehen." Ich bekomme doch ein bisschen Angst, wer beobachtet mich da, und warum ist er überhaupt hier? Soll ich mich auf das „Spiel" mit ihm einlassen? Ich habe zwei Möglichkeiten: gehen, und hoffen, dass er hier nie wieder auftaucht, oder mich damit abfinden, dass ich nicht mehr die einzige hier bin. Ich entscheide mich für letzteres. Vielleicht ist es ja gar nicht so gut, immer nur alleine hier herumzusitzen. Vielleicht bin ich auch deshalb in der Schule eine Einzelgängerin, vielleicht aber auch, weil ich kein typisches Mädchen bin. Mit Schminke kann ich schon mal gar nichts anfangen, und Jungs sind außer zum Fußballspielen zu nichts zu gebrauchen. Auf einmal spüre ich wider diesen Mut in mir: „Kennen wir uns oder warum beobachtest du mich hier?" „Ich kenne dich, du kennst mich vielleicht, und ich beobachte dich nicht, sondern habe zufällig rausgefunden, dass du öfter hier bist." „Darf ich wissen, wie du heißt, wie alt du bist, oder woher du mich kennst?" „Nein, 18, Hobby." „Hä, was? Kannst du mal deutsch mit mir reden?", wir unterhalten uns, als würden wir uns schon ewig kennen. „Nein, du darfst nicht wissen, wie ich heiß, ich bin 18 Jahre alt und kenne dich durch dein Hobby." Ich krame in meinem Gedächtnis nach einem Jungen, der mich entweder durchs Fußballspielen oder durch die Techniktreffen kennt, 18 Jahr alt ist und mir nicht verraten will, wie er heißt, weil er vielleicht Angst hat, ich wüsste, wer er ist. Es ist mittlerweile schon später geworden. „Glaub mir, ich bin immer für dich da!", kommt es nochmals aus dem Unterholz, dann ein Rascheln und niemand antwortet mir auf meine Rufe. Ich hebe mein Mountainbike vom Boden auf und fahre los. Wie will er immer für mich da sein, wenn ich nicht einmal weiß, wer er ist. Ich nehme mir fest vor, ihn das nächste Mal zu fragen. Zuhause erzähle ich meiner Mutter, wir hätten morgen Sonderfußballtraining, denn sie weiß nichts vom Weiher, und das soll auch so bleiben. Und da meine Mutter sowieso denkt, „ich sei ein Junge, gefangen in dem Körper eines Mädchens", will ich sie in diesem Glauben lassen. „Meine Hobbys und mein Styling würden dies bestätigen", meint sie immer abfällig. Die meisten können mich wahrscheinlich nicht verstehen, aber ich mag meine Mutter nicht. Dafür mag ich meine süße kleine Schwester umso mehr. In den ersten Tagen nach der Trennung unserer Eltern haben wir uns gegenseitig Halt gegeben. Aber ich habe mich trotzdem immer alleine gefühlt. Jetzt wo ich 'Mister-?' kenne, fühle ich mich nicht mehr so alleine, dabei kenne ich ihn überhaupt nicht richtig. Nach dem späten Mittagessen, bei dem meine Mutter und ich uns wie üblich angeschwiegen haben, gehe ich auf mein Zimmer und schließe mich ein. Das tue ich in letzter Zeit ziemlich oft. Ich stelle mich vor mein Bett und lasse mich rücklings fallen. Unter mir knittert etwas, ich schrecke hoch, waren das etwa die Aufzeichnungen zu dem neuen Computerprogramm, das wir entwickelt haben? Ich drehe mich um und nehme den Zettel in die Hand, es ist ein blaues Briefpapier mit Wolken, er ist zusammengefaltet und auf der Außenseite steht in einer schönen Handschrift mein Name.
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Liebe und was dazu gehört
Storie breviLiebe - ein einfaches Wort, denkt man im Normalfall. Doch was alles damit zusammenhängt, ist alles andere als einfach. Hinter diesem einen Wort steckt so viel. Liebe kann täuschen, wehtun, unerkannt oder einfach nur schön sein. Das müssen auch Caro...
