REINE LÜGEN

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Der Regen tröpfelte romantisch auf das zerbrochene Küchenfenster.
Bald würde er nach Hause kommen, dachte ich.
Mein Herz schlug etwas schneller als sonst, aber abgesehen davon ging es mir blendend.
Meine nachtschwarzen Locken flossen in sanften Wellen meinen Rücken herab, meine schneeweisse Haut glich der Haut einer edlen Leiche und meine Fingernägel waren mit blutrotem Nagellack lackiert; Ich sah perfekt aus.
Niemand konnte wissen, was sich hinter meiner wunderschönen Fassade für hässliche Gedanken abspielten. Nein, in mir sahen die Menschen nur das, was sie sehen wollten;
Ein süsses Fräulein, welches das Haus nie ohne ihr lindgrünes Kleid verliess.

Mehr brauchten sie aber auch nicht zu wissen.

Schliesslich verbarg sich mein wahres ich hinter dem weissen Lattenzaun, der unser hübsches, kleines Häuschen umgab. Was sich darin abspielte wusste niemand.
Der Sekundenzeiger befahl der Uhr ein kleines Liedchen zu spielen, denn es war genau acht Uhr.
Die Musik erklang und löste eine unheimliche Stimmung im totenstillen Haus aus.
Dann verstummte sie wieder.
Ich schnitt mit dem neuen Gemüsemesser Zwiebeln und Knoblauch fürs Abendessen und schüttete dazu noch etwas Olivenöl in die Bratpfanne.
Leise summte ich das Lied der Küchenuhr vor mich hin und griff nach dem Salz.
Schöne Salzkristalle. Sie glänzten fast genauso wie die Juwelensammlung im Keller.
Rubine, Smaragde, Saphire...Nur die wertvollsten standen in seinem Besitz.
Diese Steine waren ein Geheimnis. Ein Erbe seiner Vorfahren.
Ein Blitz erhellte den milchig bewölkten Himmel und kurz darauf folgte ein lautes Donnern.

Doch ich wusste, dass er seinen Schatz niemals mit mir teilen würde.
Er wollte ihn für sich allein, damit er ihn einmal seinen Kindern weitervererben konnte und diese Schmarotzer würden dann dasselbe tun.
Welch eine Verschwendung. Wieso schenkte er ihn nicht mir? Seiner Herzdame?
Jedes Mädchen liebte Diamanten.

Es klopfte an der Tür.

Er würde die kostbaren Steine niemals mit mir teilen, aber wenn er nicht mehr da wäre...
Was würde ihm dann noch für eine Möglichkeit bleiben, als mir sein Erbe zu überlassen?

Mit einem verspielten Lächeln tänzelte ich zur Tür und öffnete sie.
Er stand durchnässt vor mir, mit den kindlichen Grübchen im Gesicht und einem Aktenkoffer in der linken Hand.
„Hallo. Wie geht es dir?", fragte er mich. Ich grinste. „Ich nehme an etwas besser als dir. Komm rein und trockne dich. Ich habe schon Abendessen gemacht".
Ich lief in die Küche und hörte ihn die Tür hinter sich schliessen.
„Das Wetter ist unheimlich", kommentierte er. Kurz darauf erfolgte ein erneutes Donnern.
Ich nickte und servierte das Essen. Reis mit Knoblauch und Zwiebeln. Sein Lieblingsessen.
Er verschwand für kurze Zeit im Bad.

Mit einem rosa Lappen putzte ich sorgfältig das scharfe Messer.
Dann kam er wieder und setzte sich an den gedeckten Tisch. „Wow. Kerzenlicht und Wein. Weshalb dieser Anlass?", fragte er begeistert. Ich setzte mich auch. „Wir sind doch schöne Menschen. Und schöne Menschen verdienen schöne Dekoration". Sein Gesicht strahlte. Er war wirklich ein schöner Mann. Er hatte Köpfchen und ein reines Herz, aber ich liebte ihn nicht. Ich liebte niemanden.
„Na dann. Stossen wir an?" Ich hob mein glänzendes Gefäss in die Höhe und stiess mit ihm an, was einen glasigen Ton auslöste.
Mit verzerrtem Gesicht schluckte ich die bittere Flüssigkeit hinunter und zwang mich zu einem Lächeln. „Ich habe ein Geschenk für Dich". Seine Pupillen weiteten sich vor Neugier.
„Ach ja? Das ist aber nett von dir." Ich lief zum anderen Ende des Tisches, das Küchenmesser hinter meinem Rücken versteckt.
Und da stand ich nun vor ihm. Sein Mundwinkel zuckte, als konnte er es kaum glauben mich als Ehefrau zu haben.
„Mein Schatz. Ich habe dich nie geliebt. Das einzig wertvolle an unserer Ehe waren deine Juwelen. Es tut mir leid." Dann stach ich ihm das scharfe Messer in die Brust und warf mich auf ihn.
Wir stürzten beide zu Boden. Ein verzweifeltes Stöhnen kam aus seinem nach Luft keuchenden Mund.
„Wie kannst du...ich habe dir...alles gegeben", stotterte er. Ich verdrehte die Augen und rammte ihm noch einmal mit voller Wucht das Messer in sein Herz. „Wenn deine Liebe alles war, was du mir geben konntest, dann hast du versagt!", schrie ich wütend. Blut strömte aus der Wunde und färbte meine Hände rot. Ich hatte es genossen ihn zu manipulieren, denn jetzt konnte ich ihm das nehmen, woran ihm am meisten lag.
Und da ich es nicht war, sollte es auch nichts und niemand anderes sein.
„Ich schätze das ist nun das Ende unserer Liebesgeschichte", flüsterte ich ihm ins Ohr. „Du bist...", setzte er an. Ich hob eine Augenbraue. „Du bist schwanger!", rief er und dann fielen seine Augenlider zu.

Mein Magen verwandelte sich in einen Eisklumpen.
Das konnte nicht stimmen. „Was?! Nein! Sag mir, dass du lügst!" Doch Leichen antworteten eben nicht.
Der gestrige Arztbesuch, die ständig wiederkehrende Übelkeit in letzter Zeit... All diese kleinen Teile versuchte ich in meinen Gedanken irgendwie zusammenzusetzen und schliesslich ergaben sie das vollendete Puzzle: Es war die Wahrheit.
Nein! Nein! Nein! Die Juwelen gehörten mir! Mir allein!
Ich hasste dieses verdammte Kind und wollte es wie seinen Vater in den Tod schicken!
Aber war es mir das wert? Mein Leben aufs Spiel zu setzen für Macht und Besitz?
Ja. Das war es mir wert, denn sonst hätte ich das Spiel verloren.
Ich würde mir in den Bauch stechen und das Baby durchbohren und jeder würde denken, dass mein böser Mann versucht hatte mich umzubringen. Deshalb musste ich ihn einfach töten...es war Notwehr...

Mein Plan war perfekt.

Ich griff zum Messer und stach mir zwei Mal in den Bauch. Schwarze Punkte begannen vor meinen Augen zu tanzen, welche sich kurze Zeit später zu einem blassen Strudel formten. Mist! Im Hintergrund konnte ich jedoch bereits die Sirenen hören. Sie würden mich retten. Der Strudel zog mich in seinen Bann und mir wurde pechschwarz vor Augen.
„Oh mein Gott". „Der Mann ist tot. Was ist mit der Frau?!" Ich hörte die Stimmen, denn ich lebte. „Sie lebt!"Ich hatte gewonnen.

Auf der Intensivstation erwachte ich erschöpft. Das starke Neonlicht der hässlich an der Decke befestigten Röhren reizte meine Augen.
„Schwester!", rief ich mit hilfloser, gespielter Stimme. Schnell rannte eine stämmige Blondine ins Zimmer.
„Ja, Miss?" Meine Zähne blitzten. „Haben sie roten Lippenstift? Ich sehe fürchterlich aus und möchte gerne wieder hübsch sein."
Ihr Gesicht wurde kreidebleich.
„Natürlich", antwortete sie überrascht und verschwand wieder.
Ich war eine kaltblütige Mörderin, aber das würde sie niemals erfahren...
Nicht solange ich roten Lippenstift trug.

Tja, manchmal gehören auch süsse Fräulein in die Hölle.
Aber welche Dame würde schon nicht für Diamanten töten...?











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⏰ Última atualização: Dec 27, 2015 ⏰

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