Syx' Herz klopfte so heftig, dass es aus seiner Brust herauszuspringen drohte und am ganzen Körper zitterte er vor Wut und Aufregung. Man hatte ihn betrogen. Man hatte ihn auf hinterhältigste Art und Weise betrogen. Warum hatte er nicht gleich geahnt, dass es einen Haken an diesem Auftrag geben musste?
Doch die hohe Belohnung für die vergleichsweise einfache Aufgabe war viel zu verlockend gewesen, um lange über sie nachzugrübeln. Tausend Goldmünzen. Tausend Goldmünzen und eine Kutsche, die ihn sofort nach dem Attentat auf den Adler abholen sollte, um ihn vor den Wachen und sicherlich wutentbrannten Bürgern zu retten, so war es ausgemacht gewesen. Doch nun stand Syx alleine da, keine zwanzig Meter von dem Kreis aus Menschen, unter denen auch einige Wachen anwesend waren, die ihn, wenn er nicht bald einen Fluchtweg fand, sicherlich fangen würden, entfernt. Noch etwas weiter weg befand sich die mächtige Steinburg mit ihren vier Türmen, auf denen sich je eine blaue Fahne, auf der ein weißes Pferd abgebildet war, im Wind kräuselte. Der Hügel, auf dem das imposante Bauwerk stand, war ziemlich hoch, doch gegen die mächtigen Berge, von denen er regelrecht umzingelt wurde, wirkte er bloß mickrig. Ein breiter Weg, nicht einmal gepflastert, sondern bloß aus festgetrampelter Erde bestehend, schlängelte sich den Hügel hinunter und führte in eine nicht allzu große, liebenswerte Stadt hinein. Dort konnte man kleine, aber dafür fein gearbeitete Holzhäuser vorfinden, die mit ihren schön verzierten Fensterläden, den zahlreichen bunten Blumen, die entweder im meist sehr kleinen Garten oder vor den Fenstern standen, den fuchsroten Schindeldächern und dem Schornstein, aus dem stets dichter, grauer Nebel herausqualmte, mehr als einladend wirkten. Natürlich waren nicht alle Häuser so fein gearbeitet und hochwertig, manche waren bloß einfache Hütten, wohingegen die reichen Leute meist ein zweistöckiges Gebäude besaßen, das viel größer als die zum Anfang hin erwähnten Häuser war, diesen aber in Aussehen und Imposanz in nichts nachstand. Die Stadt insgesamt war auffallend dicht gebaut, was wohl auf die Tatsache zurückzuführen war, dass es sich in einem kleinen Tal befand und es hier eben nicht genug Platz für riesige Anwesen und weite Gärten gab. Bis auf einen kleinen Marktplatz im Zentrum von Trang, um die Stadt auch einmal beim Namen zu nennen, wurde die spärliche Fläche so gut wie möglich ausgenutzt.
Das prächtige Wetter ließ dieses besinnliche Fleckchen noch einmal deutlich schöner erscheinen, denn schön war die Stadt ja, auch wenn sie nicht so geordnet und von breiten Straßen durchzogen sein mochte wie manch andere.
Nur wenige, birkenweiße Wölkchen trieben gemächlich durch den Himmel, so als wären sie kleine Fische, die sich von einer sanften Strömung durch das riesige Meer tragen lassen, die schneebedeckten Gipfel der Berge glitzerten wie Silber und die Luft war erfüllt von einem sommerlichen Duft.
All das beobachtete Syx in wenigen Augenblicken und in seinem Kopf ging er blitzschnell alle möglichen Fluchtoptionen durch. Er machte sich keine Illusionen, gegen so viele Wachen ankommen zu können, und da er nicht gewillt war, im Gefängnis zu landen oder einen Kopf kürzer gemacht zu werden, suchte er panisch nach einem Ausweg aus seiner verzwickten Lage. Die Straße war keine gute Idee, dort konnte er sich nicht tarnen und mit Pferden hätte man ihn sofort eingeholt. In die Burg hineinzurennen konnte ihm auch nur schwerlich weiterhelfen, vor allem da die Zugbrücke nicht heruntergelassen war und man ihn noch schneller als auf der Straße erwischt hätte. Kalter Angstschweiß tropfte Syx' Stirn hinunter. Was konnte er nur tun? Plötzlich entdeckte er eine Möglichkeit, wie er zumindest eine geringe Chance hatte, zu entkommen.
Ein Stückchen den Hügel hinab, jenseits der Straße, befand sich ein kleiner Nadelwald, der nicht einmal so groß war wie die bereits sehr kleine Stadt Trang, und dessen Bäumen man sogar aus der Ferne ansehen konnte, dass sie krank sein mussten. Viele verloren ihre Nadeln, obschon diese eigentlich das ganze Jahr über die langen Äste der Bäume schmücken sollten, oder sie verfärbten sich, sodass die vielen feinen Nadeln nicht mehr dunkelgrün schimmerten, sondern entweder blassgrün oder gar bräunlich geworden waren. Irgendetwas musste diesen Wald verändert und ihm seine Kraft und seine Frische genommen haben. Denn beim Anblick der dunklen Stämme, von denen kahle, scharfe Äste abstanden und die sich entweder bedrohlich vor einem aufbauten wie ein wütender Höhlenbär, oder erschöpft dahingen wie eine eingegangene Pflanze, lief Syx ein kalter Schauer den Rücken hinab.
Doch so ausladend der Wald auch war, er war seine einzige Hoffnung. Wo sonst hätte er sich schnell genug verstecken können? Also befestigte er den Bogen wieder auf seinem Rücken und sprintete sofort los. Nun, wahrscheinlich war er etwas zu schnell und plötzlich losgelaufen, denn augenblicklich wurde die gesamte Menschenmenge auf ihn aufmerksam. Syx spürte ihre anklagenden und wütenden Blicke im Nacken und bereute schon jetzt, dass er das Ganze nicht etwas leiser und unbemerkter angegangen war, auch wenn man sowieso bald in ihm den Schuldigen erkannt hätte. Die meisten der Adligen konnten nicht mit ihm Schritt halten, doch die Wachen waren gut ausgebildete Kämpfer und wussten auch mit ihren Bögen ausgezeichnet umzugehen. Binnen Sekunden hatten sie selbige gezückt und tödliche Pfeile pfiffen durch die Luft. Verzweifelt begann Syx Haken zu schlagen wie ein Hase, um nicht von den Geschossen getroffen zu werden. Mitten im Laufen schaute er kurz zurück und sah mit Schrecken, wie die eine Hälfte der anwesenden Wachen, es waren ungefähr zwanzig Mann, ihn weiterhin gnadenlos mit ihren Bögen beschoss, während die andere Hälfte gerade dabei war, sich Pferde zu beschaffen. Und da dies voraussichtlich nicht allzu lange dauern würde, beschleunigte Syx noch einmal seine Schritte, obwohl er bereits elendig schnaufte und ein stechender Schmerz in seiner Seite das verzweifelte Rennen noch unerträglicher machte. Immer noch hatte er nicht mehr als ein Drittel des Weges zum rettenden Wald hinter sich, und da er sich auf völlig offener Fläche befand, würde es nicht mehr lange dauern, bis eine der Wachen es schaffen würde, ihm einen Pfeil ins Fleisch zu jagen. Doch Syx konnte nichts anderes tun, als immerzu weiterzurennen. Schweiß floß inzwischen in Strömen an seinem Gesicht hinab, die Kapuze hatte er im Laufen bereits abgesetzt, sodass der Wind, der ihm aufgrund seiner rasanten Abwärtflucht entgegenwehte, seine haselnussbraunen Haare zerzauste und er etwas bessere Sicht hatte. Seine Beine brannten wie Feuer und vor Schmerz brüllte er sein Leid und seine Hoffnungslosigkeit hinaus. Mittlerweile hatte er die Hälfte der scheinbar endlosen Strecke überwunden und es schien wie ein Wunder, dass ihn noch kein einziger Pfeil erwischte hatte, auch wenn seine Haken denen eines Hasen alle Ehre machten. Immerhin zielten zwanzig bestens ausgebildete Wachen auf ihn, irgendwann mussten sie ihn doch treffen! Es schien fast, als ob sie ihn gar nicht treffen wollten, denn manche Pfeile sausten so knapp an ihm vorbei, dass er bereits ihren kalten Luftzug spürte. Kaum hatte Syx diesen Gedanken vollendet, da krachte schon eines der hölzernen Geschosse in seine Schulter und es fühlte sich an, als hätte ihm jemand selbige weggesprengt. Sein Schulterblatt krachte scheußlich, als der Pfeil sich in es bohrte, und von der Wucht des Aufpralls wurde er zu Boden geschleudert und schlitterte auf dem weichen Gras noch etliche Meter dahin, bis er schließlich leblos liegen blieb.
Mittlerweile war Syx nicht mehr weit vom zwar furchteinflößenden, aber dafür rettenden Wald entfernt und das Schicksal bewies einmal mehr seinen grausamen Sinn für Humor. Er war nun so kurz vor seinem Ziel, aber beim besten Willen nicht mehr imstande, den Wald zu betreten und sich zwischen den dunklen Bäumen zu verstecken. Dunkles Blut quoll aus Syx' Wunde und schon bald lag er in einer grässlichen, roten Pfütze. Mittlerweile hatten die wenigen Wachen, die sich in der kurzen Zeit ein Pferd beschaffen konnten, seinen schändlich zugerichteten Körper erreicht und unsanft hievte der Anführer des Wachtrupps, ein stämmiger Mann, dessen grob geschnittenes Gesicht als einziges nicht von einem Helm bedeckt wurde, Syx auf sein Pferd. Immer noch hatte die Wunde nicht aufgehört zu bluten und das rehbraune Fell des Pferdes färbte sich dunkelrot und verkrustete leicht. Längst hatte der hintergangene Bogenschütze das Bewusstsein verloren und bekam so auch nichts davon mit, wie plötzlich hinter den sehr mit sich selbst zufriedenen und gemächlich reitenden Wachen einige seltsame Gestalten auftauchten.
Gestalten, wie sie die Kinder aus der Umgebung nur noch aus Schauermärchen kannten und die sich in den letzten Jahrzehnten kaum hatten blicken lassen. Es waren die Volds.
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Der Schütze
FantasyWir befinden uns im Lande Palagia. Ein Land voll von mystischen Wesen und zahlreichen Abenteuern. Und in jenem Land begeht Syx, unser Protagonist, ein verhängnisvolles Attentat. Daher muss er flüchten, doch wegen einiger Komplikationen kommt plötzli...
