Kapitel 4
Die Schweißperlen rannen dem Mädchen die Stirn herunter, wie ein kleiner Wasserfall, ihre roten Locken waren unter der Kappe bereits feucht und die dunkle Reithose klebte an ihren Oberschenkeln, wie mit Klebstoff beschmiert. Die Sonne brannte erbarmungslos herunter, doch das Pony unter ihr schien das kaum zu interessieren. Der kleine Schimmel rannte und rannte, als wäre er eine Woche lang nicht bewegt worden.
Julius lehnte sich gegen die Umzäunung und musterte die Reiterin durch seine eisblauen Adleraugen. In den Händen drehte er sein Smartphone in einer Dauerschleife.
„Absatz tief und Knie zu", meinte er, als Poppy an ihm vorbeigaloppierte. Pepsi war heute mal wieder ziemlich frisch und nutzte jede Gelegenheit, um durchzugehen. Der Blonde war das bereits von der erfahrenen Stute gewohnt, doch Poppy schien ihre Probleme mit ihr zu haben.
Sie sah aus dem Augenwinkeln für einen Moment zu Julius, der den Blick immer noch auf sie gerichtet hatte. So wie die hungrigen Augen einer Hyäne, die ihre Beute nicht aus dem Auge lassen wollte. Sie schluckte die kleine Blamage, die sie gerade erlitt, hinunter wie einen kleinen Brotkrümel und hob den Kopf. Sie würde jetzt nicht aufgeben. Ganz und gar nicht. Es war noch nicht vorbei.
Absatz. Tempo. Knie. Kann ja nicht so schwer sein, dachte sie sich und wechselte die Hand. Danach ritt sie auf den grüngelben Steilsprung zu. Pepsi brauchte ein sehr hohes Grundtempo fürs Springen. Das wusste sie aus alten Zeiten, in denen Julius noch Turniere mit ihr gegangen war. Das war Poppy nicht gewohnt, schließlich war sie noch nie auf so einem Crack gesessen. Doch sie konnte nun beweisen, dass sie der Herausforderung gewachsen war die Stute zu reiten. Julius hatte zuerst sämtliche Zweifel gehabt, Poppy auf seine geliebte Stute zu lassen. Denn Pepsi war schon immer etwas ganz Besonderes für ihn gewesen. Doch dann hatten seine Eltern den Einfall gehabt, dass Poppy sie in der kommenden Saison reiten könnte, da ihr Talent sonst vollkommen verschwendet werden würde.
Somit wurde Julius dazu auserkoren das rothaarige Mädchen zu trainieren. Allerdings war er noch nie ziemlich gut auf sie zu sprechen gewesen. Vor zwei Wochen hatte er das Mädchen auf einem Turnier ganz in der Nähe kennengelernt und es war ganz und gar nicht gut verlaufen.
Es war der erste Start dieser Saison mit Pepsi gewesen, die verletzungsbedingt beinahe ein ganzes halbes Jahr ausgefallen war. Es war keine besonders anspruchsvolle Prüfung, die Julius dazu nutzen wollte, um sein Pony wieder langsam aufzubauen.
Er entschied sich die Zeit todzuschlagen, indem er bei dem A Springen zusah, das gerade voll im Gange war. Dazu lehnte er sich an die Umzäunung des Springplatzes und sah neugierig in den Parcours. Früher war er selbst Springen gegangen, wollte sich dann aber ganz und gar auf die Vielseitigkeit konzentrieren.
Er blickte zu dem Mädchen, dass in den Parcours ritt. Es saß auf einem Dunkelbraunen. Diesen filigranen Kopf, die dunkeln, treuen Augen, der unverkennbare Stern auf der Stirn. Julius konnte seinen Augen kaum trauen.
Dieses Pony würde er wirklich überall wiedererkennen. Es war Dutchi.
Seine Gänge waren so rein, wie eh und je. Gespannt spitzte er die Ohren und verschlang mit großen Galoppsprüngen den Boden vor dem ersten Sprung. Schon hatte er sich kraftvoll in die Luft gehoben. In perfekter Manier sprang er darüber, jedoch zerstörte seine Reiterin diesen Moment, als sie wild an den Zügeln zog, um ihn einzubremsen.
Julius wusste, dass Flying Dutchman gerne mal anzog und alles alleine machen wollte. Fast genauso, wie Pepsi, nur das die kleine Stute noch mal eine Spur anspruchsvoller war.
Julius erinnerte mich noch genau daran, wie Elena nur durch Dutchis unglaubliches Sprungvermögen Weser-Ems Meister geworden war.
Das Mädchen ließ ihren Blick über die Tribüne schweifen. Bevor sie angaloppierte, tätschelte sie ihrem Hengst noch einmal den Hals. Sie vertraute auf Ihr Pony, sie waren bereit. Mit langen Galoppsprüngen kamen sie an das erste Hindernis heran. Kurz vorher saß sie tief im Sattel ein, musste den Dunkelbraunen aber nicht nochmal aufnehmen, da sie schon von weitem gesehen hatte, dass es perfekt passte. Kraftvoll drückte sich das Pony vom Boden ab. Binnen weniger Sekunden kamen sie bereits auf der anderen Seite auf.
Elena richtete ihren Blick bereits auf den nächsten Sprung, der fünf Galoppsprünge entfernt war, doch auch der Oxer, aus den blau weißen Stangen, klappte ohne Probleme. Bei der Triplebarre zog er kräftig an und hob sich mit einem riesigen Satz in die Höhe, doch die Stangen blieben an ihrem rechten Platz liegen.
Steil, Kombination, Oxer - alles meisterten sie problemlos, beinahe perfekt. Jetzt lag nur noch der letzte Sprung vor ihnen, wenn sie diesen fehlerfrei meisterten, dann wären sie Meister.
Es schien, als hätten die Zuschauer die Luft angehalten, so still war es geworden. Dutchi spitzte die Ohren. Mit konzentrierter Miene trieb Elena ihren Hengst gleichmäßig vorwärts. Drei Galoppsprünge davor saß sie tief im Sattel ein. Kraftvoll drückte sich der Hengst vom Boden mit den Vorderbeinen ab und schnellte in die Höhe.
Seine Reiterin ging geschmeidig in der Bewegung mit und gab ihm den Hals frei, indem sie mit der Hand die Zügel nachgab. Kein Poltern, sondern donnernder Applaus war zu hören. Elena, die es kaum fassen konnte, schlang die Arme um den Hals ihres Ponys. Dieser schlug einmal kräftig mit der Hinterhand aus, als wollte er bestätigen: ‚Ja wir haben es geschafft! Gemeinsam!'
„Sag mal lachst du sie aus oder so?", ertönte plötzlich eine fremde Mädchenstimme neben Julius. Er war so in Gedanken gewesen, dass er gar nicht bemerkt hatte, wie Dutchi das Mädchen an Sprung Nummer fünf abgesetzt hatte. Das Lächeln auf seinen Lippen erstarb.
„Wieso sollte ich das tun?", fragte er also das Mädchen, das ihn mit ihren roten Locken, die in alle Richtungen abstanden und den vielen Sommersprossen auf der Nase, ein wenig an Pumuckl erinnerte. Er zog die Stirn kraus.
„Das gibt Falten!", antwortete sie stattdessen schnippisch und zeigte auf seine Stirn. „Wie bitte?", fragte Julius sie etwas verwirrt.
„Na das!" Sie runzelte ebenfalls die Stirn und zeigte darauf.
„Na und? Was geht dich das an, wenn ich Falten bekomme?", entgegnete er darauf ziemlich unfreundlich, doch sie ließ nicht locker.
„Naja wie auch immer. Hast du sie jetzt ausgelacht, nur, weil sie runtergefallen ist?", wechselte sie wieder das Thema. Wieso um alles in der Welt sollte er jemanden auslachen, der gerade vom Pferd gefallen war? Das ging gar nicht!
„Äh nein! Wieso sollte ich das bitte tun?" Diesmal zog er eine Augenbraue hoch und überlegte, ob der kleine Pumuckl dazu auch einen qualifizierten Kommentar abgeben würde, doch sie ließ es sein.
„Ich habe dich hier noch nie gesehen, außerdem siehst du nicht so aus, als würdest du immer noch auf E oder A Niveau reiten" Ihr Blick glitt abschätzig zu seinen maßgeschneiderten Lederstiefeln, über die weiße Animo Hose und die dunkelblaue Jacke.
„Hast du ein Problem mit mir?", fragte Julius sie unvermittelt und beschloss seinen Blick wieder dem Parcours zuzuwenden.
„Ähm um ehrlich zu sein ja! Ich finde es ganz schön asozial, wenn Kaderreiter auf solchen Turnieren reiten und denen, die längst nicht so gut reiten können, den Sieg wegschnappen, nur damit sie noch eine goldene Schleife in ihr Zimmer hängen können!", entgegnete sie ziemlich wütend. Mittlerweile klang sie ziemlich aufgebracht, doch Julius musste sich ganz schön beherrschen, um nicht gleich loszulachen. Schließlich war er ganz und gar nicht freiwillig hier.
„Sag mal findest du das etwa witzig?"
Julius ließ seinen Blick noch einmal durch die Zuschauer schweifen, bevor er sich wieder dem Mädchen zu wandte.
„Jetzt hör' mal zu Pumuckl. Ich weiß echt nicht, was dein Problem ist! Du weißt rein gar nichts von mir, genauso weißt du nicht, warum ich hier bin oder? Vor allem bin ich ganz und gar nicht hier, um Menschen wie dir den Sieg wegzuschnappen!" Er malte mit meinen Fingern Gänsefüßchen in die Luft, bevor er weitersprach. „Also mach mich hier nicht so dumm an, ja?"
Ihre Miene veränderte sich auf einen Schlag. Für einen kleinen Moment konnte man Reue in ihren Augen erkennen, doch dann verfinsterte sich ihre Miene wieder.
„Du hast auch kein Recht mich hier einfach anzuschnauzen und mich zu beleidigen, nur, weil du denkst, dass du etwas Besseres bist. Wahrscheinlich bist du auch noch so einer, der in Geld schwimmt und sich die besten Pferde kaufen kann, die alles von alleine machen, da du nicht gescheit reiten kannst!"
Das war wohl das, was ihm endgültig den Kragen platzen ließ. Sonst war Julius nicht der Mensch, der leicht aus der Fassung zu bringen war, doch das war die Höhe!
„Ich sag dir jetzt mal was! Wenn du es nicht besser weißt, dann würde ich am besten die Klappe halten. Ich bin weder da, um goldene Schleifen zu sammeln, noch um andere Reiter auszulachen. Vor einem halben Jahr hat sich mein ehemaliges Pony verletzt. Jetzt ist es wieder fit und ich fang wieder an sie auf Turnieren vorzustellen. Außerdem bin ich ganz klar kein Mensch, der denkt, dass er etwas Besseres wäre. Meine beste Freundin ist vor eineinhalb Jahren ziemlich schwer auf der Geländestrecke gestützt, seither habe ich Angst, dass mir das gleiche passieren könnte. Alle meine Freunde sind weggegangen und ich bin als einziger übriggeblieben. Meine Freundin hat sich von mir getrennt, da sie dachte, ich hätte etwas mit einer anderen, obwohl wir nur Freunde waren. Mein Leben ist quasi am Arsch, also nerv' mich hier nicht, klar!", zischte er ihr zu und machte auf dem Absatz kehrt. Ihre Antwort konnte er nicht mehr hören.
Julius' Eltern hatten Poppy auf den Turnier reiten sehen und waren irgendwie begeistert von ihr gewesen, weshalb sie ihr angeboten hatten, bei ihnen zu tranieren. Nun sprang Poppy mit seiner Stute, die laut dem Mädchen, ja alles von alleine zu machen schien und Julius wusste nicht einmal genau, was in ihn gefahren war, als er zugestimmt hatte, dass sie sie reiten durfte.
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Memories don't die
Teen Fiction„Zeiten ändern sich, Momente vergehen, doch was für immer bleibt ist die Erinnerung" Vier Freunde. Vier Reitsportler. Zwei Vielseitigkeitsreiter, ein Springreiter und eine Dressurreiterin. Elena, Julius, Tim und Emma. Früher waren sie die bes...
