Der Tag begann normal, wie jeder in Drillas bisherigen Leben. Nur dass heute neue Kartons ankamen, wo neue Ware, neue Freunde und auch Konkurrenz, die ohnehin überfüllten Regale überschwemmte.
Drilla hing auf ihren Aufsteller und versuchte nicht allzu nervös zu sein.
Seit mehr als drei Monaten hing sie schon hier und wurde selten ein zweites Mal angesehen.
Einer Mutter war ihr Kleidchen zu kurz. Die andere hatte ihrer begeisterten Tochter darauf aufmerksam gemacht, dass schon eine Fluse, auf ihrer roten Schleife zu sehen war.
Dann war sie einem Kind wieder zu klein. Das Mädchen wollte eine „richtige" Diddl und nicht nur einen Schlüsselanhänger, wie sie es war.
Wieder andere hatten nur Augen für die Bunten Briefpapierblöcke oder die Stifte, die günstiger waren.
Alles in allen war sie mehr nervös als erfreut, dass weitere Ablenkung in den winzigen Laden kommen sollte.
Die Gänge hier waren kaum groß genug, sich einmal um sich selbst zu drehen, ohne Gefahr zu laufen, eine der schönen Schneekugeln oder Tassen herunterzureißen!
Drilla seufzte und tat das was sie immer tat. Sie blieb ruhig hängen und wartete ab.
Für den Schulstart gerade noch zur rechten Zeit, wie der Ladenbesitzer murrte, wurden Federmäppchen, Füller und Lineale ausgepackt.
Kugelschreiber für Ältere Kinder und dann, ganz zum Schluss, geschah doch noch das unvermeintlich.
Drilla seufzte resigniert, als neue Schlüsselanhänger über ihr gehangen wurden.
Die Diddl waren genauso groß wie sie, ebenso weiß und trugen ein schlichteres, blaues Kleid mit frech sitzender dunkelrosa Schleife auf den Kopf.
Resigniert schloss sie die Augen und ergab sich ihrem Schicksal.
Wahrscheinlich würde sie noch sehr lange in diesen Laden bleiben müssen.
Drina wusste wie alle Spielzeuge nicht wirklich wo der Anfang lag. Als der Karton aus dem Lager geöffnet wurde, begann ihr Leben wirklich. Davor war nur alles verschwommen.
Was sie jedoch an diesem ersten Tag verstand, war das bald Schulanfang war. Das sie aus der neusten Kollektion an Geschenkartikeln entstand, was sie recht stolz machte und dass es das Jahr 2001 war.
Das Jahr war wohl der ihr gleichgültigste Fakt von allem.
Noch war nicht viel los. Viele Kinder waren noch in den Ferien und so warteten hier alle darauf, gekauft zu werden.
Gelegentlich kamen Erwachsene hinein, die nach Schulzubehör fragten und sich mehr als einmal darüber aufregten, wie teuer dieser ganz bestimmte Stift denn sei.
Mitten in dieser Vielzahl neuer Eindrücke, blickte sie unter sich. Auf den Ständer hingen viele Schlüsselanhänger. Die meisten lagen mit ihr in dem Karton und die anderen waren nur Buchstaben und seltsame Diddl-Bilder, die eingerahmt und wie Ausgeschnittene Fotos Gold umrandet waren.
Es gab hier nur eine weitere Diddle-Plüschfigur in ihrer Größe, die anders aussah.
Drina war Lebensfroh. Zumindest sollte sie es sein.
Fröhlich rief sie hinunter.
„Hallo! Du bist doch nicht neu hier?"
Nicht so wie sie und ihre identisch aussehenden Schwestern.
Die andere Diddl sah hoch und Drina sah nun deutlich die Unterschiede, zu sich selbst.
Sie beide hatten ein weißes Fell, ein Kleidchen und eine Schleife über den Spitzen Augen.
Nur war die rote Schleife der Fremden deutlich gerade angebracht, sodass es fast langweilig symmetrisch wirkte. Zwei einzelne schwarze Haare waren links und rechts als Schnüren zu sehen.
Das Kleid wirkte etwas frecher und war in Kasten eingeteilt. Farben aus grau, gelb, rosa und blau. Zitrone, Schleife und ein Kleeblatt waren in einigen dieser Kästen zu erkennen.
Sie sah niedlich aus. Nur fand Drina sich trotz allem schöner. Aber das würde sie der Fremden nicht sagen!
Die andere Diddle sah auf. In ihren Spitzen Augen, lag anders als die Freude in ihren eigenen, eine leichte Abgestumpftheit.
„Ja, ich bin schon älter. Ich hänge seit drei Monaten auf diesen Ständer."
Drina Pfiff durch die Lippen.
„Oh... das ist Lang!" Rief sie aus.
Das war drei Monate länger als dass sie hier im Laden lebte!
Die Diddle von unten Schmunzelte jetzt tatsächlich.
„Jetzt wo ich so darüber nachdenke, gab es auch Diddle, die Monate hier hingen, bevor ich ausgepackt wurde. Schau dir die Haarbürste an. Die liegt seit zehn Monaten hier!"
„Oh ha!" Jetzt staunte Drina noch mehr und die Fremde lachte mit einem Schluckauf auf, während ein Streit unter den Lebensfähigen Spielzeugen entstand, wer nun wirklich alt war.
Scheinbar hatte Drina jemanden in einem Regal weiter weg beleidigt, indem sie behauptet hat, drei Monate wären lange.
Die Riesen-Diddl rief mürrisch, dass sie seit einem Jahr oben auf dem Regal über die Kasse saß.
Die neuen fühlten sich beschämt und rückten näher zusammen, als ihnen klar wurde, was es tatsächlich hieß, irgendwo neu zu sein. Das taten sie während die älteren in Selbstmitleid versanken, wie lange sie hier schon ausharren mussten.
Alle waren schlechter Laune. Alle bis auf die Fremde in den Gemusterten Kleid.
„Ich habe lange nicht gelacht." Rief sie von unten ihr zu.
Drina verbuchte das als ihren Erfolg und stellte sich lautstark vor.
„Ich bin übrigens Drina die Diddlina."
Die Fremde schmunzelte noch immer.
„Und ich bin Drilla, die Diddlina, die zurückgeblieben ist."
Beide wurden für die nächste Woche die Besten Freunde.
Eine Woche konnte in einer noch so jungen Existenz, sich wie die Ewigkeit anfühlen.
Bei jeden neuen Kunden hofften sie und sponnen sie sich eine Geschichte zusammen.
„Der Vater fühlt sich hier sehr unsicher! Ich wette er kauft dich. Immerhin bist du die letzte deiner Art im Laden. Er wird denken, dass du sehr beliebt ist. Da ist es egal, dass du veraltet bist."
Drina sprach immer so und sie meinte es auch nicht böse. Es war leider eine Tatsache, dass Drilla zu der alten Kollektion gehört und sie zu der neuen.
Das an Drillas Schleife schon spuren von Fremden Händen zu sehen waren und ihr Kleid einen halben Zentimeter zu kurz war, als das es niedlich aussah.
Drilla wiederrum nahm es gelassen hin. Sie rief wiederum:
„Schau! Das Mädchen hat Sinn für Mode. Sie hat sogar ein ähnliches Kleid an wie du. Sie wird bestimmt dich kaufen."
Drilla hatte damit sogar fast recht. Das Mädchen kaufte eine ihrer Identischen Schwestern und nicht sie.
Dann jedoch, genau eine Woche nach ihrer Ankunft, geschah es dann.
Ein Mädchen stürmte aufgeregt zappelnd in den Laden. Hinter ihr in einigen Abstand eine Frau, die wohl die Mutter war.
„Ich möchte die da oben haben!" Das Mädchen war tiefer in den kleinen Laden gegangen und zeigte wohl auf eine der größeren Diddl. Vielleicht auf die, in den blauen Schlafanzug, oder der im Ballettkleid.
Die Mutter ging geduldig hinterher und drehte dann die Preisschilder um. Aus Drinas Augenwinkel sah sie, dass das bei dem ganzen Platzmangel gar nicht so einfach war.
„Dafür hast du nicht genug Taschengeld dabei." Sagte die Mutter sanft.
„Suchen wir nach etwas, dass du dir kaufen kannst."
Das Mädchen versuchte ihre Mutter noch eine Minute lang zu überreden. Diese blieb aber hart und zeigte ihr dann mit mehr Geduld, als es sonst in diesen Laden geschah, verschiedene andere Dinge. Süße Dinge.
Spielsachen, Schulzubehör und auch die Schlüsselanhänger.
Das Mädchen drehte sich nun zu diesen und faste erst Drilla an, wie hunderte Kinderhände zuvor und griff dann zu Drina.
„Die hier sieht fast so aus, als hätte sie ein Nachthemd an."
Die Mutter lachte und Drina wurde unter ihrem weißen Fell rot.
Die Entscheidung war schnell gefallen. Drina an die Brust gedrückt und zur Kasse gebracht.
Händisch wurden die Zahlen eingegeben. Die Kassenschublade öffnete sich, als scheinbar endgültiges nerviges Geräusch.
Drina konnte gerade noch einen Blick aus der Papiertasche erhaschen und winkte ihrer Besten Freundin, die sie in dieser Woche gefunden hat, aufmunternd zu.
„Du wirst auch noch jemanden finden, Drilla." Flüsterte sie und hoffte es auch.
Es tat weh...
Erneut in der Hand gehalten zu werden, um dann doch übergangen zu werden.
Drilla hatte gedacht, dass dies den Schmerz in ihrer Brust auslöste. Stattdessen blickte sie nun auf den Leeren Platz hinauf, wo zuvor Drilla gehangen hat.
Drilla hatte einen Besitzer gefunden. Eine Bestimmung.
Einen echten Freund...
Sie schluckte und versuchte sich zu freuen. Es war selbstsüchtig über den eigenen Schmerz herum zu jammern, wenn Drina doch ihren Zweck bekommen hat.
Und sie selbst...
Eine weitere Woche im Geschenkeladen?
Ein weiterer Monat?
Die Riesen-Diddl war seit einem Jahr hier...
Es war kurz vor Ladenschluss, als eine vollgepackte ältere Frau durch den offenen Eingangsbereich den Laden betrat.
„Meine Enkelin wird bald Eingeschult und ich wollte ihr noch was Kleines mitgeben. Ihre Eltern haben schon so viel gekauft und ich sehe schon, hier ist alles so teuer. Aber die Kleine liebt diese Mäuse so sehr. Haben sie etwas Kleines zum dazu packen?"
Der Ladenbesitzer zeigte ihre verschiedenen Stifte und Schulzubehör. Immer wieder sagte die Frau:
„Meine Tochter hat das schon gekauft."
„So etwas ähnliches hat sie bereits."
„Das ist nichts für sie."
Schließlich zeigte der bereits leicht müde Mann ihr die Schlüsselanhänger.
Die Brille richtend, strichen die alten Hände über Drillas perfekt sitzende Schleife und das bunt gemusterte Kleid.
„Die hat sie noch nicht." Ein schmunzeln.
„Die finde sogar ich niedlich. Die kommt mit."
Kurzerhand wurde Drilla gepackt und nahe vom Ladenschluss in eine Geschenktüte gepackt und mitgenommen.
Die Traurigkeit verflog fast Augenblicklich.
Leider hatte sie niemanden den sie zum Abschied winken konnte.
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Zwei Diddl-Mäuse auf Reisen
General FictionIn einem Geschenkeladen lernen sich die zwei Diddl-Mäuse Drilla und Drina kennen. Trotz der kurzen Zeit entwickelt sich eine Freundschaft, bevor beide mit verschiedenen Personen mitgehen. Im Laufe von fünfundzwanzig Jahren kann manchmal viel und man...
