Prolog
Das Erbe
An die Nacht meiner Geburt erinnerte ich mich selbstverständlich nicht. Mein Vater erzählte mir davon. Nicht häufig. Abraxas Malfoy wiederholte Geschichten nicht, nur damit sie bedeutender klangen. Doch manchmal saß er spätabends in seinem Arbeitszimmer, ein Glas unangetasteten Feuerwhisky neben sich, und sah mich an, als wäre ich ein Vertrag, dessen kleinste Klausel er prüfen musste. Dann erzählte er vom Sturm. Vom Regen an den hohen Fenstern des Manors. Von meiner erschöpften Mutter und den Heilern, die ihm mit gesenktem Kopf mitgeteilt hatten, dass das Haus Malfoy eine Tochter bekommen habe. Einer meiner Großonkel soll sein Bedauern ausgesprochen haben. Mein Vater ließ ihn noch in derselben Nacht aus dem Haus werfen.
„Mein Kind ist gesund", hatte Abraxas gesagt. „Wer darin einen Grund zur Enttäuschung sieht, hat unter meinem Dach nichts verloren." Meine Mutter nannte mich Asphodel. Nach den blassen Blumen, deren Wurzeln selbst auf kargem Boden überlebten und in alten Tränken heilen oder töten konnten.
Asphodel Malfoy.
Tochter des Hauses.
Mein Vater akzeptierte mich. Er stellte meine Stellung nie infrage. Noch bevor ich laufen konnte, zwang er die Schutzmagie des Manors, mich als seine rechtmäßige Nachfolgerin anzuerkennen. Er ließ Verträge prüfen, Erbgesetze anfechten und jeden entfernten Verwandten aus seinem Leben entfernen, der Anspruch auf das Vermögen der Familie erhob. Abraxas hätte die gesamte magische Gesellschaft dazu gebracht, sich vor seiner Tochter zu verbeugen. Dann erklärte ich ihm, dass ich nicht seine Tochter war.
***
Ich war neun Jahre alt, als ich begriff, dass andere Kinder nicht jeden Morgen vor dem Spiegel standen und darauf warteten, darin endlich sich selbst zu erkennen. Bis dahin hatte ich geglaubt, jeder müsse lernen, das eigene Spiegelbild auszuhalten. Ein Malfoy beklagte sich nicht über Dinge, die sich nicht ändern ließen. Also trug ich die Kleidung, die für mich angefertigt wurde. Ich lernte die Haltung, die man von einer jungen Hexe aus gutem Hause erwartete. Ich wusste, wie man saß, sprach und den Kopf neigte, ohne unterwürfig zu wirken. Ich beherrschte jede dieser Regeln. Wenn ich sie befolgte, fühlte ich mich trotzdem falsch. Das Gefühl saß unter meiner Haut. Es drückte gegen meine Rippen, besonders dann, wenn die Heiler von meinem Körper sprachen, als wäre er ein Haus, das bald umgebaut werden musste.
„Vollkommen gesund", sagten sie. Ich begann, das Wort zu hassen. An jenem Abend fand mein Vater mich in seinem Ankleidezimmer. Ich stand vor dem großen Spiegel und trug eine seiner schwarzen Westen über meinem Nachthemd. Sie reichte mir beinahe bis zu den Knien. Die Schultern waren zu breit. Der Stoff roch nach Zedernholz, Pergament und den bitteren Kräutern, die mein Vater gegen seine Kopfschmerzen einnahm. Mein Haar fiel offen über meine Schultern. Abraxas trug seines kaum kürzer. Auf den alten Familienporträts reichte es manchen Männern sogar bis zur Taille. Es war nicht das Haar, das mich störte. Es war alles darunter. Unter dem schweren Stoff konnte ich für einen Moment beinahe erkennen, wie ich aussehen sollte. Mein Vater blieb in der Tür stehen.
„Was tust du hier?" Ich erstarrte.
„Nichts." Er schloss die Tür.
„Eine schlechte Lüge."
„Es tut mir leid."
„Das habe ich nicht gefragt." Seine Schritte kamen näher. Im Spiegel sah ich ihn hinter mir: groß, makellos, das blonde Haar im Kerzenlicht beinahe weiß. Er sah mich an. Nicht die Weste. Mich.
„Warum trägst du sie?" Die Antwort saß in meiner Kehle. Ich schluckte, doch sie wurde nicht kleiner.
„Weil ich darin richtig aussehe." Sein Gesicht blieb unbewegt.
ESTÁS LEYENDO
Dein Befehl unter meiner Haut
FanfictionLucius Malfoy gehört niemandem. Nicht dem Dunklen Lord. Nicht seiner Familie. Und ganz sicher nicht Severus Snape. Sein Name ist eine Rüstung, sein Stolz eine Waffe und Kontrolle das Einzige, das Lucius niemals freiwillig aufgibt. Doch unter seiner...
