Probebohrung

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Unten, tief unter meiner Stadt, liegt eine weitere.

Es gibt sie wirklich.

Die Menschen meiner Heimat erzählen sich von ihr. Erwähnt jemand ihren Namen, werfen die Alten einander wissende Blicke zu.

Tief unter meiner Stadt liegt eine andere.

Man sagt, kein Lichtstrahl dringe von oben herein.

Ihre Bewohner erledigen ihre Besorgungen im goldenen Schein von Fackeln. Jeden Abend liest man einander Fabeln im Lichte tausender Kerzen vor.

Die Stadt hat die Ausdehnung eines Vulkansees in einem erloschenen Krater. Kathedralengleich wölbt sich über ihr ein dunkler Himmel.

Stalaktiten wachsen Jahrhundert um Jahrhundert hinunter, während Wohntürme sich ihnen mit jedem Jahr weiter entgegenranken.

Jeder Tag ist ein Sonntag. Bildung und Kuchen sind kostenlos.

Die Kinder springen in den dunkel schimmernden Fluss, lassen sich jauchzend ein paar Meilen vom Strom treiben, dann tragen weiße Tiger sie wieder an die Einstiegsstelle zurück.

Gelegentlich schauen die Bewohner neugierig empor, wenn der feste Himmel über ihnen summt.

Kein menschliches Wesen war jemals an diesem Ort.

Neid und Missgunst sind seit der Volksabstimmung abgeschafft.

Zum Stadtoberhaupt wird gewählt, wer die schönsten Gedichte schreibt.

Sonnenbrand ist unbekannt.

In der Grundschule unterrichtet man Großmut.

Das Labyrinth der Straßen und Gassen führt immer nach Hause.

In der Mitte des Marktplatzes steht die Bronze eines Vogels, den man als Komponisten verehrt.

Unten, tief unter meiner Stadt, liegt eine weitere.

Du hast bereits begonnen zu graben. Mit der Spitzhacke lockerst Du das Gestein. Mit der Schaufel füllst Du Erde in grobe Säcke. Nach oben befördern andere sie für Dich.

Stößt Du auf Lehm, findest Du rasch eine andere Route.

Das ewige Erz, es hindert Dich nicht.

Deine Hände tragen die Male Deiner Mühen. Du spürst sie kaum.

Jetzt widersetzt sich der Granit. Schon führst Du schweres Gerät heran. Dringst tiefer und tiefer vor.

Die Goldader, sie sollen andere erschließen; als Lohn Deiner Arbeit scheint sie gering. Du bahnst einen Weg Dir zu größeren Schätzen.

Mehr und mehr Gestein räumst Du beiseite. Schwere Bohlen stützen Deinen Schacht.

Tiefer, immer tiefer.

Im Schein der Grubenlampe.

Schicht um Schicht.

Meter um Meter.

Du merkst nicht, wie der Rücken schmerzt.

Weiter, immer weiter.

Bohrst Dich durch Fels und Flöz.

Gönnst Dir keine Ruhe.

Blickst nie nach oben.

Wischt nur den Schweiß Dir von den Brauen.

Vergisst jegliche Zeit.

Gelänge doch endlich der Durchbruch.

Also hinab, hinunter muss es gehen.

Du weißt nichts von der Abraumhalde, die im Lichte vieler Monde glimmt.

Krümmst Dich weiter.

Gräbst und gräbst und gräbst.

Wirst des Grabens nie müde.

In Deinem Kopf die Geschichten der Alten.

Weiter, immer nur weiter.

Und niemals, niemals kommst Du an.

Unten, tief unter meinerStadt, liegt eine weitere.

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