Die Akut-Station der Psychiatrie war an diesem Weihnachtsabend still. Es waren nur wenige Mitarbeiter anwesend, welche nicht besonders motiviert wirkten und die sich nach dem Abendessen ins Büro zurückzogen. Der Duft von Tannenzweigen und frisch gebackenen Plätzchen lag in der Luft, während draussen die Schneeflocken leise vor den Fenstern tanzten.
Hannes und Josie waren die einzigen Patienten, die an diesem besonderen Feiertag zurückgeblieben waren. Alle anderen hatten ihre Familien besucht, waren in die Wärme heimgekehrt, während sie hier saßen - zwei Seelen in einem kahlen Raum, gleichsam gefangen und befreit in der Stille.
Sie saßen nebeneinander auf dem dunkelgrauen Sofa im Aufenthaltsraum. Josie durchforstete den Fernseher nach einem Film, ihre Finger huschten über die Tasten der Fernbedienung.
Hannes beobachtete sie, das sanfte Licht des Bildschirms spiegelte sich in ihren Augen. „Was gucken wir?" Fragte sie schliesslich, ohne ihn anzusehen. Hannes zuckte mit den Schultern und erwiderte nur: „ich weiss es nicht." Es war die Wahrheit. Er wollte einfach nur bei ihr sein, egal was sie taten.
Josie suchte weiter und hielt inne, als sie auf einen Film stieß. Die Gefährten (Herr der Ringe.) Es war kein Film den sie besonders mochte, aber sie wusste, dass dieser ewig dauern würde.
So hatte sie die Möglichkeit, den Abend ein bisschen in die Länge zu ziehen und möglichst lange neben Hannes zu sitzen.
Die ersten Minuten vergingen und während die Charaktere sich in Mittelerde bewegten, saßen Hannes und Josie einfach da Seite an Seite.
Hannes spürte die Nähe die von ihr ausging und es machte ihm nichts aus, dass sie nicht sprachen. Es war eine Art von Verständnis, das Worte überflüssig machte. Es war ein Moment, in dem die Welt da draussen nicht zählte... nur sie beide und die Geschichte die sich vor ihnen entfaltete.
Hannes beschloss den Film aufmerksam anzuschauen, als Zeichen des Respekts vor Josie und um ihr zu signalisieren, dass sie einen guten Film ausgesucht hatte.
Lediglich während einer Werbepause nahm er kurz sein Mobiltelephon hervor und schrieb seinen beiden Brüdern in den Gruppenchat: Weihnachten in der Psychiatrie ist gar nicht so übel und dreimal dürften sie raten, welchen Film das hübsche Mädchen neben ihm auf dem Sofa gerade zufällig ausgesucht hat.
Andrew der jüngere Bruder schrieb in seiner gewohnt witzigen Art zuerst zurück: „Woher kennt Bro Girl unser Weihnachtsritual, ist sie ein Spion"? Und Max der ältere schrieb: „Die passt zu uns, wann stellst du sie uns vor"? Lächelnd schob Hannes sein Handy wieder zurück in die Hosentasche.
Als die Stunden vergingen und der Film sich seinem Höhepunkt näherte, wagte Josie einen kurzen Blick zu Hannes. Er sass da, konzentriert auf den Bildschirm und sie konnte das Spiel der Emotionen auf seinem Gesicht sehen. Es war als würde er sich in die Reise der Gefährten hineinversetzen.
In diesem Moment fühlte sie sich ihm näher als je zuvor. Es war nicht nur die physische Nähe, es war das Gefühl, das sie beide in einer Parallelwelt waren, fernab von den Sorgen und dem Schmerz, der außerhalb dieser Wände lauerte.
Der Film lief weiter und während die Gefährten ihre Schlachten schlugen und Abenteuer erlebten, erlebten Josie und Hannes ein ganz eigenes Abenteuer der Seele. Es war die stille Verbundenheit, die ihnen half, die Dunkelheit um sie herum für einen Moment zu vergessen und sie wussten, dass sie in dieser Nacht nicht alleine waren.
Josie war müde und schloss immer mal wieder kurz die Augen. Ihr Kopf war leicht in seine Richtung geneigt. Hannes wusste sie fühlte sich wohl bei ihm. Sein Herz klopfte schneller, als er sich vorstellte, sie würde sich bei ihm anlehnen.
Mit einem leisen Seufzer stand er auf und schlich in die kleine Küche um einen Tee zu kochen. Das Wasser plätscherte leise im Wasserkocher, während er an die letzten Tage dachte. Seit Josie hier war, war es gar nicht mehr so schlimm hier zu sein.
Josie gab ihm Halt. Er schätzte jeden noch so kleinen, bedeutsamen Moment mit ihr. Als das Wasser endlich kochte, stellte er zwei Tassen bereit und goss den dampfenden Tee ein. Der Duft von Pfefferminze erfüllte den Raum und wirkte beruhigend auf ihn.
Josie öffnete die Augen in dem Moment, als er die Tassen auf den Tisch stellte.
„Hier, ich habe dir einen Tee gemacht", sagte Hannes leise und lächelte sie an. Josie blickte auf und ihr Gesicht erhellte sich.
„Danke, das ist lieb von dir", nuschelte sie und nahm die Tasse entgegen. Ihre Finger berührten sich flüchtig und ein warmes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus.
Als der Film vorbei war, schlürften die beiden noch genüsslich ihren Tee aus und stellten die Tassen zurück in die Küche. Sie standen sich gegenüber an der Theke und Josie blickte tief in Hannes Augen während sie ihm mit einem verlegenen Grinsen eine gute Nacht wünschte.
Auch Hannes wünschte ihr eine gute Nacht. Dann schaute er ihr nach, als sie in den dunklen Korridor einbog, der zu den Zimmertüren führte. Eins war klar, er würde noch lange nicht schlafen können.
Und so lief er unruhig durch die Gänge und streifte dabei immer mal wieder unbewusst Josie's Zimmertür.
Insgeheim hoffte er, sie würde nochmals herauskommen unter irgendeinem Vorwand, um ihn nochmals zu erblicken. Aber sie hatte so müde und zerbrechlich ausgesehen, bestimmt würde sie heute schnell einschlafen.
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Neben Dir
Художественная прозаWeihnachten in der Psychiatrie.... nicht gerade das, was Hannes sich vorgestellt hat. Während draussen der Schnee fällt und alle bei ihren Familien sind, bleiben nur er und Josie auf der Station zurück. Zwischen stillen Momenten, langen Blicken und...
