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Kapitel 1: Das Phantom der Erinnerung

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Kento

Die erdrückende Sommerhitze Tokios lag wie eine bleierne Decke über dem Gelände der Städtischen Höheren Schule für Fluchmagie. Jeder Schritt, den ich auf dem ausgetretenen Steinpfad in Richtung des Hauptgebäudes setzte, fühlte sich zäh an, als würde die wärmeflimmernde Luft versuchen, meine Bewegungen einzufrieren. Ich zog meine Krawatte um einen Millimeter lockerer, eine seltene, fast unmerkliche Geste der Nachgiebigkeit gegenüber dem Wetter, und glättete den Stoff meines hellgrauen Anzugs.

Es war exakt vierzehn Uhr dreizehn. Schulleiter Yaga hatte mich vor einer halben Stunde kontaktiert, eine schlichte, unprätentiöse Nachricht, die keinen Raum für Spekulationen ließ, aber dennoch eine leise, feine Unruhe in mir säte, die ich hinter meiner gewohnt regungslosen Fassade vergrub.

Die schweren, dunklen Holzflügeltüren zu seinem Büro knarrten leise, als ich sie aufschob und den kühlen, von Räucherstäbchen geschwängerten Schatten des Raumes betrat. Das gleichmäßige Klackern der Schere, mit der Yaga seine Filzpuppen bearbeitete, verstummte augenblicklich. Er blickte nicht sofort auf. Der Rektor saß wie ein massiver Fels hinter seinem schlichten Schreibtisch, umgeben von zahllosen Stoffkreaturen, die mit leeren Augenpaaren in den Raum starrten.

„Du bist pünktlich, Nanami", stellte Yaga mit seiner tiefen, rau gerasterten Stimme fest und legte das Werkzeug behutsam zur Seite.
„Ich bemühe mich stets, meine Zeit und die anderer nicht zu verschwenden", erwiderte ich ruhig, trat zwei Schritte vor und schloss die Hände auf dem Rücken. Die Sonnenbrille mit den getönten Gläsern verbarg meine Augen, doch ich spürte, wie Yagas Blick auf mir ruhte – scharf, sondierend, von einer väterlichen Schwere, die mir in diesem Moment merkwürdig deplatziert erschien.

„Was gibt es zu besprechen? Die Berichte über die Fluchaktivitäten im Bezirk Shibuya habe ich heute Morgen vor acht Uhr eingereicht."

Yaga seufzte tief, faltete seine klobigen Hände auf der Holzoberfläche und lehnte sich zurück. Das Holz seines Stuhls ächzte leise unter seinem Gewicht. „Es geht nicht um Berichte, Kento. Es geht um eine personelle Veränderung. Wir bekommen Zuwachs an der Akademie. Eine Fluchmagierin, die bisher unabhängig agiert hat, wird ab nächster Woche fest in unser System integriert. Das Kollegium hat entschieden, dass sie nach einer kurzen Orientierungsphase eigenständige Missionen der Grad-1-Kategorie übernehmen soll."

Ich zog eine Augenbraue nach oben, behielt jedoch meinen neutralen Tonfall bei. „Eine ungewöhnliche Maßnahme. Selbstständige Magier sind selten bereit, sich der bürokratischen Struktur der höheren Behörden zu unterwerfen.

Wie lautet ihr Name?"

Yaga hielt für einen Herzschlag inne. Das Räucherstäbchen zwischen uns verbrannte mit einem leisen Knistern, und der bläuliche Rauch kräuselte sich träge in der stehenden Luft. „Nao. Nao Haibara."

In diesem einen, winzigen Augenblick schien das gesamte Universum seine Achse zu verfehlen. Es war, als hätte jemand den Sauerstoff aus dem Raum gesaugt und durch flüssiges Blei ersetzt. Mein Herz, das sonst wie ein präzises Schweizer Uhrwerk schlug, stolperte einmal schwer gegen meine Rippen, bevor die Jahre der eisernen Selbstbeherrschung die Kontrolle zurückerlangten. Ich regte keine Wimper. Ich veränderte meine Haltung nicht um einen Millimeter. Doch tief in meinem Inneren brach eine Welle aus Eis auf, die ich seit einem Jahrzehnt akribisch unter Verschluss gehalten hatte.

Haibara.

Der Name war kein bloßes Wort. Er war ein Schmerz, der sich in meine Knochen eingebrannt hatte. Er war das Bild von nassem Regen auf dunklem Asphalt, von dem Geruch nach Blut, verbranntem Fleisch und dem unbarmherzigen Zerfall der Jugend.

„Sie...", begann ich, doch meine Stimme klang rauer, als mir lieb war. Ich räusperte mich augenblicklich, straffte die Schultern und korrigierte den Tonfall zu schneidender Kälte. „Sie ist seine Schwester." Es war keine Frage. Es war eine blutige Feststellung.
„Ja", antwortete Yaga leise, ohne dem unheimlichen Fokus auszuweichen, den meine getönten Gläser auf ihn richteten. „Yu Haibaras jüngere Schwester. Sie war fünfzehn, als Yu... als er verunglückte. Bisher haben ihre Eltern alles darangesetzt, sie von der Welt der Fluchmagie fernzuhalten. Aber ihre Fluchkraft hat sich mit den Jahren zu stark entwickelt. Sie lässt sich nicht mehr verbergen. Und sie hat sich entschieden, denselben Weg einzuschlagen."

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