Der Herbst hatte Hogwarts fest im Griff.
Regen prasselte gegen die hohen Fenster des Schlosses, während der Wind durch die Türme heulte und die Flammen in den Fackeln tanzen ließ. Die meisten Schüler hatten sich längst in ihre Gemeinschaftsräume zurückgezogen, doch Harry Potter saß allein in der Bibliothek.
Vor ihm lagen unzählige Bücher über Blutmagie, Familienzauber und alte Stammbäume.
Seit Wochen ließ ihn ein Gedanke nicht mehr los.
Etwas stimmte nicht.
Nicht mit seinem Leben.
Nicht mit seiner Vergangenheit.
Nicht mit Albus Dumbledore.
Immer häufiger ertappte Harry den Schulleiter dabei, Fragen auszuweichen. Wenn Harry nach seinen Eltern fragte, wechselte Dumbledore das Thema. Wenn Harry wissen wollte, weshalb Severus Snape ihn so merkwürdig musterte, bekam er lediglich ein sanftes Lächeln und die Worte:
"Manche Antworten müssen warten, mein Junge."
Früher hätte Harry diese Erklärung akzeptiert.
Heute nicht mehr.
Er war längst kein Kind mehr.
Er war ein erwachsener Zauberer, hatte seine Ausbildung abgeschlossen und arbeitete dennoch weiterhin eng mit Hogwarts zusammen. Offiziell unterstützte er Professor McGonagall bei verschiedenen Projekten. Inoffiziell beobachtete Dumbledore jeden einzelnen seiner Schritte.
Zumindest fühlte es sich so an.
Harry schloss das letzte Buch mit einem dumpfen Knall.
Nichts.
Keine Antworten.
Nur noch mehr Fragen.
Seufzend verließ er die Bibliothek.
Die Flure lagen verlassen vor ihm.
Sein Blick fiel auf den Gang, den er seit Jahren gemieden hatte.
Der Raum.
Der Spiegel.
Nerhegeb.
Harry wusste selbst nicht, weshalb seine Füße ihn dorthin trugen.
Vielleicht Hoffnung.
Vielleicht Verzweiflung.
Vielleicht etwas anderes.
Als er die staubige Tür öffnete, roch der Raum noch genauso wie damals.
Altes Holz.
Staub.
Vergessene Magie.
Und dort stand er.
Der gewaltige Spiegel.
Sein goldener Rahmen wirkte im Kerzenschein beinahe lebendig.
Harry trat langsam näher.
„Du hast mir früher gezeigt, was ich mir am meisten wünsche", murmelte er.
„Heute wünsche ich mir nur die Wahrheit."
Für einen Moment geschah nichts.
Dann begann die Oberfläche des Spiegels zu flimmern.
Harry runzelte die Stirn.
Das war neu.
Sein Spiegelbild verschwand.
Stattdessen erschien eine Frau.
Lily.
Sie lächelte traurig.
Neben ihr stand ein Mann.
Nicht James Potter.
Severus Snape.
Harry erstarrte.
„Nein..."
Die Bilder wechselten.
Lily nahm Snapes Hand.
Sie lachten.
Dann küsste sie ihn.
Harry trat einen Schritt zurück.
„Das ist unmöglich."
Doch der Spiegel zeigte immer neue Erinnerungen.
Lily mit deutlich sichtbarem Babybauch.
Snape kniete vor ihr und legte vorsichtig eine Hand auf ihren Bauch.
Seine Augen waren voller Wärme.
Etwas, das Harry noch nie bei ihm gesehen hatte.
Dann erschien ein Neugeborenes.
Snape hielt das Kind auf dem Arm.
Lily lächelte.
Plötzlich erschien über dem Bild eine einzelne Zeile in silbern schimmernden Buchstaben.
Das ist nicht dein Wunsch.
Das ist die Wahrheit.
Harry spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich.
„Nein..."
Der Spiegel zeigte eine weitere Szene.
Dumbledore.
Er sprach mit Snape.
Harry konnte nichts hören.
Dann hob Dumbledore seinen Zauberstab.
Ein gleißender Lichtblitz.
Die Erinnerung zersprang.
Snape brach auf die Knie.
Lily schrie.
Die Bilder verschwanden.
Der Spiegel wurde wieder dunkel.
Harry starrte sein eigenes Spiegelbild an.
Sein Atem ging hektisch.
Das konnte nicht sein.
James Potter war sein Vater.
Das musste so sein.
Sein ganzes Leben basierte auf dieser Wahrheit.
Oder... auf einer Lüge.
Harry schlief in dieser Nacht kaum.
Immer wieder tauchten die Bilder vor seinem inneren Auge auf.
Lily.
Snape.
Das Baby.
Die Worte.
"Das ist die Wahrheit."
Gegen drei Uhr morgens sprang Harry aus dem Bett.
„Nein."
Er schüttelte den Kopf.
„Ich brauche Beweise."
Er würde niemandem etwas erzählen.
Nicht Hermine.
Nicht Ron.
Nicht einmal Professor McGonagall.
Vor allem nicht Dumbledore.
Wenn der Spiegel recht hatte...
...dann durfte Dumbledore auf keinen Fall erfahren, dass Harry Verdacht geschöpft hatte.
Harry öffnete eine Schublade seines Schreibtisches.
Darin lagen mehrere Bücher über alte Blutmagie.
Zwischen den Seiten fand er schließlich das, wonach er gesucht hatte.
Ahnenerkenntnis durch Blut.
Ein uralter Zauber.
Nahezu unfehlbar.
Er benötigte lediglich zwei DNA-Proben.
Ein paar Haare würden genügen.
Harry schluckte.
„Ich brauche ein Haar von Professor Snape."
Allein der Gedanke war verrückt.
Doch wenn der Spiegel die Wahrheit gesagt hatte...
...würde dieser Test sein gesamtes Leben verändern.
Und tief in seinem Inneren spürte Harry etwas Seltsames.
Keine Angst.
Sondern das Gefühl, dass sich ein lange verschlossenes Tor gerade einen Spalt geöffnet hatte.
Ein Tor, hinter dem Antworten warteten.
Antworten, die jemand seit vielen Jahren mit aller Macht verborgen hielt.
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Der Spiegel Zwischen Zwei Seelen
FanfictionHarry Potter, längst erwachsen, entdeckt durch den Spiegel Nerhegeb eine erschütternde Wahrheit über seine Herkunft: Severus Snape ist sein leiblicher Vater. Auf der Suche nach Antworten stößt er auf einen geheimen Ahnentest, ein uraltes magisches S...
