Der Traubensaft

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Ich stand irgendwo in einer Seitenstraße. Eine, die ich zuvor selten betrat. Ich wusste nicht mehr, was mich hierher geführt hatte.

Ich stand einfach nur da. Ein Bündel Eukalyptus in der Hand. Ich hatte ihn irgendwie gekauft. So wie jede Woche. Der Geruch – ich wachte gerne morgens dazu auf.

War es die Musik gewesen, die mich hierher geführt hatte? Mitten auf der Straße stand ein Klavier.

Ich war Straßenmusik gewohnt. Irgendwo spielte immer jemand Gitarre, Geige, vielleicht ein Keyboard. Doch hier, irgendwo in einer ruhigen Seitenstraße, stand ein Klavier. Keines dieser billigen, einladenden Instrumente, die man in Großstädten aufstellte. Das hier war anders. Gepflegt. Umsorgt.

Ein Mann spielte. Älter als ich. Doch ich erinnerte mich nicht mehr daran, wie er aussah. Nur diese Musik.

Comptine d'un autre été: L'Après-Midi

Ich stand einige Meter entfernt. Mein Körper folgte der Melodie. Ich wusste nicht mehr, was um mich herum geschah. Ob andere Menschen fühlten, was ich fühlte. Es gab nur noch mich und diese Musik. Mein Herz, das sich dem Rhythmus anpasste. Eine einzelne Träne suchte sich ihren Weg über meine Wange. Der Schwerkraft folgend.

Ich wischte sie nicht weg.

Das Stück fand seinen Weg in mein Herz. Ich kannte es. Es war nicht neu komponiert. Nicht anders vorgetragen. Es war einfach da. Doch als ich es hörte, hier in dieser Seitenstraße, auf einem Klavier gespielt, das einfach so da stand – etwas war anders. Tiefer. Trauriger.

Es fand ein Ende. So wie alles irgendwann endete. Niemand applaudierte. Mein Blick verharrte noch immer irgendwo auf dem Klavier. Auf den Tasten. Den Händen des Mannes, ohne sie wirklich wahrzunehmen.

Als er sich aufrichtete und ein Glas Wasser trank, kam auch ich wieder im Hier und Jetzt an. Ich räusperte mich, wischte mir mit dem Handrücken über die Wange. Die Träne, die aber schon längst getrocknet war.

Ich fühlte mich etwas verloren. Suchte nach Halt – und mein Blick fand den seinen. Hatte er mich beobachtet?

Er war älter als ich. Hatte bereits ein Leben gelebt. Wo Traurigkeit in meinen Augen lag, lag Heiterkeit in den seinen. Er lächelte. Nicht aufdringlich. Etwas stolz. Oder war es Dankbarkeit? Ich wusste es nicht.

Sein Blick war fesselnd wie seine Musik. Dann brach er ab. Er wandte sich einem anderen Mann zu. Eine Begrüßung, ein Lachen, das ich nicht mehr vergaß. Doch ich ging. Drehte mich um und suchte den Weg nach Hause.

Immer wieder hatte ich das Gefühl, diese Musik zu hören. Irgendwo in der Stadt. Irgendwo anders. Doch nie war sie tatsächlich da. Eher wie ein leises Echo im Hintergrund. Es fesselte mich. Ließ mich wieder los.

An einem anderen Tag – ich wusste nicht mehr, wie viel Zeit vergangen war – lief ich durch diese Straße. Geschäfte waren geschlossen. Das Klavier war nicht mehr dort. War ich überhaupt in der richtigen Straße? Etwas zog sich zusammen in mir. Ich konnte es nicht erklären. Ich ging nach Hause. Saß auf meinem Bett. Der Eukalyptus stand traurig in der Vase auf meinem Nachttisch. Trocken.

Ich war wieder in der Seitenstraße. Hatte wieder Eukalyptus in der Hand. Doch auch dieses Mal kein Klavier. Erst jetzt fiel mir auf, dass diese Seitenstraße, die ich selten betrat, nicht mehr so selten war. Wieder wenige Menschen. Aus einem Fenster bellte ein Hund. Ansonsten nichts.

Ich ging einfach weiter. Wieder mit diesem Ziehen in der Brust. Ich wollte mir gerade Kopfhörer aufsetzen, als ich es hörte. Ein Klavier. Nein – das Klavier. Ein anderes Lied. Aber ich war mir sicher.

Ich sah mich um. Nirgendwo auf der Straße war es zu sehen. Dann wieder – ein paar Töne. Leise. Ich folgte ihnen. Erkannte das Lied. Wurde lauter.

Ich blieb stehen. Neben mir. In einem Haus.

Ein Schild, mit Kreide beschrieben. Empfehlung des Hauses: Confit de canard – Entenschenkel, langsam gegart, mit Linsen und Thymian.

Ein Restaurant. Eines, in dem ich noch nie gewesen war. Essen, das ich noch nie gegessen hatte. Ich versuchte selten etwas Neues. Hatte meine gewohnten Wege. Seit dem Klavier war es anders.

Die Tür öffnete sich. Gäste verließen das Restaurant. Heiter. Lachend. Zufrieden und satt.

Die Musik wurde lauter. Das Klavier. Und wieder leiser, als die Tür zurück ins Schloss fiel.

Ich zögerte.

Bevor ich darüber nachdenken konnte, stand ich drinnen. Meine Sinne wurden überwältigt von den Gerüchen. Essen, Wein, der Eukalyptus noch immer in meiner Hand. Ein Kellner stand wenige Momente später vor mir. Ein Lächeln. „Ein Tisch für zwei?", fragte er wie selbstverständlich. „Nein. Nur für mich, bitte.", antwortete ich zögerlich. Ein freundliches Nicken, und er führte mich zu einem freien Tisch am Fenster.

Ich setzte mich. „Eine Vase für die... Pflanze?", fragte er. Ein Nicken von mir, und er verschwand. Mein Blick durchsuchte den Raum. Das Klavier. Nicht zu laut, es übertönte nicht den gesamten Raum. War dennoch präsent.

Una Mattina.

Ich kannte das Lied. Wie beim letzten Mal war es anders. Dasselbe Klavier. Ein anderes Lied. Dasselbe Gefühl, das es in mir auslöste. Derselbe Blick, der auf mir ruhte.

Der Eukalyptus stand in der Vase vor mir. Ich war noch nie alleine in einem Restaurant gewesen. Ich hatte noch nichts bestellt, doch der Kellner kam mit einem Teller auf mich zu. Die Empfehlung des Tages. Er stellte einen Traubensaft daneben. „Der Chef meint, das würde Ihnen schmecken.", sagte er, und verschwand wieder.

Mein Blick suchte erneut das Klavier. Oder suchte er diesmal ihn? Seine Hände auf den Tasten. Geübte Bewegungen. Weich, führend. Er sah mich nicht an. Ich sah ihn diesmal genauer an. Weißes Hemd. Dunkle Hose. Bart. Etwas längere Haare. Gepflegt, aber rau. Vereinzelte graue Haare zwischen den ansonsten sehr dunklen. Sein Körper bewegte sich zur Musik. Er fühlte jeden einzelnen Anschlag.

Ich saß einfach da. Genoss die Musik. Genoss dieses Essen, das ich nicht selbst gewählt hatte. Es war perfekt. Der Traubensaft wirkte wie ein Gewürz, das den Geschmack des Fleisches anhob, ohne zu übertrumpfen.

Später fragte ich den Kellner, wer denn der Chef sei, dass er wüsste, was mir schmecken würde. Er deutete nur auf das inzwischen verstummte, leere Klavier. Meine Rechnung sei bereits beglichen, meinte er noch.

Ich ging. Mit mehr Fragen als Antworten. Den Eukalyptus in meiner Hand. Ein warmes Gefühl im Bauch. Ein leichtes Lächeln auf den Lippen.

Seit drei JahrenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt