Blutende Liebe

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Der Supermarkt lag in Kreuzlingen auf der Schweizer Seite des Bodensees. Lucia ging voran, ihr Hausmädchen Lynne und ihr dunkelhäutiger Leibwächter Kiran folgten ihr mit den vollen Einkaufstüten. Auch heute zeigte sich die Sonne wie seit vier Wochen durchgehend ohne einen Tropfen Regen. Für Mitte Mai war es ungewöhnlich warm, man konnte schon kurze Hosen tragen. Früher konnte man nicht genau erkennen, wo die Schweizer Grenze verlief. Konstanz ging nahtlos in Kreuzlingen über. Heute sah man ganz klar, dass die deutsche Seite dort endete, wo die Zerstörung endete. Weitaus weniger Gebäude waren hier verfallen. Und genau das machte diesen Ort so gefährlich: Hier versteckten sich die Vampire, die die Bomben überlebt hatten. Nachdem sich viele von ihnen gesammelt und Menschen angegriffen hatten, hatte man ihnen den Krieg erklärt. Das Ergebnis? Niemand wusste, wie viele Menschen und Vampire noch lebten.
Kiran holte die Waffe aus seinem Gürtel und entsicherte sie. Lynne schaute sich ängstlich um, als ob gleich eine erneute Apokalypse losginge. Dabei war die Apokalypse schon passiert, am Anfang dieses Jahres. Lucia zeigte wie üblich Unbekümmertheit. Sie war schwer einzuschätzen: War sie wirklich naiv oder verhielt sie sich so klug, dass niemand sie verstehen konnte?
„Lucia, versprich mir eines", bat Lynne sie. „Bitte versuche, niemanden zu retten. Das sind Vampire. Verloren, seitdem sie sich mit dem Virus infiziert haben. Olivia hast du nicht retten können. Sie mag ihre Fangzähne verloren haben, aber dafür hat sie alle Kreuzlinger Vampire zu Hilfe geholt und 33 von uns getötet, bis Kiran sie erlöst hat."
„Und ich würde es wieder tun", versprach Kiran, die Waffe präsentierend. Lucia ließ sich darauf nicht ein:
„Olivia hat nur zu wenig Antikörper aufgenommen. Hätte ich die Chance bekommen, ihr mein gesamtes Blut zu spenden, wäre sie vollständig genesen."
„Das kannst du nicht wissen! Und ich bitte dich, es niemals herauszufinden. Was verstehst du von Wissenschaft? Du bist Erzieherin!"
„Vergesst nicht, dass alle 70 von euch durch meine Antikörper gerettet worden sind."
„Ja, bevor wir zu Vampiren wurden! Ist die Verwandlung erst mal abgeschlossen, kann der Mensch nicht mehr gerettet werden. Weil er dann kein Mensch mehr ist! In dem Zustand hilft nur der Gnadenschuss."
Etwas bewegte sich. Dann ein Klirren. Lynne zuckte zusammen und versteckte sich hinter Kiran, der die Waffe sofort auf das betreffende Haus richtete. Fehlalarm. Nur ein Ziegelstein war von dem maroden Dach heruntergefallen. Hier lag der Grenzposten, wie immer unbesetzt. Alle Autos, die sie passierten, waren von Rost zerfressen oder von Mauerteilen erschlagen worden. Und die heilen hatten kein Benzin mehr. Das konnte sich heute keiner mehr leisten. Auch Strom war Mangelware geworden. Alle Menschen in Kraftwerken, die den Strom erzeugen könnten, waren getötet worden. Allein die 70 und Lucia hatten die Katastrophe überlebt. Und die Vampire, die einst Menschen waren, wurden nicht mehr als solche gezählt.
Als Kiran die Waffe zurückstecken wollte, tauchte um eine Ecke eine Gestalt ganz in Schwarz auf. Er hatte Fangzähne. Die Haut war krebsrot von der Sonne verbrannt. Das Virus machte die Betroffenen anfälliger für Sonnenbrand. Wie echte Vampire aus Fantasy-Romanen.
„Kiran, du musst nicht schießen", säuselte Lucia und drückte den ausgestreckten Arm mit der Pistole runter. „Er sieht so fertig aus, dass er uns nicht mal dann angreifen könnte, wenn er es wollte." Der Vampir brach zusammen.
„Blut. Ich brauche Blut. Nur einen Tropfen, ich tue euch nichts...", murmelte er.
„Du armer Mann!" Lucia eilte zu ihm, legte sich seinen rechten Arm um die Schulter und half ihm beim Aufstehen. Lynne schlug sich mit der flachen Hand vors Gesicht und stöhnte. Kiran beschränkte sich auf ein verurteilendes Kopfschütteln. Sie würden nie verstehen, dass Vampire ebenso wertvoll waren wie normale Menschen. Lucia sah nicht das Monster. Sie sah die Seele dahinter, die Hilfe brauchte. Und sie hatte ein großes Anwesen und viele Zimmer frei. Außerdem war Lynne ausgebildete Krankenschwester.
„Was ist? Helft mir, ihn nach Hause zu tragen!", befahl Lucia.
„Dieser Mann hat Blut in seinen Mundwinkeln. Er hat unzählige Menschen ausgesaugt. Er verdient keine Gnade."
„Genau deswegen braucht er sie."

Und so gelangte der Vampir in das Hotel, das einst Lucias Vater gehört hatte. 40 Zimmer, ein gigantisches Anwesen. Die meisten Bewohner teilten sich die Zimmer mit anderen, denn falls die Vampire angriffen, häufig in Gruppen, so hatten sie mehr Chancen und Gegenwehr. Lucia legte den Vampir auf ein Sofa in der Lobby, schwarz wie dessen Haare, aus Leder, umgeben von alten Magazinen auf einem Glastisch, großen Pflanzen und sanft im Wind wehenden Seidenvorhängen. Dann schnitt sich die Hotelerbin in die Hand und ließ Blut auf die trockenen, aufgesprungenen Lippen tropfen.
„Nicht so viel!", warnte Lynne.
„My body, my choice", zischte Lucia, und ihre angespannt gerunzelte Stirn glättete sich, als der Vampir sich aufrichtete.
„Danke." Lynne und Kiran rissen überrascht die Augen auf. Noch nie hatten sie einen Vampir Danke sagen hören. Ein normaler Vampir hätte nach mehr verlangt, vielleicht sogar Lucia getötet. Aber das würden sie zu verhindern wissen.
Lucia setzte sich neben ihn aufs Sofa und legte ihm einen Arm über die Schultern:
„Sehr gerne. Wie heißt du, mein Großer?"
„Arian."
„Hast du eine Familie?"
„Nein."
„Freunde?"
„Nein."
„Du Armer!" Jetzt umarmte sie ihn und strich über seinen Rücken. „Du bist ganz allein! So kannst du doch nicht überleben."
„Lucia, das Ding lebt nicht! Es ist im Grunde ein Zombie!", präzisierte Lynne.
„Arian ist kein Ding! Er ist ein Mensch, egal wie er jetzt aussieht und was er begehrt."
„Früher war ich auch so wie du. Hab Leute wie ihn gepflegt. Dann wurde ich gebissen und selber infiziert. Hab die Hälfte meines Blutes verloren, bis ich deins bekam. Sie denken nicht wie wir. Sie sind tollwütige Tiere. Und die erlöst man."
Lucia schien gar nicht zuzuhören. Sie ließ Arian los und versprach ihm:
„Du kannst bei uns wohnen, hier im Hotel. Du kannst einer von uns werden. Genau wie Lynne. Richtig, Lynne? Vergiss nicht, dass du einst auch kurz davor warst, dich zu verwandeln!" Damals, als sie sich bei ihrer Arbeit als Krankenschwester infiziert hatte, hatte sie sofort Antikörper aus Lucias Blut bekommen. Die Krankheit war bei ihr gar nicht erst ausgebrochen. Trotzdem wurde sie behandelt, als wäre sie eines dieser Monster gewesen, und das ging ihr ziemlich gegen die Ehre.
„Das Ding verlässt uns sofort!", zeterte Lynne und zeigte zu den automatischen Glastüren. „Sonst infiziert es alle! Dann war dein gutes Werk umsonst!"
„Gute Werke sind nie umsonst. Gnade schon. Komm, ich zeig dir dein Zimmer." Lynne und Kiran schauten Lucia und Arian verdattert hinterher, als wären sie plötzlich erschienene Fabelwesen. Sie wussten, Lucia war zu stur, um auf sie zu hören. Sie blieb vor ihrer Zimmertür stehen und schloss auf:
„Hier, du schläfst bei mir." Kiran war sofort bei ihr und packte Arian am Arm.
„Das erlaube ich nicht!"
„Ich auch nicht!", protestierte Lynne.
„Ich muss ihn unter Beobachtung halten", argumentierte die Chefin.
„Du vertraust ihm also auch nicht!"
„Ich vertraue den anderen nicht. Die Jungs aus dem zweiten Stock haben Messer bei sich." Lynne tippte sich an die Stirn:
„Du hast doch einen Vogel! Einem Vampir vertraust du, aber deinen eigenen Leuten nicht?"
„Ich erwarte nicht, dass du das verstehst. Die Liebe geht hin und wieder absonderliche Wege." Und dann traten Arian und Lucia in das Doppelzimmer ein und die Tür schloss sich. Draußen wurde etwas von „Verstand verloren" und „falschen Prioritäten" gemurmelt. Aber Arian war froh, endlich an einem warmen, sicheren Ort zu sein, wo er sich nicht mit anderen Vampiren um Lebensmittel prügeln musste.

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