XVII. Von kleinen Geheimnissen und glücklichen Zufällen

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Die nächsten paar Tage hörte ich nichts von Harry, Louis oder Lea. Sie wirkten wie vom Erdboden verschluckt. Dabei hatte ich gedach, dass ich zumindst ein Update über Lea und Louis erhalten würde. Ich versuchte, mir nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, und konzentrierte mich auf meine anderen sozialen Kontakte.

Ich traf mich am Freitag mit Elena zum Mittagessen und brachte mich bei meiner Clique auf den neuesten Stand was Klatsch und Tratsch betraf. Amelia hatte, wie es schien, den Zwischenfall mit Louis vergessen und schwärmte lang und breit über einen aus der UNI, den sie durch ihren grossen Bruder kennengelernt hatte. Nicole war wieder mit ihrem On/Off-Lover Lauro zusammen und Nora hatte wieder mal Stress mit ihren Eltern wegen der Schule. Eigentlich war alles wie immer.
Mit Elena setzte ich mich auf eine der Bänke am See und liess die Füsse baumeln. Zwischen uns stand ein Packung Zwieback, aus der wir uns immer wieder einen herausangelten.

"So, wir haben jetzt darüber geredet wie toll der Sommer ist, wie toll Damon ist und was unsere Lehrer für Idioten sind. Du weisst, du kommst nicht drum rum. Was ist bei dir seit Freitag passiert?", platzte sie schliesslich heraus. Ich seufzte ergeben, und begann dann alles zu erzählen, was seit unserem letzten Treffen passiert war. Wie ich Harry mit einer anderen gesehen und dann in den See gestossen hatte, von dem Mittagessen am Dienstag, dem Pedalofahren am gleichen Nachmittag, dem Beihnahekuss , dem wirklichen Kuss und dem anschliessenden Herumstreunen in de Stadt. So zusammengefasst fiel mir auf, dass ich Harry noch gar nicht so lange kannte, doch es fühlte sich nach so viel länger an, dass es fast schon unheimlich wurde.

"Also, du willst mir grade weis machen, dass ihr euch geküsst habt?!" Zögerlich nickte ich. "Oh Mann, aber später am Abend ist nichts mehr gelaufen?"
"Naja, wir haben uns die ganze Zeit an den Händen gehalten, und auf dem Lindenhof hat er kurz den Arm um mich gelegt. Aber nein, mehr nicht", schüttelte ich den Kopf. Sie schaute mich an, als müsste sie überlegen, dann meinte sie mit einem dramatischen Unterton: "Arlette, der Junge steht auf dich. Er ist bloss schüchtern. Er hat ja zurückgeküsst, also will er schon. Das heisst du musst die Initiative ergreifen!"
"Ich?"
"Oh ja stimmt, ich vergass. Du bist auch schüchtern. Das ruft nach Kupplerfähigkeiten!"
Geschockt blickte ich sie an. Was hatte sie vor?

Am Nachmittag konnte ich mich nicht konzentrieren. Der Sekundenzeiger blieb regelrecht am Ziffernblatt kleben und die Stimmen der Lehrer drangen wie durch Watte zu mir hindurch. Die ganze Zeit geisterten mir die Rataschläge von Elena durch den Kopf, und auf meinen Schultern sassen klein Engelchen und Teufelchen, die sich darum stritten, ob ich sie beachten sollte oder nicht. Als es endlich klingelte sprang ich wie gestochen auf und eilte aus der Tür hinaus. Mit einem Blick auf die Uhr stellte ich fest, dass meine Cousine in 10 Minuten auch aus haben würde, das hiess, ich musste mich beeilen, wenn ich sie vor der Schule noch abfangen wollte.
Gehetzt warf ich meine Bücher in den Spind, schloss ihn ab, verabschiedete mich bei meinen Freundinnen mit einem Winken und eilte schon weiter aus dem Schulhaus hinaus. Zum Glück waren unsere Schulen nicht weit voneinander entfernt, eigentlich befanden sie sich lächerlich nah beieinander, und so brauchte ich nicht lange, bis ich vor dem Haupteingang zu stehen kam. Ich setzte mich auf eine Bank am Rand des Platzes und wartete auf das erlösende Klingeln der Schulglocke.

Schon kurz darauf wurde die Stille durch den weichen Dreiklang durchbrochen, der das Ende des Tages bedeutete, und schon Sekunden darauf kamen die ersten Schüler aus der Tür. Ich suchte in der Menge nach dem Lockenkopf meiner Cousine und schnappte erschrocken nach Luft, als ich neben ihr einen zweiten entdeckte. Diese Situation hatte ich mir Elena nicht durchgesprochen, doch ich holte tief Luft, rückte meine Tasche zurecht und ging auf sie zu.
Lea rief laut: "Heyoo", als sie mich entdeckte. Harrys Blick schnellte herum und kam auf meinem Gesicht zu stehen. Schüchtern lächelte ich ihn an, da wurde ich auch schon von dem Wirbelwind Lea in eine Umarmung gezogen. Falls Harry geschockt war, überspielte er es gut und machte einen Schritt vor, um mich zur Begrüssung auf die Wange zu küssen, als Lea mich wieder losliess.
"Hi."
"Ehm, hi", erwiederte ich.
"Und, am Dienstag noch Ärger bekommen?" Er lächelte mich an und seine Grübchen zeigten sich leicht. Ich kapierte diesen Jungen nicht. Wir küssten uns (okay, ich ihn), verbrachten einen ganzen Abend zusammen, er erzählte mir etwas das nicht jeder wusste (nahm ich zumindest an) meldete sich dann nicht (welcher Junge meldet sich nach so etwas nicht?!?) und tat jetzt auf ganz normal?
Irritiert die Stirn runzelnd antwortete ich: "Nein, meine Mutter hat total easy reagiert. Und du?"
"Meine war kurz davor, die Polizei zu rufen. Als ich zuhause ankam, gabs zuerst eine riesen Umarmung und dann hat sie mir Handyverbot erteilt." Er verdrehte die Augen. "Ich wollte grad Lea fragen, ob sie dir schreiben kann, aber das hat sich ja jetzt erledigt."
Ich antwortete nichts, da ich befürchtete, dass meine Stimme gleich wegkippen würde. Und ich hatte mir die ganze Woche den Kopf darüber zerbrochen, was ich angestellt hatte, dass er mich mied. Stattdessen nickte ich leicht.
Lea, die schon die ganze Zeit zwischen ihm und mir hin und hergeschaut hatte, blickte nun überrascht hinter mich. "Und jetzt wären wir langsam alle", murmelte sie noch leise, da ertönte auch schon hinter mir eine bekannte Stimme.
"Hey Leute. Machen wir eine Gruppensitzung oder weshalb sind alle hier?"
Louis begrüsste zuerst mich mit einem Küsschen auf die Wange, dann gab er Harry einen Handschlag, bevor er sich zu Lea beugte und sie auf den Mund küsste, als wäre es das Selbstvertständlichste der Welt. Mir klappte die Kinnlade runter, erst recht, als sie ihn halbherzig von sich stiess und meinte: "Hey, was soll das?"
"Du willst doch, sträub dich nicht dagegen", entgegnete Louis nur und stellte sich neben sie. "Also, was genau macht ihr zwei hier?", wandte er sich dann an Harry und mich.
"Ich wollte mit Lea sprechen." "Ich auch."
"Wow, da ist sie ja begehrt. Ich hab allerdings zuerst mit ihr abgemacht, deshalb müsst ihr uns jetzt entschuldigen." Damit legte Louis einen Arm um Lea's Schultern, den sie sofort wieder abschüttelte, und wandte sich zum gehen.
"Aber...", versuchte ich einzuwendern, doch er schnitt mir das Wort ab. "Nein, nichts da. Ich hab lange genug gehabt, um sie dazu zu überreden."
Bevor ich noch irgendetwas weiteres sagen konnte, lächelte Lea mir entschuldigend zu und ging dann Louis hinterher.

"Okay, wow, was hab ich verpasst?"
"So wies aussieht, viel. Hat Lea dir gar nichts erzählt?"
"Nein. Ich hab von niemandem von euch etwas gehört seit Dienstag." Ich versuchte, meinen Ton neutral zu halten, was mir aber anscheinend nicht ganz gelang.
"Tut mir wirklich leid." Er lächelte bedrückt. Ich zuckte abwehrend mit den Schultern. "Du konntest ja nichts dafür." Nach einer Pause unterbrach Harry's Stimme erneut meine Gedanken. "Hast du heute etwas vor?"
"Jetzt nicht mehr", antwortete ich mit Blick in die Richtung, in die Lea und Louis verschwunden waren.
"Na dann, komm. Ich kenne da ein nettes Café."

Ein Sommer voll GrünWhere stories live. Discover now