1. Der Auftrag in Etom

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Der Regen prasselte gegen die hohen Fenster der Bibliothek, während Liora zwischen den Regalen saß und las. Die Welt um sie herum verschwand jedes Mal, wenn sie ein Buch öffnete. Geschichten waren einfacher als das echte Leben. In Geschichten gab es Antworten.

Im echten Leben gab es nur Fragen.

Vor allem eine.

Lafien.

Ihre Finger glitten über die Seite, doch ihre Gedanken waren längst woanders. Bei dem gewaltigen Meer, das Etom von einer anderen Welt trennte. Bei den Legenden über seine unergründlichen Tiefen. Und bei ihren eigenen Augen.

Lafien-Blau.

Eine Farbe, die so selten war, dass viele Menschen sie nur aus alten Erzählungen kannten.

„Liora."

Die Stimme ließ sie zusammenzucken.

Sie blickte auf und erkannte sofort den Mann, der am Ende des Ganges stand. Kommandant Seran.

Wenn er persönlich kam, bedeutete das nie etwas Gutes.

Langsam schloss sie ihr Buch.

„Kommandant."

„Komm mit."

Mehr sagte er nicht.

Liora stand auf und folgte ihm durch die langen Flure des Hauptquartiers. Je weiter sie gingen, desto stärker wurde das ungute Gefühl in ihrem Bauch. 

Schließlich erreichten sie einen Raum, den sie nur wenige Male betreten hatte.

Der Strategiesaal.

Mehrere hochrangige Mitglieder der Organisation warteten bereits auf sie.

Das konnte nichts Geringes sein.

„Setz dich", sagte Seran.

Liora nahm Platz.

Auf dem Tisch lag eine Akte.

Dunkelrot.

Die Farbe bedeutete höchste Gefahrenstufe.

Ihr Herz begann schneller zu schlagen.

„Du hast in den letzten Jahren außergewöhnliche Leistungen erbracht", begann eine Frau am anderen Ende des Tisches.

Liora schwieg.

Lob war bei ihnen meist nur die Einleitung für schlechte Nachrichten.

„Deshalb haben wir einen Auftrag für dich."

Seran schob die Akte zu ihr.

Als sie sie öffnete, stockte ihr der Atem.

Die Familie Rovan.

Die mächtigste Mafiafamilie in ganz Etom.

Ihr Einfluss reichte von den Hafenstädten bis tief ins Landesinnere. Niemand wusste genau, wie groß ihr Netzwerk war. Niemand wusste, welche Geheimnisse sie hüteten.

Doch jeder wusste, dass man sich besser nicht mit ihnen anlegte.

„Das muss ein Irrtum sein", sagte Liora leise.

„Nein."

„Ich bin sechzehn."

„Genau deshalb."

Sie runzelte die Stirn.

„Die Familie sucht derzeit junge Angestellte und Hauspersonal für mehrere ihrer Anwesen", erklärte Seran. „Du wirst unter falscher Identität eingeschleust."

Liora starrte auf die Unterlagen.

Das war kein gewöhnlicher Auftrag.

Das war eine Mission, von der manche Agenten niemals zurückkehrten.

„Warum ich?"

Für einen Moment herrschte Stille.

Dann antwortete die Frau:

„Weil du intelligent bist. Weil du unauffällig wirkst. Und weil du Dinge bemerkst, die andere übersehen."

Liora blickte wieder auf die Akte.

Aufzeichnungen.

Namen.

Standorte.

Geheime Berichte.

Und dann blieb ihr Blick plötzlich an einem Wort hängen.

Lafien.

Ihr Herz setzte einen Schlag aus.

„Was bedeutet das?"

Die Anwesenden wechselten kurze Blicke.

„Wir haben Hinweise gefunden, dass die Familie Rovan Informationen über Lafien besitzt", sagte Seran schließlich.

„Informationen?"

„Mehr wissen wir nicht."

Liora spürte, wie sich ihre Hände verkrampften.

Seit Jahren suchte sie nach Antworten.

Warum besaßen manche Menschen diese seltene Augenfarbe?

Warum tauchte Lafien immer wieder in alten Legenden auf?

Und warum schienen manche Akten plötzlich zu verschwinden, sobald sie zu viele Fragen stellte?

Vielleicht lagen die Antworten tatsächlich bei der Mafiafamilie.

Vielleicht war dies ihre einzige Chance.

„Der Einsatz wird gefährlich", sagte Seran.

„Ich weiß."

„Du könntest sterben."

Liora schluckte.

Natürlich hatte sie Angst.

Jeder vernünftige Mensch hätte Angst.

Doch die Neugier in ihr war stärker.

Und tief in ihrem Inneren wusste sie, dass dieser Auftrag ihr Leben verändern würde.

Vielleicht für immer.

Sie hob den Blick.

„Ich nehme den Auftrag an."

Niemand im Raum wirkte überrascht.

Als hätten sie bereits gewusst, wie ihre Entscheidung ausfallen würde.

Seran nickte langsam.

„Dann beginnt deine Mission morgen."

Liora schloss die Akte.

Draußen peitschte der Regen gegen die Fenster.

Doch zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, dass sich ein Weg vor ihr öffnete.

Ein gefährlicher Weg.

Ein dunkler Weg.

Aber vielleicht auch der Weg zu den Antworten, nach denen sie ihr ganzes Leben gesucht hatte.

Die Farben von EtomStories to obsess over. Discover now