1

791 57 10
                                        

Vittoria

Seit Jahren kennt niemand mein Gesicht. Zumindest niemand außerhalb dieser vier Wände. Manchmal frage ich mich, ob ich selbst noch wüsste, wie es sich anfühlt, ohne die Maske durch die Straßen zu laufen. Doch irgendwann hört man auf, darüber nachzudenken. Es wird zur Gewohnheit. So wie das morgendliche Anziehen oder das Abschließen einer Tür. Die Menschen, die für mich arbeiten, kennen mich nur mit schwarzem Stoff vor dem Gesicht. Einige begleiten mich seit Jahren, andere sind erst seit wenigen Monaten Teil meiner Organisation. Keiner von ihnen hat jemals gefragt, weshalb ich mein Gesicht verberge.

Ich trete vor den großen Spiegel und streiche die letzten Falten aus meinem schwarzen Blazer. Mein Blick bleibt für einen Moment auf der Maske liegen, die ordentlich auf der Kommode vor mir liegt. Mit einer ruhigen Bewegung nehme ich sie in die Hand und setze sie auf. Ich richte den Stoff sorgfältig, bis alles perfekt sitzt und werfe meinem Spiegelbild einen letzten Blick zu.

Im Flur ist es ruhig, nur das warme Licht der Wandleuchten begleitet mich auf dem Weg zur Treppe. Das Anwesen schläft um diese Uhrzeit nie wirklich. Selbst kurz vor Mitternacht sind einige Mitarbeiter unterwegs und die Sicherheitskräfte wechseln ihre Schichten. Kaum erreiche ich die Eingangshalle, tritt Xavier auf mich zu. »Guten Abend, Signora.« »Ist alles vorbereitet?«, frage ich, während ich meine schwarzen Lederhandschuhe anziehe. »Ja, Signora. Ihr Fahrzeug steht bereit. Mr. Carter und seine Delegation sind vor wenigen Minuten im Casino eingetroffen.« Ich nicke. »Wie viele Personen?« »Sechs. Zwei Sicherheitskräfte begleiten sie.« »Und unsere Leute?« »Bereits vor Ort.« Mehr muss ich nicht wissen. Xavier öffnet die schwere Haustür, und die kalte Abendluft schlägt mir entgegen. Vor dem Anwesen stehen mehrere Fahrzeuge in einer Reihe. Sportwagen, schwarze Limousinen, zwei SUVs und etwas abseits mein Porsche Panamera GTS, dessen dunkler Lack das Licht der Außenbeleuchtung reflektiert. Ich gehe direkt auf ihn zu. Einer der Männer öffnet bereits die Fahrertür. »Soll ich fahren, Signora?« Ich schüttle leicht den Kopf. »Heute nicht.« Er tritt sofort einen Schritt zurück. Ich steige ein, starte den Motor und lasse den Blick für einen Moment über das Anwesen schweifen. Wenige Sekunden später öffnet sich das Haupttor automatisch. Ich fahre hinaus auf die nächtlichen Straßen Kanadas. Zwei schwarze SUVs setzen sich unmittelbar hinter mich und halten den gewohnten Abstand.

Geschäftspartner aus den USA erscheinen selten ohne einen guten Grund und sie verschwenden noch seltener ihre Zeit. Das bedeutet meistens, dass auch ich meine nicht verschwenden werde.

Der Porsche kommt langsam vor dem Haupteingang des Casinos zum Stehen. Noch bevor ich den Motor vollständig ausschalte, öffnen zwei meiner Männer bereits ihre Türen und steigen aus. Einer von ihnen tritt an meine Fahrerseite und öffnet sie, sobald ich den Schlüssel abziehe. Ich steige aus und richte kurz den Stoff meines Blazers. Vor dem Eingang herrscht reges Treiben. Gäste kommen und gehen, leises Lachen vermischt sich mit Musik, die durch die geöffneten Türen nach draußen dringt. Kaum betrete ich das Casino, spüre ich die Blicke, die mir folgen. Einige mustern die schwarze Maske, andere erkennen lediglich, dass ich nicht allein gekommen bin. Es interessiert mich nicht. Ich bin nicht hier, um gesehen zu werden. Ich bin hier, um Geschäfte zu machen.

Meine Männer folgen mir mit einigem Abstand, während ich den VIP-Bereich des Casinos betrete. Der Lärm aus der Haupthalle wird leiser, bis schließlich nur noch gedämpfte Stimmen und das Klirren von Gläsern zu hören sind. Am Ende des Raumes wartet Mr. Carter bereits auf mich. Sobald er mich bemerkt, erhebt er sich von seinem Platz. Auch die Männer, die ihn begleiten, stehen auf. »Ms. Moretti.« Seine Stimme ist ruhig und gefasst. Wir arbeiten seit zwei Jahren zusammen. Lange genug, um zu wissen, dass Höflichkeiten Zeit kosten. Ich nicke ihm knapp zu. »Mr. Carter.« Er deutet auf den freien Stuhl gegenüber. »Ich freue mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben.« Er setzt sich erst, nachdem ich Platz genommen habe. Einer meiner Männer bleibt einige Schritte hinter mir stehen. Die übrigen verteilen sich unauffällig im Raum.

VITTORIAStories to obsess over. Discover now