-01- Der Franzose

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Es war kurz nach zwölf, als Emilia das italienisch anmutende Restaurant in der Altstadt von Bremen betrat.
Es war bekannt für seine exzellente Küche und die eigenartige Mischung aus Anonymität und Nähe.
Dort hatte sie sich verabredet.
Ein erstes Date zur Mittagszeit war selten, doch heute schien so ein seltener Tag zu sein.

Denn die liebe Caro lag ihr bereits seit zwei Wochen damit in den Ohren, dass sie sich bald mit diesem mysteriösen Mann treffen sollte, den ihre Freundin zufällig kennengelernt und als sehr passend für Emilia empfunden hatte.
Und da dieser Mann demnächst für einige Zeit auf Geschäftsreise gehen würde, war ihre dringende Empfehlung, ein Kennenlernen nicht länger aufzuschieben.

Emilias Begeisterung diesbezüglich hielt sich allerdings in Grenzen.
Zum einen mochte sie es nicht unter Druck gesetzt zu werden. Zum anderen wusste sie nur zu gut, was Caro in der Regel als ideal für Emilia empfunden hatte. Schließlich war es nicht das erste Mal, dass ihre Freundin felsenfest davon überzeugt war, den absolut richtigen Mann für sie gefunden zu haben. Aber diese Einschätzung hatte ihr auch schon einige unangenehme Begegnungen beschert.

Manchmal fragte sie sich sogar, ob Caro sie überhaupt kannte oder womöglich willkürlich Männer auf der Straße ansprach, um sie bei der Suche nach dem Richtigen tatkräftig zu unterstützen. Ihrem Talent als Verkupplerin konnte sie deshalb nur einen von fünf möglichen Sternen geben, wenn sie die Leistung ihrer Freundin bewerten wollte.

So war sie einerseits zwar gespannt, wen Caro diesmal für sie ausgesucht hatte, aber andererseits hatte sie auch die Befürchtung, dass sie mit Anlauf in Richtung katastrophales Date unterwegs war.

Aber wie auch immer es dazu gekommen war, sie war hier und sah sich im Lokal um.

Das Restaurant war klein, fast leer, und Musik von Eros Ramazzotti klang aus den Plastikboxen an der Wand. Die weißen Säulen, mit Plastikefeu umwickelt, verstärkten das Klischee noch zusätzlich. Die ausgesuchte Location war also schonmal kein Pluspunkt für ihr Date.

Ein Mann, vermutlich Ende 40, winkte ihr freudig zu. Offenbar hatte Caro ihm ein genaueres Bild von ihr geschildert, als es umgekehrt der Fall war. Immerhin schien er sich sicher zu sein, dass es sich bei ihr um seine Verabredung handelte.
Emilia hingegen musste mit der kargen Beschreibung „Du wirst schon nicht enttäuscht sein." zurechtkommen.
Das war eine ziemlich dürftige Umschreibung, wenn man ehrlich war, aber sie vermutete, dass es das war, was ein Blind Date eben ausmachte.

Auf den ersten Blick wirkte der Mann wie ein zerzauster Professor. Sein leicht angegrautes Haar war unordentlich, aber immerhin voll. Auf seiner Nase trug er eine runde Brille mit dünnem Silberrand, die Richtung Nasenspitze gerutscht war.

Als sie sein Winken sah, hob auch sie die Hand zur Begrüßung und bewegte sich zu seinem Tisch. Der Mann stand auf und musterte das sommerliche Kleid, für das sie sich entschieden hatte, weil es ein warmer Tag war und es ihre Figur vorteilhaft umspielte.
Dass sein Blick etwas Wertendes hatte, führte dazu, dass sie sich unwohl fühlte.
Um nicht in eine merkwürdige Stimmung zu geraten, versuchte sie es zu ignorieren.

Sie stellte sich gerade hin und drückte ihre Brust hervor, bevor sie ihm selbstbewusst die Hand entgegenstreckte und verkündete: „Hallo, ich bin Emilia."

Er lächelte, griff beherzt nach ihrer Hand und zog sie, viel zu stürmisch, an sich heran. Dann drückte er ihr Küsse auf die linke und rechte Wange.
Etwas aufdringlich, ihrem Empfinden nach, aber immer noch weniger unangenehm als seine anschließende Begrüßung.

„Hallo, und ich habe natürlich gewusst, dass du Emilia bist. Wer solltest du auch sonst sein?" Er lachte kurz auf, während sie noch etwas irritiert über die seltsame Betonung ihres Namens war.
„Ich heiße im Übrigen Claude und mag Pünktlichkeit, setz dich doch bitte!", sagte er und wies auf den freien Stuhl, der auf der anderen Seite des Tisches bereitstand.

Die Ordnung der HerzenStories to obsess over. Discover now