Kapitel I: Der Hinweg

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Ich hatte mir immer vorgestellt, dass eine Flotte der Marine laut sein würde. Nicht nur laut, weil Männer Befehle brüllten, Kanonen geladen wurden und Segel im Wind schlugen, sondern laut auf eine Weise, die Mut machte. So hatte man es uns beigebracht. Eine Flotte war Ordnung. Eine Flotte war Macht. Eine Flotte war das Gewicht der Gerechtigkeit, das sich über das Meer legte, wenn Piraten zu groß wurden, zu stolz, zu gefährlich.

Aber an diesem Morgen war unsere Flotte still. Nicht vollkommen still. Das Meer schlug gegen die Rümpfe. Holz ächzte. Ketten klirrten. Irgendwo knarrte eine Kanonenlafette, während zwei Männer sie zum dritten Mal überprüften, obwohl sie längst bereit war. Über uns riefen Möwen, als wüssten sie nicht, dass sie sich von diesem Ort fernhalten sollten. Und doch lag über allem eine Stille, die nichts mit Ruhe zu tun hatte. Es war die Stille vor etwas, das niemand aussprechen wollte.

Ich stand am Steuerbordgeländer des dritten Kriegsschiffes der vorderen Linie und hielt mein Gewehr so fest, dass meine Fingerknöchel heller wurden. Es war eines dieser alten Marinegewehre, schwer, schlicht und ehrlich auf eine unangenehme Weise. Ein Schuss. Nachladen. Wieder zielen. An meiner Seite hing zusätzlich mein Säbel, die Scheide fest am Gürtel, das Gewicht vertraut genug, um mich zu beruhigen und fremd genug, um mich daran zu erinnern, warum wir hier waren.

Der Wind war kalt, obwohl die Sonne bereits über dem Horizont stand. Salz klebte auf meinen Lippen. Meine Uniform fühlte sich schwerer an als sonst, obwohl sie eigentlich für Bewegung gemacht war. Weißes, robustes Marinezeug über dunkler Hose, feste Stiefel, Ledergurte über Brust und Hüfte, Munitionslaschen am Riemen, eine Scheide an meiner Seite und genug Schnallen, um einen Mann daran zu erinnern, dass er Teil einer Ordnung war. Die Mäntel der Offiziere flatterten vor mir, dieses weiße Symbol, das für Gerechtigkeit stehen sollte, und zum ersten Mal seit langer Zeit fragte ich mich, ob ein Mantel schwerer werden konnte, wenn der Mann darunter Angst hatte.

Ich war zweiundzwanzig Jahre alt. Kein Anfänger mehr. Kein Rekrut, der beim ersten Kanonenschuss zusammenzuckte. Ich hatte Piratenschiffe brennen sehen. Ich hatte Männer sterben sehen, gute Männer und schlechte, wenn man diese Grenze auf dem Meer überhaupt so sauber ziehen konnte. Ich hatte Befehle ausgeführt, weil Befehle das Einzige waren, woran man sich festhalten konnte, wenn Blut über Planken lief und Rauch die Welt kleiner machte. Aber ich war auch keine Elite. Ich war kein Vizeadmiral. Kein Held. Kein Name, den jemand in eine Zeitung schreiben würde. Ich war ein Marinesoldat unter Tausenden, mit einem Gewehr in der Hand, einem Säbel an der Seite und genug Erfahrung, um zu wissen, wann erfahrene Männer Angst hatten.

Ich war kräftig gebaut, aber nicht massig. Eher drahtig, beweglich, gemacht für den Kampf auf engem Deck, wo ein Schritt zu viel dich über die Reling bringen konnte. Mein blondes Haar war für die Marine eigentlich immer ein wenig zu unordentlich. Der Wind trieb mir einzelne Strähnen in die Stirn, egal wie oft ich sie zurückstrich. Meine Kleidung saß ordentlich genug, um keinen Ärger zu bekommen, aber nie so glatt und sauber wie bei Männern, die Gehorsam bis in den letzten Knopf trugen. Vielleicht war das schon immer etwas an mir gewesen. Kein offener Widerstand. Noch nicht. Aber auch keine Ruhe, die vollständig in eine Uniform passte.

Und an diesem Morgen hatten sie Angst.

Neben mir stand Roud, mein bester Freund in der Marine und wahrscheinlich der einzige Mensch auf diesem Schiff, der sonst selbst in der Hölle noch einen dummen Spruch gefunden hätte. Er war ein Stück größer als ich, vielleicht zehn Zentimeter, schlanker gebaut, aber nicht schwach. Eher lang, sehnig und zäh, mit der Art Körper, die bei einem Sturm nicht sofort umgeworfen wurde. Sein dunkles Haar war vom Wind zerzaust und im Nacken zu einem kleinen, kaum ordentlichen Zopf gebunden, als hätte er irgendwann beschlossen, dass es praktisch sein musste, aber sich weigert, dabei ordentlich auszusehen.

Der Kaiser der schwarzen MeereStories to obsess over. Discover now