Der zweite Geburtstag ohne Kontakt. Letztes Jahr schrieb wenigstens noch die scheinheilige Verwandtschaft. Das blieb dieses Jahr aus. Mittlerweile grüßt auch keiner mehr, wenn man sich auf der Straße sieht. Als wäre man nie miteinander verwandt gewesen. Erstaunlich wie jeder einzelne von ihnen meint sich ein Urteil darüber erlauben zu dürfen. Zu entscheiden, ob ich richtig gehandelt habe oder nicht, anhand ihrer Wahrnehmung von wenigen Sequenzen, Erzählungen oder möglichen Ahnungen. Keiner von ihnen hat jemals in meiner Haut gesteckt, durch meine Augen gesehen, was ich sah, gefühlt, was ich fühlte und ausgehalten, was ich ertragen musste. Niemand von ihnen kann meinen Schmerz beurteilen, meine Gefühle darüber bewerten oder auch nur ansatzweise nachvollziehen, wie ich behandelt wurde. Ich höre sie deutlich, die Worte von ihnen: „Aber es sind doch deine Eltern. Eines Tages wirst du es bereuen. Vor allem, wenn sie tot sind und ihr nie mehr miteinander geredet habt." Sind sie denn noch meine Eltern, wenn ich mich ihnen gar nicht verbunden fühle? Sind sie meine Eltern, wenn sie es so gar nicht interessiert, wie es mir geht und was ich mache? Was soll es noch zu reden geben, wo mir doch deutlich gesagt wurde, was man von mir hält. Wie wenig ich in ihren Augen wert bin, nichts an mir ist es würdig zu respektieren, ich verdiene keine Anerkennung. Darüber muss man noch reden? Ich denke nicht.
„Aber denk doch mal an deine Mutter. Wie schlimm es für sie ist. Wo du doch selbst eine bist." Allerdings. Ich bin Mutter. Umso weniger kann ich ihr Verhalten nachvollziehen. Ich denke jeden Tag an sie und frage mich, warum sie nichts dagegen macht. Nicht jeden Moment darum kämpft mich wiederzubekommen. Sollte das nicht eine Mutter machen? Eine Bekannte sagte neulich: „Aber vielleicht kannst du eines Tages ja wenigstens vergeben, damit ihr im Reinen auseinander gehen könnt." Was soll ich denn vergeben? Dass meine eigene Mutter seit fast zwei Jahren nicht einen einzigen Tag versucht hat, weiterhin an meinem Leben teilzunehmen? Dass sie es duldete, ihr eigenes Kind, was sie unter dem Herzen trug, zu verlieren? Nie wieder ein Wort von mir zu hören. Es ihr vollkommen egal ist, ob ich gesund bin oder krank. Ihre letzten Worte, die sie an mich richtete, hallen noch immer in meinem Kopf nach. Wie unglaublich beschissen ich doch bin, das Letzte, sie schämt sich für mich. Dann werde ich halt durch die Zeitung von ihrem Tod erfahren, wenn ich das so will. So etwas soll ich vergeben? Wenn ich doch so wenig gewollt war/bin, dann muss ich auch keine Aufmerksamkeit mehr auf mich lenken.
Manchmal habe ich das Gefühl sie ist sogar froh darüber mich los zu sein. Ich war doch in ihren Augen immer nur eine Last. Ich, die andere. Nichts an mir war normal, ich tanzte immer aus sämtlichen Normen. Machte nur Probleme. War einfach nur anstrengend. Mein Vater konnte mich doch nie leiden. Umso schwieriger dann für meine Mutter, dass sie es musste. Der ewige Spagat zwischen dem Narzissten weiterhin vergöttern und versuchen aus dem verkorksten Kind etwas Brauchbares rauszuholen, womit er sich irgendwie zufriedengeben konnte und ich nicht ganz nutzlos war. Dann ist es doch jetzt umso besser das sie sich nicht weiter abmühen muss. Nun bin ich nicht mehr ihr Problem. Jetzt müssen es andere mit mir aushalten.
Schon komisch. Sich Elternlos zu fühlen, obwohl man sie ständig durch die Straßen laufen sieht. Ebenso meine Schwester. Keines Blickes würdigt sie mich, wo ich doch so viel Schande mit meiner Tat über diese Familie brachte. Von allen Seiten behandelt, als hätte ich einen Menschen auf dem Gewissen. Wäre der größte Abschaum, der auf den Straßen wandelt. Weil ich ausspreche, was ich fühle. Sage, wie es wirklich war. Mich nicht verstecke hinter Lügen und Fassaden. Und keiner von ihnen ertragen kann, dass es so war. Niemand die Wahrheit aushält, niemand die Schuld auf sich nehmen will. Sich eingestehen will, dass sie etwas von mir auf dem Gewissen haben. Meine Kindheit. Etwas, was mir nie wieder gegeben werden kann. Meinen Verstand mit schlechten Erinnerungen gefüttert haben. Mir das Gefühl gegeben nie willkommen auf dieser Welt zu sein. Wie auch, wenn mir so oft gesagt wurde, dass die Pille bei mir versagte. Wie soll man über solche Dinge hinwegsehen?
Ich habe es lange versucht und bin immer wieder über meinen Schatten gesprungen. Kontakt gehalten, weil man es doch muss. Aber mit jedem Mal gab es einen neuen Dämpfer. Das Fass der Enttäuschungen lief immer voller. Bis nichts mehr zu halten war. Ich gab auf. Eine Tochter zu sein. Teil einer Familie zu sein, die mich nicht wollte. Nicht so, wie ich war. Anders. Schwierig. Es vergeht nicht ein Tag, an dem ich mich frage, ob sie jetzt glücklicher ist ohne mich. Ob es sich so anfühlt, als wäre das eigene Kind gestorben.
Ob sie mich überhaupt jemals liebte? Gefühlt habe ich es nie. Ich erinnere mich nicht daran. Ich erinnere mich aber auch nicht daran, dass sie es sagte. Aber an Bilder, wie ich verzweifelt versuchte Nähe zu bekommen mit meiner aufdringlichen quirligen Art. Und wie sehr es sie nervte. Sie mich von sich schob. Es war nie Platz für mich in ihrem Leben.
Ich bin froh ihr scheinbar eine Last abgenommen zu haben. Zu versuchen eine Mutter für mich zu sein, was ihr wohl unglaublich schwer viel. Nun muss sie es nicht weiter versuchen. Ich habe akzeptiert, dass ich nie eine richtige Mutter haben werde.
Und wie jede Geschichte endet auch diese mit einem Happy End.
Für irgendjemanden.
BINABASA MO ANG
Geburtstag
Short StoryEigentlich sind diese Tage dafür da, dass die Eltern die eigene Existenz der Menschen feiern, die durch sie entstanden sind. Sie daran erinnern, welchen unglaublichen Wert sie für die Welt und für einen selbst haben. Was wiegt wohl schwerer? Geburt...
