Mit 26 Jahren fühlte ich mich wie eine leere Hülle. Mein Spiegelbild zeigte eine erfolgreiche Frau. Die Zahlen stimmten, die Karriere glänzte, doch innerlich war ich längst zu Staub zerfallen. Die Einsamkeit war ein schleichendes Gift gewesen, das mich isolierte, bis ich niemanden mehr zum Reden hatte. Tag für Tag saugte das Leben mich aus, bis nur noch Erschöpfung blieb.
Ich hatte alles geregelt. Keine Rechnungen mehr, kein Auto, kein Job. Mein Mobiliar war verkauft, die Wohnung gekündigt.
An diesem Morgen, als ich zum ersten Mal offiziell obdachlos war, betrat ich meinen Lieblingswald. Er war riesig, ein Labyrinth aus uralten Stämmen, das schon immer etwas Magisches an sich hatte. Besonders im Frühjahr, wenn die ersten Knospen das Licht einfingen.
Ich wanderte tief hinein, stundenlang, bis die Zivilisation nur noch eine ferne Erinnerung war.
Ich wollte nicht gefunden werden. Ich wollte eins werden mit der Erde.
An einem kleinen Wasserfall, dessen Rauschen die Stille des Waldes wie Musik untermalte, ließ ich mich auf den massiven Wurzeln einer Eiche nieder. Ich schloss die Augen, genoss den Duft von feuchtem Moos und zog das Messer.
„Es ist Zeit“, flüsterte ich.
Doch gerade, als die Klinge meine Haut berührte, geschah das Unfassbare. Ein Schatten brach aus dem Gebüsch. Ein riesiger, silbergrauer Wolf schoss auf mich zu und schlug mir mit einer Präzision, die fast menschlich wirkte, das Messer mit der Schnauze aus der Hand.
Ich erstarrte. Aber ich hatte keine Angst. Wozu auch? Das Leben war mir ohnehin nichts mehr wert. Fasziniert starrte ich in seine bernsteinfarbenen Augen.
Dann geschah das Wunder: Die Gestalt des Wolfes verschwamm, Knochen knackten leise, und vor mir erhob sich ein Mann. Er war völlig nackt, muskulös und strahlte eine rohe Kraft aus, die die Luft um uns herum vibrieren ließ.
„Was glaubst du, was du da tust?“, fragte er mit einer Stimme, die wie tiefes Grollen klang.
Ich schluckte schwer. Mein Blick blieb hängen, an seinen Augen, aber auch an seiner unverhüllten Männlichkeit, die nach der Verwandlung deutlich sichtbar war.
Ein freches Grinsen stahl sich auf seine Lippen; er bemerkte meine Blicke genau.
„Ich habe nichts mehr, das mich hält“, antwortete ich leise. „Alles ist langweilig... unbedeutend.“
Er trat so nah an mich heran, dass ich seine Hitze spüren konnte. „Du kommst mit mir, Gefährtin!“, bestimmte er.
„Gefährtin?“, hauchte ich.
„Ja! Mein Name ist Arvid. Und du, meine Schöne, hast dein Leben definitiv noch nicht gelebt.“
Einen Moment lang glaubte ich, bereits tot zu sein. Ich sah auf meine Handgelenke aber da waren keine Schnitte und auch kein Blut. Ich lebte. Und zum ersten Mal seit Jahren fühlte ich ein Kribbeln in meiner Brust.
Ich stand auf und folgte ihm. Arvid schmiegte sich im Gehen kurz an mich, und ein unerwartetes Gefühl von Geborgenheit durchflutete mich.
Wir erreichten eine einsame, rustikale Hütte. Drinnen zog er sich lediglich eine Hose über und stellte mir ein Glas Whiskey hin.
„Harte Zeit gehabt?“, fragte er und sah mich intensiv an. „Wärst du mal eher gekommen. Ich habe fast nicht mehr daran geglaubt, meine Gefährtin zu finden. Aber jetzt bist du hier. Ich werde dich nie wieder gehen lassen, außer, du wünschst es ausdrücklich.“
„Nein!“, kam meine Antwort schneller, als ich denken konnte. „Du faszinierst mich.“
Er grinste verschmitzt. „Das ist die Anziehungskraft.“
Er nahm mein Gesicht in seine großen Hände und küsste mich. Es war kein gewöhnlicher Kuss; es war ein Versprechen.
„Ich schenke dir ein richtiges Leben“, flüsterte er gegen meine Lippen.
„Was bist du?“, fragte ich, während mein Herz raste.
Arvid erklärte mir alles. Er war ein Werwolf. Gefährten wie wir hatten nur eine einzige Liebe im Leben. Er hatte mich gerochen, lange bevor er mich sah, und war mir zum See gefolgt. Er erklärte mir das Band, das uns verband; eine Verbindung, die ich mit jeder Faser meines Körpers immer deutlicher spürte.
„Und wie besiegeln wir diese Verbindung?“, fragte ich neugierig.
„Sex“, antwortete er mit einem dreckigen Grinsen. Ich spürte, wie ich errötete.
Er lachte leise und strich mir über die Wange. „Alles zu seiner Zeit. Wir haben jetzt alle Zeit der Welt. Wenn unsere Verbindung gefestigt ist, wirst du mein Blut empfangen und selbst eine von uns werden. Du wirst die Zeit der Wölfe teilen.“
Ich musste grinsen. „Also doch ein Vampir?“
Arvid lachte schallend. „Ja, so ähnlich. Möchtest du dieses Leben, Katelynn?“
Ich sah ihn an, sah die Hütte, den Wald und die Zukunft, die plötzlich nicht mehr grau, sondern voller wilder Farben war.
„Ja“, sagte ich.
Und zum ersten Mal seit sechsundzwanzig Jahren meinte ich es auch so.
Ende
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Der Wald
Short StoryEine Kurzgeschichte über den Tot, über Werwölfe und Gefährten. Die Liebe zwischen Arvid und Katelynn.
