An einem warmen Frühlingstag saß Lilly auf der alten Steinmauer hinter der Schule und ließ ihre Beine in der Luft baumeln. Die ersten Sonnenstrahlen kitzelten ihre Haut, und sie kritzelte gedankenverlorene kleine Blumen in ihr Notizbuch.
Sie bemerkte den neuen Jungen erst, als er vorsichtig über den Schulhof ging – ein bisschen verloren, den Rucksack fest an sich gedrückt. Tarik, so hatte die Klassenlehrerin heute Morgen gesagt, sei aus einem fernen Land hierhergezogen. Seine dunklen Augen wanderten neugierig über das Gewirr aus Kindern, die spielten, lachten und riefen.
Als sich ihre Blicke trafen, lächelte Lilly zögerlich. Tarik erwiderte das Lächeln. Sie klappte ihr Notizbuch zu, rutschte von der Mauer und ging ein paar Schritte auf ihn zu.
Lilly: Hey, du bist Tarik, oder?
Tarik: Ja und du bist Lilly?
Seine Stimme war leise, aber freundlich.
Lilly: Das stimmt. Woher kommst du eigentlich?
Tarik: Aus Marokko. Meine Familie ist vor kurzem hierhergezogen.
Lilly: Das ist bestimmt aufregend. Vermisst du dein altes zuhause?
Tarik: Ein bisschen schon. Die Leute hier sind nett, das hilft.
Lilly: Freut mich! Wenn du willst, kannst du dich bei der Pause zu mir setzen.
Tarik: Echt? Das wäre super, danke!
Lilly: Kein Problem. Komm wir holen uns noch etwas zu trinken, bevor es klingelt.
Tarik: Gute Idee. Die Pause ist immer viel zu kurz.
Sie treffen sich nach der Schule am großen Baum vor dem Eingang.
Lilly: Puh, endlich Schulschluss. Die letzte Stunde hat sich ewig gezogen.
Tarik: Ja total. Ich bin froh, dass wir jetzt nach Hause gehen können.
Lilly: In welche Richtung musst du eigentlich?
Tarik: Da vorne, zu den großen Wohnhäusern. Und du?
Lilly: Warte mal..... da muss ich auch hin. In Haus Nummer 21.
Tarik: Echt? Moment mal Haus Nummer 21?
Lilly: Ja warum?
Tarik: Das ist doch verrückt, da wohne ich auch.
Lilly: In welchem Stock?
Tarik: Im dritten Stock, Wohnung links.
Lilly: Nein! Ich wohne im dritten Stock, aber rechts.
Tarik: Dann sind wir ab jetzt Nachbarn.
Lilly: Das ist ja lustig. Wir gehen in die gleiche Schule und wohnen auch noch im gleichen Haus.
Tarik: Die Welt ist manchmal echt klein.
Lilly: Dann können wir ab jetzt zusammen in die Schule gehen.
Tarik: Das fände ich cool.
Lilly: Ich auch. Komm wir gehen rein, vielleicht sieht man sich ja später nochmal.
Tarik: Bestimmt. Bis später.
Lilly: Bis später.
(Lillys Mutter öffnet die Wohnungstür, sie hat das Gespräch teilweise gehört.)
Mutter: Lilly, wer war das eben?
Lilly: Das ist Tarik. Er geht auf meine Schule und wohnt nebenan.
Mutter: runzelt die Stirn Tarik? Der ist aber kein Deutscher?
Lilly: Nein er kommt aus Marokko.
Mutter: Ich finde das nicht gut. Du solltest lieber mit Jugendlichen aus unserer Umgebung zu tun haben.
Lilly: Mama, das ist unsere Umgebung. Er ist nett, höflich und ganz normal.
Mutter: Man weiß nie, wie solche Leute sind.
Lilly: Das stimmt nicht. Du kennst ihn gar nicht. Nur weil er aus einem anderen Land kommt, ist er nicht anders.
Mutter: Ich mache mir einfach nur Sorgen.
Lilly: Sorgen sind okay. Verurteile nicht. Tarik hat nichts falsch gemacht.
Mutter: seufzt Wir reden später komm jetzt rein.
Lilly: Okay, aber ich werde trotzdem mit ihm befreundet sein.
(Im Treppenhaus. Tarik schließt die Haustür auf. Amina kommt ihm entgegen.)
Amina: hey du bist zu spät.
Tarik: Ich bin mit einem Mädchen aus meiner Schule nach Hause gegangen, Lilly.
Amina: Und?
Tarik: Wir haben gemerkt, dass wir im gleichen Haus wohnen. Direkt nebenan sogar.
Amina: Echt? Das ist ein Zufall.
Tarik: Ja. Zufälle gibt es.
Amina: Und ihre Eltern? Wissen sie das?
Tarik: Ihre Mutter hat uns gehört. Sie klang ...nicht begeistert.
Amina: Wegen dir?
Tarik: Ja, weil ich Ausländer bin.
Amina: Das passiert leider öfter.
Tarik: Lilly hat widersprochen. Das fand ich gut. Es hat sie gar nicht gestört.
Amina: Das ist wichtig. Nicht alle denken so wie ihre Mutter.
Tarik: Ich weiß. Trotzdem fühlt es sich komisch an, nichts falsch zu machen und trotzdem komisch angeschaut zu werden.
Amina. Das verstehe ich. Aber vergiss nicht: Du musst dich für nichts schämen.
Tarik: Denkst du ich sollte Abstand halten?
Amina: Nein, wenn Lilly dich respektiert und du sie magst, ist das alles, was zählt.
Tarik: Danke.
(Abends. Es ist schon leicht dunkel. Tarik bringt den Müll raus. Lilly kommt mit einer Tüte aus der anderen Richtung.)
Lilly: Oh hey Tarik.
Tarik: Hey Lilly.
Lilly: Meine Mama hat heute komisch reagiert. Das wollte ich dir nur sagen.
Tarik: Amina hat erzählt, dass sowas passieren kann. Trotzdem war es nicht schön.
Lilly: Es tut mir leid. Ich finde das auch nicht schön.
Tarik: Du musst dich nicht entschuldigen. Du warst nett zu mir, das zählt.
Lilly: Ich wollte dir nur sagen, dass mir egal ist, woher du kommst.
Tarik: Danke das bedeutet mir echt viel.
Lilly: Manchmal verstehe ich Erwachsene nicht.
Tarik: Ich auch nicht immer.
Lilly: Aber wir können ja trotzdem morgen zusammen zur Schule gehen.
Tarik: Gerne dann treffen wir uns einfach unten an der Tür.
Lilly: Abgemacht.
Tarik: Dann....gute Nacht Lilly.
Lilly: Gute Nacht Tarik.
(Beide gehen in unterschiedliche Richtungen zurück ins Haus.)
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Zwei Herzen - eine Sprache
Non-FictionNeues Land, neue Schule. Viele Änderungen kommen auf Tarik zu. Findet er Anschluss in der neuen Schule trotz sprachbarrierren... Lilly, Schulsprecherin und Tariks neue Klassenkameradin nimmt es sich zur Aufgabe Tarik bestmöglich in die neue Schule z...
