Mara lebte seit ihrem achten Lebensjahr in einer Welt, die aus Glas zu bestehen schien – klar, scharfkantig und vollkommen lautlos. Stille war für sie kein Mangel an Information, sondern eine hochpräzise Sprache. Während andere Menschen durch den Lärm der Stadt stumpf wurden, war Maras Wahrnehmung geschärft wie eine Klinge. Sie hörte nicht das Quietschen der Bremsen oder das hohle Lachen der Passanten, aber sie sah das Zittern der Luft über dem Asphalt, das Flattern eines Augenlids und das rhythmische Beben, das die U-Bahn durch ihre Schuhsohlen bis in ihre Wirbelsäule schickte.
In ihrem Alltag war Mara eine Schattenexpertin. Sie wohnte in einer winzigen Dachwohnung, in der jedes Möbelstück seinen festen Platz hatte, damit sie sich auch im Dunkeln blind zurechtfand. Morgens, wenn das erste Licht durch das staubige Fenster fiel, beobachtete sie den tanzenden Staub und wusste genau, wann das Wasser im Kessel kochte, weil die Oberfläche zu vibrieren begann. Sie liebte diesen Moment der absoluten Kontrolle.
Ihr Job im Antiquariat war ihr Heiligtum. Zwischen den hohen Regalen aus dunklem Eichenholz, die nach altem Papier und Leder rochen, fühlte sie sich sicher. Bücher verlangten keine Antworten. Sie erzählten ihre Geschichten, ohne dass man ihre Lippen lesen musste. Herr Jansen, der Besitzer, war ein Mann der wenigen Worte, was Mara entgegenkam. Wenn er doch einmal etwas wollte, fixierte sie seine Lippen mit einer Intensität, die er für tiefe Bewunderung hielt. In Wahrheit sezierte sie jedes Wort, jede Schwingung seiner Mundwinkel. Sie war so gut darin geworden, Taubheit vorzutäuschen, dass sie sogar lernte, im richtigen Moment zu nicken oder zu lächeln, wenn die Leute um sie herum lachten. Sie imitierte das Leben, ohne wirklich daran teilzunehmen.
Doch in den letzten Wochen hatte sich der Rhythmus ihrer Welt verändert.
Es begann mit einer tiefen, fremden Unruhe im Boden. Es war kein gewöhnliches Vibrieren der Stadtwerke oder der vorbeirauschenden Züge. Es war ein schweres, pulsierendes Grollen, das tief aus dem Erdkern zu kommen schien. Oft hielt Mara mitten im Einräumen der Bücher inne, legte die flache Hand gegen die Wand des Ladens und schloss die Augen. Da war etwas. Etwas Großes, das unter den Fundamenten der Stadt atmete.
An jenem Dienstag war das Gefühl besonders stark. In der Mittagspause saß sie wie immer im kleinen Park hinter der Bibliothek. Ein kleiner Junge spielte in der Nähe mit einem knallroten Ball. Mara beobachtete ihn beiläufig, bis der Ball über eine rostige Eisenplatte im Boden rollte – ein alter Wartungsschacht. Der Junge rannte hinterher, blieb aber abrupt stehen. Sein Gesicht wurde aschfahl. Er starrte durch die Schlitze der Platte in die Tiefe. Mara sah, wie sein ganzer kleiner Körper zu zittern begann. Er ließ den Ball liegen und rannte weg, ohne sich umzusehen.
Neugierig geworden, trat Mara an den Schacht heran. Sie bückte sich, das schwere Buch über die Katakomben von Paris fest an die Brust gepresst. Als sie durch das Gitter in die Finsternis spähte, erstarrte sie. Dort unten, in der absoluten Schwärze, leuchteten zwei bernsteinfarbene Augen. Sie blinzelten nicht. Sie fixierten Mara mit einer Intelligenz, die nichts Menschliches an sich hatte. Ein warmer, modriger Luftzug stieg aus dem Schacht empor, der nach Eisen und uraltem Stein roch. Mara wich instinktiv zurück, ihr Herz hämmerte so fest gegen ihre Rippen, dass es schmerzte. Als sie Sekunden später erneut hinsah, war die Dunkelheit leer.
Der Rest des Tages verging wie in Trance. Das Gefühl, beobachtet zu werden, klebte an ihr wie feuchter Nebel. Als sie den Laden am Abend abschloss, zitterten ihre Hände. Die Straßenlaternen flackerten nervös, und Mara bemerkte, dass die Menschen um sie herum seltsam hastig nach Hause eilten, als spürten sie die drohende Gefahr, die in der Luft lag.
Sie nahm die Abkürzung durch die schmale Gasse, die zu ihrem Hinterhaus führte. Es war ein Fehler.
In der Mitte der Gasse blieb sie stehen. Die Vibration im Boden war nun so stark, dass ihre Zähne aufeinander schlugen. Plötzlich lösten sich zwei Schatten von den Ziegelwänden. Sie bewegten sich schneller, als es das menschliche Auge erfassen konnte – fließend, wie Tinte im Wasser.
Zwei Männer versperrten ihr den Weg. Sie waren identisch. Dieselbe aristokratische Nase, dasselbe rabenschwarze Haar, dieselbe unheimliche, blasse Haut, die im fahlen Licht der Laterne fast zu leuchten schien. Der eine wirkte kühler, die Augen wie geschliffenes Glas, während der andere eine wilde, unterdrückte Energie ausstrahlte.
Mara fixierte die Lippen des kühleren Zwilling.
„Du hast zu tief in den Abgrund geblickt, kleine Leserin", formten seine Lippen präzise. Er sprach langsam, fast so, als wüsste er, dass sie jedes Wort sehen musste. „Und der Abgrund hat zurückgeblickt."
Der zweite Zwilling trat einen Schritt näher. Er war so nah, dass Mara die Hitze spüren konnte, die von ihm ausging – ein krasser Gegensatz zu seiner marmornen Haut. Er hob die Hand und strich ihr mit dem Handrücken über die Wange. Die Berührung brannte wie Feuer.
„Wir haben dich gesucht, seit die Tunnel unter dieser Stadt bebten, als du geboren wurdest", las sie von seinen Lippen. Seine Augen funkelten vor Verlangen. „Du gehörst nicht hierher, in den Staub und den Lärm."
Mara wollte schreien, wollte die Stille brechen, die sie so lange beschützt hatte. Doch bevor sie auch nur einen Ton herausbringen konnte, legte sich eine Hand auf ihren Mund. Der Geruch von Sandelholz und altem Blut füllte ihre Lungen. Die Welt um sie herum begann zu schwanken. Der Asphalt unter ihren Füßen schien sich aufzulösen, als würde die Erde selbst sie verschlingen wollen.
Das Letzte, was sie sah, bevor die Schwärze sie endgültig einholte, waren die Gesichter der Zwillinge, die sich über sie beugten. Ein Versprechen und ein Käfig zugleich. Dann stürzte sie ins Nichts, tiefer hinab, als irgendein Buch sie jemals hätte führen können.
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Echo der Finsternis: Das verstummte Herz
VampireDie Welt über dem Boden ist laut, hektisch und oberflächlich. Für die junge Mara ist sie ein Stummfilm, den sie mit den Augen liest. Seit sie ihr Gehör verlor, hat sie gelernt, sich in der Stille zu verstecken und die Lippen der Menschen wie die Sei...
