Jules Kopf dröhnte. Drei Stunden Schlaf, danach Mia aus dem Bett und zur Schule gebracht, dann ein Online-Modul für die Ausbildung.
Und jetzt stand sie hier, in einer Küche, die nach Mehl und Verzweiflung roch, und versuchte, Kekse zu backen.
Mia, sechs Jahre alt und die größte Energiebündel der Welt, sprang aufgeregt neben ihr herum. "Mama, Mama! Wann sind die Einhorn-Kekse fertig?"
"Gleich, Schatz, gleich", murmelte Jule und rieb sich die Schläfen. Die Nachtschicht im Altersheim hatte Spuren hinterlassen. Ihre Augenlider fühlten sich an wie Blei, und die Vorstellung, noch eine Stunde lang Teig auszurollen, während Mia ihr die Ohren vollquatschte, ließ sie innerlich stöhnen.
Sie schob das Backblech mit den ersten – etwas unförmigen – Einhorn-Keksen in den Ofen. Nur noch zehn Minuten, dann würde sie kurz die Augen schließen. Nur eine Sekunde.
Das Klingeln ihres Handys riss sie aus dem Dämmern. Es war Schwester Karin vom Altersheim. Eine dringende Frage zum Medikationsplan eines Bewohners. Jule nickte, schaltete auf Lautsprecher und versuchte, Karins Anweisungen zu folgen.
Die Minuten strichen dahin. Die Küche füllte sich mit einem seltsamen Geruch – erst süßlich-verbrannt, dann stechend.
Mia rümpfte die Nase. "Mama, riecht das komisch?"
Bevor Jule antworten konnte, ertönte ein ohrenbetäubender Schrei, der durch die ganze Wohnung hallte.
Der Rauchmelder! Schwarzqualm stieg aus dem Ofen. Die Einhorn-Kekse waren jetzt kleine, verkohlte Kohle-Haufen.
Jule riss die Ofentür auf. Eine dichte Rauchwolke quoll ihr entgegen. Sie hustete, wedelte mit den Armen und versuchte, das Fenster zu öffnen.
Mia weinte leise im Hintergrund.
In diesem Moment hämmerte es panisch an der Wohnungstür. Jule, immer noch hustend und völlig überfordert, zögerte. Wer konnte das sein?
Das Hämmern wurde energischer. "Ist alles in Ordnung hier drin? Ich höre den Rauchmelder!"
Es war eine tiefe, ruhige Männerstimme. Der neue Nachbar. Jule warf einen Blick auf sich selbst – zerzauste Haare, Mehl auf dem Pyjama-Shirt, umgeben von Rauch und dem Geschrei des Rauchmelders.
Sie stieß einen frustrierten Laut aus und riss die Tür auf. Dort stand er. Leo. Mit dunklen, besorgten Augen, die sie musterten, während ihre Küche dahinter in einem chaotischen Dunst versank.
"Brauchen Sie Hilfe?", fragte er ruhig, doch seine Augen blitzten.
VOCÊ ESTÁ LENDO
Ein Tag im Chaos
ContoJule lebt im permanenten Ausnahmezustand. 33 Jahre alt, alleinerziehend, Nachtschichten im Altersheim und nebenbei eine Ausbildung - da bleibt für Schlafen, Ordnung oder gar Liebe keine Zeit. Ihre sechsjährige Tochter Mia ist die einzige Konstante i...
