Kapitel 9

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Am Ende der Woche kommt es mir so vor, als hätte nicht ich, sondern ein ganz anderes Mädchen diese erlebt. Wenn ich in den Spiegel schaue, starren mich die Augen einer Fremden an. Haselnussbraun wie meine, doch kein Hauch an Ausdruck liegt in ihnen.

'Pass auf dich auf.'

Jedes Mal, wenn ich in mein verschlossenes Gesicht blicke, suche ich nach der Wahrheit. Was hat Pauls Warnung mit mir zu tun? Doch alles, was ich finde, ist die erschreckende Ratlosigkeit in meinem Gesicht.

Ich schließe die Augen und kneife die Lippen ganz fest zusammen. In diesem Moment erscheint es mir fast, als hätte das seltsame Gespräch gar nicht stattgefunden. Es ist einfach zu irreal; nur die wenigen Helden aus meinen Büchern sprechen solche kitschigen Warnungen aus.

Doch es ist geschehen, so sehr ich mir das auch ausreden möchte. Verzweifelt fahre ich mir durch die braunen Haare und linse erneut in den Spiegel. Blicke der Realität ins Auge.

Mit einem letzten Stoßseufzer - der die ganze Filmszene revolutionieren könnte - drehe ich meinem Spiegelbild den Rücken zu. Trotz und Widerwille keimen in mir auf.

Seit Pauls letzten Worten habe ich jede Gelegenheit am Schopf ergriffen und versucht, ihn vor sowie nach dem Essen abzufangen. Doch genauso wie Zoe scheint er 24 Stunden rund um die Uhr verschwunden zu sein.

Er weicht mir aus. Seltsamerweise versetzt mir diese Tatsache einen Stich ins Herz.

Den ganzen restlichen Abend verbringe ich in meinem Zimmer und widme mich dem Ballett. Da auf der Akademie elektronische Geräte zwar erlaubt, aber nicht gerne gesehen sind, erfüllt keine Tschaikowsky-Musik die Luft. Stille hat sich über mich gelegt, sodass ich in jeder Faser meines Körpers die Anspannung spüre. Minute um Minute wächst meine Unruhe, obwohl mich Dehnen und Nachdenken sonst immer beruhigen.

Sogar, als ich später in meinem Bett liege und an die Decke starre, schaltet sich das innere Wirrwarr nicht ab. Ich fühle mich, als wäre ich geradewegs in einen Orkan geraten und könnte den Ausweg nicht mehr finden.

Frustriert vergrabe ich den Kopf in meinem Kissen. Ich lausche dem Flüstern der Bäume draußen vor dem Fenster. Die tintenschwarze Dunkelheit umhüllt mich nicht, sie stößt mich fort, um dann mit ihren unheimlichen Tentakeln nach mir zu greifen. Durcheinander klammere ich mich an den festen Stoff meines Pyjamas und wünsche mir nichts sehnlicher, als endlich in das Reich der Träume abzudriften.

Es wird mir nicht gewehrt. Und fast die ganze Nacht umkreist mich ein einzelner Satz wie ein Habicht auf der Jagd nach Beute: Pass auf dich auf...

Viele unruhige Stunden später, wälze ich mich noch immer umher. Ein, zwei Mal hat mich der Schlaf übermannt, doch diese gezählten Minuten sind zu kurz gewesen.

Hin- und hergerissen zwischen Vernunft und Gefühlen, reibe ich mir über das Gesicht und setze mich im Bett auf. Die ersten Sonnenstrahlen lugen ins Zimmer und tauchen es in ein warmes Licht, das so gar nicht zu meiner Stimmung passt.

Ich muss mich erinnern. Die Erkenntnis raubt mir beinahe den Atem und ich erstarre. Mein Herz pocht so stark gegen meine Rippen. Das Gefängnis, das es daran hindert, fortzuflattern. Wie lange habe ich nicht zulassen können, dass mich der Schmerz einholt?

Ich weiß es nicht, doch das Verdrängen hat nicht geholfen. Nun rauscht die Vergangenheit wie eine eiskalte, nasse Welle über mich hinweg und ich spüre ein brennendes Stechen in meiner Seele.

Es wird immer stärker und stärker, bis ich ein gepeinigtes Wimmern nicht mehr zurückhalten kann.

Schließlich packen mich die Qualen vollkommen und mit einem Ruck stürmen all die Erinnerungsfetzen von vor zwei Jahren wieder auf mich ein.

LichttänzerWhere stories live. Discover now