Manchmal frage ich mich, ob es Menschen gibt, die einfach dafür gemacht sind, immer irgendwo dazuzugehören. Ich glaube, ich bin so jemand. Ich lache zu laut, ich rede zu viel, ich sage oft Dinge, die mir später peinlich sind – und trotzdem finde ich irgendwie immer meinen Platz. In der Schule, im Café, in einer zufälligen Menschengruppe auf dem Stadtfest. Mama sagt, ich sei ein „Sonnenschein". Papa nennt mich eher eine „Quasselstrippe". Wahrscheinlich haben beide recht.
Und dann gibt es Noah.
Noah, der so anders ist als ich. Wo ich Worte wie Konfetti werfe, bleibt er still. Wo ich lache, lächelt er nur. Wo ich renne, geht er in ruhigem Tempo hinterher. Ich weiß manchmal nicht, ob ich ihn verrückt mache oder ob er genau das an mir mag, dass ich alles bin, was er nicht ist. Wir kennen uns schon lange, seit der Grundschule. Aber irgendwie hat es sich verändert, seit diesem Sommer. Seit wir beide sechzehn geworden sind. Vielleicht liegt es daran, dass ich plötzlich bemerkt habe, dass seine schwarzen Locken manchmal ins Gesicht fallen, wenn er sich nach vorne beugt. Oder dass sein Lachen, wenn es denn mal kommt, so klingt, als wäre die Welt ein bisschen weniger schwer. Es war an einem Montagmorgen im September, als mir klar wurde, dass dieses Schuljahr anders wird. Die Sonne hing noch tief, goldenes Licht fiel auf die gepflasterten Wege des Schulhofs. Überall standen Grüppchen, die nach den Ferien wieder zusammengefunden hatten. Stimmengewirr, Lachen, das Klacken von Skateboards. Ich stolperte durch die Menge, meine viel zu große Tasche rutschte von der Schulter. Aus der Seitentasche lugte mein zerlesenes Taschenbuch hervor, das ich seit Tagen nicht weglegen konnte. ,,Ava! Warte!"
Ich blieb stehen und drehte mich um. Noah joggte über den Hof, sein Rucksack lässig über eine Schulter geworfen. Er hatte diese Art zu laufen, als würde er nie wirklich in Eile sein, selbst wenn er es war. Seine Locken wippten bei jedem Schritt. „Du bist spät", stellte er fest, als er neben mir anhielt. „Glaubst du, ich weiß das nicht?" Ich grinste ihn an und biss von meinem Croissant ab, das ich noch schnell vom Bäcker geschnappt hatte. „Frühstück to go." Noah schüttelte den Kopf, aber in seinen dunklen Augen blitzte etwas auf, das ich nur bei ihm kannte. Dieses stille Amüsement, das nichts mit Spott zu tun hatte. Wir gingen nebeneinander ins Schulgebäude. Das schwere Tor quietschte, als wir es aufdrückten. Drinnen roch es nach Reinigungsmittel und Kreide, der Geruch, der mir jedes Jahr signalisiert: Sommer vorbei. Willkommen im Ernst des Lebens. Die Flure waren schon voller Schüler, die Wände tapeziert mit Aushängen und Postern: Theater-AG, Fußballturnier, „Neues aus der Schülerzeitung". Ich warf einen Blick auf den großen Schaukasten am Eingang, wo die Projektgruppen aufgelistet waren, und sah schon, wie Noah neben mir die Augen verdrehte. „Erstes Projekt in Englisch", murmelte er.
„Na, das wird super!" Ich hüpfte fast vor Begeisterung. „Stell dir vor, wir könnten über Shakespeare reden. Oder über moderne Lyrik. Oder..." Oder wir machen einfach das, was alle machen: ein Poster über ein englischsprachiges Land." Seine Stimme war trocken, aber ein leichtes Grinsen zuckte an seinen Lippen. Im Klassenzimmer setzten wir uns wie immer nebeneinander, ans Fenster. Draußen wehten ein paar Blätter über den Hof, erste Vorboten des Herbstes. Ich legte mein Notizbuch auf den Tisch, Noah kippte seinen Stuhl leicht zurück und sah zu, wie ich Stifte sortierte. „Okay, Leute", begann unsere Lehrerin. „Wir starten dieses Jahr mit einem Projekt. Zweierteams, eine Präsentation am Ende des Monats." Ein Raunen ging durch die Klasse, Stühle scharrten über den Boden. Ich musste gar nicht überlegen. Noah sah mich an, und es war klar: wir zwei. Schon immer. „Du musst mir nur eins versprechen", flüsterte er, während die Lehrerin uns Aufgaben zuteilte. „Was denn?" „Kein Zwanzig-Seiten-Essay über dein Buch. Wir sollen präsentieren, nicht eine ganze Bibliothek aufbauen." Ich verzog den Mund. „Na schön, dann halt nur zehn Seiten." Diesmal lachte er leise – und dieses Lachen fühlte sich an, als hätte ich irgendetwas richtig gemacht. In der Pause gingen wir raus. Hinter der Turnhalle gab es eine niedrige Mauer, halb von Efeu überwuchert. Dort saßen wir oft. Der Beton war noch warm von der Sonne, ich ließ die Beine baumeln und erzählte Noah von einem Zitat, das ich am Wochenende gelesen hatte. „Manchmal fühlen sich Menschen wie Zuhause an", zitierte ich, während ich ein Stück meines Croissants zerbröselte. „Ist das nicht schön?" Noah sah mich eine Weile an, so still, dass ich unruhig wurde. „Ja", sagte er schließlich. „Schön trifft es." Ich kicherte und warf ihm die Croissantkrümel entgegen. Er fing sie, als hätte er das schon geahnt. Und wieder dieses Lächeln – klein, aber so echt.
Am Nachmittag liefen wir gemeinsam nach Hause. Unsere Schritte hallten über das Kopfsteinpflaster der kleinen Straße. Rechts und links reihten sich Reihenhäuser aneinander, die Vorgärten voller verblühter Rosen. Der Sommer war endgültig vorbei, aber es war einer dieser Tage, an denen die Luft noch warm blieb und die Schatten weich wurden. „Denkst du, dieses Jahr wird gut?" fragte ich plötzlich.
Noah sah geradeaus, dann zu mir. „Wenn du dabei bist – ja." Mein Herz stolperte. Ich lachte, um es zu überspielen. „Das klingt fast, als wärst du romantisch." Er zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ein bisschen."
Und in diesem Moment wusste ich: Dieses Jahr würde anders.
Wir bogen an der Ecke ab, wo sich unsere Wege normalerweise trennten. Noah wohnte ein paar Straßen weiter, aber ich konnte nicht anders, als langsamer zu gehen. Irgendwie wollte ich den Tag nicht enden lassen. „Hast du Lust, noch bei mir vorbeizukommen?" fragte ich spontan. „Ich hab dieses neue Buch, und außerdem..." Ich hielt kurz inne. „Ich habe Brownies gebacken. Gestern. Na ja, eigentlich eher verbrannt, aber sie schmecken trotzdem." Noah zog eine Augenbraue hoch. „Das klingt... überzeugend." „Komm schon", drängte ich und zog leicht an seinem Rucksackriemen. „Sonst esse ich alle alleine." Er seufzte gespielt genervt, aber ich wusste schon, dass er zustimmen würde. So war Noah – er sagte selten sofort „ja", aber er war trotzdem immer da. Mein Zimmer roch noch nach Vanillekerzen, die ich am Abend zuvor angezündet hatte. Bücherstapel lagen überall verteilt – auf dem Schreibtisch, am Fensterbrett, sogar neben meinem Bett. Ich sammelte sie so, wie andere Leute Schuhe sammelten. „Du lebst echt in einer Bibliothek", meinte Noah, als er sich aufs Bett setzte. Seine Locken fielen ihm ins Gesicht, und ohne nachzudenken, wollte ich die Strähne wegstreichen. Ich hielt mich gerade noch zurück.
„Und du bist in meiner Bibliothek willkommen", antwortete ich und stellte die Brownies auf den Tisch. „Bedien dich." Er nahm sich einen, kaute langsam und verzog dann das Gesicht. „Du hast nicht gelogen. Sie sind verbrannt." Ich kicherte. „Aber essbar."
„Hm. Gerade so." Doch er nahm trotzdem noch einen zweiten. Wir redeten nicht viel. Er blätterte durch ein Buch, das auf meinem Nachttisch lag, und ich sah ihm dabei zu. Es war einer dieser stillen Momente, die sich trotzdem gefüllt anfühlten.
„Was findest du eigentlich an Büchern so toll?" fragte er plötzlich. Ich überlegte. „Vielleicht, dass sie Türen sind. Weißt du? Zu anderen Welten, anderen Leben. Wenn ich lese, fühle ich mich nicht festgehalten. Ich kann überallhin. Alles sein." Noah nickte, als würde er sich den Gedanken merken. „Und was bist du, wenn du liest?" Ich musste lächeln. „Alles. Mutiger. Freier. Manchmal sogar ein bisschen verliebt in die falschen Charaktere." Er sah mich lange an, bevor er wieder ins Buch schaute. Mein Herz schlug schneller, ohne dass ich verstand, warum. Es wurde schon dämmrig, als er schließlich aufstand. „Ich sollte gehen. Sonst denkt meine Mutter, ich bin irgendwo abgehauen."
Ich begleitete ihn zur Tür. Im Flur stand noch mein Fahrrad, und er musste sich daran vorbeischlängeln. Für einen Moment standen wir so nah beieinander, dass ich seinen Atem spüren konnte. Ich schwöre, die Zeit blieb stehen. „Danke für die verbrannten Brownies", sagte er leise. „Danke, dass du sie trotzdem gegessen hast", antwortete ich. Sein Blick blieb kurz an mir hängen, dann drehte er sich um und ging hinaus in die Abendluft. Ich stand noch eine Weile in der Tür, als hätte er etwas dagelassen, das unsichtbar war. Später, als ich allein in meinem Zimmer saß, schlug ich mein Notizbuch auf. Zwischen all den Zitaten und kleinen Gedanken kritzelte ich eine neue Zeile:
„Manche Menschen fühlen sich nicht nur wie Zuhause an. Sie sind es."
Und ich wusste genau, an wen ich dabei dachte.
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Only for a Moment
RomanceManchmal ist ein Mensch nicht nur ein Freund - er ist wie Zuhause. Ava und Noah sind unzertrennlich seit der Grundschule. Doch mit sechzehn verändern sich Gefühle, kleine Momente werden zu Erinnerungen, und nicht jede Geschichte endet so, wie man es...
