Sigurd

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Sigurd taumelte durch den dichten Nebel, die Knie versanken in klebrigem Moos. Jeder Atemzug schmeckte nach Moder und feuchtem Stein. Der Wald schien zu leben: Pilzkappen pulsierten in sanftem Grün, knorrige Wurzeln zogen sich wie Schlangen über den Boden, und ab und zu verfärbte sich der Nebel sporenstaubgrau, wenn ein Luftzug eine Wolke von feinem Flaum aufwirbelte.


Das erste Problem: Durst

Seine Kehle brannte, und sein Magen knurrte laut. Wasser war das erste und dringlichste Bedürfnis; ohne ausreichende Flüssigkeit würde er keinen klaren Gedanken fassen können. Sigurd blieb stehen, setzte die Hand ans Gesicht und spürte die Runen auf seiner Stirn vibrieren, als wollten sie ihn warnen: „Suche saubere Quellen."

Er konzentrierte sich, ließ die „Verfaulte Sinne" Erwachen in seinem Kopf – ein dumpfes Dröhnen, ein Flimmern hinter den Augenlidern. Mit geschlossenen Augen nahm er wahr, wie sich unter der Oberfläche des Bodens unterschiedliche Spuren ausbreiteten: schlängelnde Linien von sauberen Quellen, trübe Schleifen dort, wo Wasser von Fäulnis durchzogen war.

Ein leises Knacken kündigte eine Verzweigung an – zwei Pfade, dicht beieinander. Die eine Furche führte tiefer in einen sumpfigen Boden, übersät mit verwesten Blättern, die vergoren dampften. Die andere Richtung zeigte ein flacheres Bett, in dem eine Reihe glatter Steine lag.

Sigurd biss die Zähne zusammen und folgte den Runenspuren. Jeder Schritt war ein Kampf gegen das Schlammchaos. Schließlich stieß er auf eine kleine Senke, an deren Rand kristallklares Wasser perlte. Das Geäst über ihm war dicht, doch ein kümmerlicher Lichtstrahl brach hindurch und glitzerte wie ein Zeichen auf der Oberfläche.

Er kniete sich hin, beugte sich vor – und erstarrte. Das Wasser war klar, doch winzige Sporen tanzten darauf, als würden sie um sein Leben spielen. Eine verlockende, aber gefährliche Schönheit.

„Archiv: Quelle identifiziert. Sporenanteil 12 %. Trinkbar nach Filtration."

Sigurd ließ den impulsiven Drang los, sofort zu trinken. Stattdessen zog er einen abgebrochenen Ast hervor, ritzte an der Rinde kleine Rillen, fing Wasser in seine hohle Hand – und filterte es durch altes Moos. Erst dann kostete er. Kühl rann es seine Kehle hinab, löschte den brennenden Durst und ließ sein Herzschlagtempo sich halbieren.


Begegnung mit den Waldmenschen

Kaum hatte er sich aufgerichtet, erklang ein gedämpftes Knurren. Sigurd hob den Blick und sah zwischen zwei dicken Pilzpfeilern braune Haut und in Segmente gegliederte Rankenhaare. Drei Gestalten traten hervor: schlanke, honigfarbene Menschen mit moosgrünen Augen und leuchtenden Sporenmalen im Gesicht.

Der Anführer, eine hagere Frau mit einem Halme Krallenpilz im Haar, musterte ihn misstrauisch. In ihrer Hand hielt sie eine lange Stabwaffe aus Pilzfasern und Dornen.

„Fremder", keuchte sie mit weicher Stimme, „was suchst du in unserem Faulwald?"

Sigurd wankte, senkte den Blick auf die verschlungenen Runen seiner Hände und öffnete den Mund. Seine Stimme klang rau und fremd, selbst in seinen Ohren: „Wasser... und... Hilfe."

Die Frau hob eine Augenbraue. Hinter ihr spürte er das feuchte Pochen von Blut und Fäulnis – seine Sinne überschlugen sich. Er tauchte in seinen inneren „Analyse-Modus", ohne es zu merken:

Archiv: Kreaturenanalyse – Waldmensch-Stamm, Intelligenz mittel, feindlich-neutral. Keine Auffälligkeiten.

Er atmete tief durch. „Ich heiße Sigurd Dämar. Ich... bin neu hier."

Ein Wispern lief durch die Gruppe, als sie sich gegenseitig ansahen. Die Frau senkte die Klinge und trat näher, so dass das schummrige Licht ihre Sporenmalereien zum Leuchten brachte.

„Ich bin Miral, Hüterin der Faulenden Weisen. Ihr dürft bleiben, solange ihr uns keinen Schaden zufügt – aber vertraut uns nicht zu schnell."

Für einen Herzschlag glaubte Sigurd, sie wolle sich verbeugen. Dann stutzte er: Ihr Gesichtsausdruck war warm, aber kalt zugleich, als könne sie jeden Moment zu einer Verrottungshexe werden.


Die erste Lektion in Überleben

Miral bedeutete ihm, ihr zu folgen. Sie führte ihn zu einer uralten Pilzhütte, halb im Pilzbefall versunken, mit moosbedeckten Steinplatten und einer Rauchfahne, die nach säuerlichem Dampf roch. Im Inneren flammte ein kleines Feuer, und ein dicker Kessel blubberte.

Sigurd spürte erneut das Vibrieren in seinem Kopf: „Archiv: Feuerquelle erkannt. Temperatur: 54 °C. Giftstoffgehalt: minimal." Die Daten erschienen wie geisterhafte Schrift in seinem Blick, kaum wahrnehmbar. Er nickte –, gemeinsam kochten sie aus faulenden Pilzen eine dicke Brühe, die ihm Wärme und Nährstoffe gab.

Während er löffelte, beobachtete er Miral und ihre Begleiter: jede Bewegung war geübt, jeder Handgriff präzise. Keine Spur von Hektik.

„Ihr seid nicht hier, um zu morden", murmelte sie schließlich. „Der Wald hat bereits genug verloren."

Sigurd schluckte. Er wusste, dass er noch keine Antwort hatte – aber er wusste auch, dass er sich in diesem magischen, tödlichen Kosmos behaupten musste. Ein erster Funke Neugier brannte in ihm: Wer waren diese Faulenden Weisen? Und welche Rolle würde er in ihrem Kampf gegen die Seelenfäule spielen?

Verfaulte SinneWhere stories live. Discover now