Kapitel 1 - Das Licht von Fontaine

14 1 0
                                        


"Oper ist eine Kunst, die sich auf der Grenze zwischen Realität und Fiktion bewegt."

"Denn obwohl die Geschichte fiktiv ist, ist das Schicksal der Figuren real."

"Da stellt sich die Frage: Sind du und ich das Publikum oder die Figuren auf der Bühne?"

"Niemand weiß es sicher."

"Schließlich lässt sich nichts leichter täuschen als die Sinne."

-Göttin der Gerechtigkeit


Die Nacht brach langsam über Fontaine herein, als Lyney und Lynette sich durch die engen Gassen ihrer Nachbarschaft bewegten. Die Luft war erfüllt vom geschäftigen Treiben der Stadt – Händler, die ihre Stände abbauten, das leise Summen der Straßenlaternen und in der Ferne die Musik aus einem der noblen Restaurants der Oberschicht.

„Komm schon, Lynette! Wir sind fast da!" Lyney zog seine Schwester sanft an der Hand mit sich. Sein Atem ging schnell, aufgeregt, voller Energie.

Lynette folgte ihm schweigend, doch ihre Augen, groß und wachsam, spiegelten ein verborgenes Feuer wider. Sie wusste genau, warum sie hier waren – es war ihre kleine Tradition geworden. Jeden Abend, wenn die Stadt in ihr künstliches Licht getaucht wurde, rannten sie los, um von ihrem geheimen Aussichtspunkt aus zuzusehen.

Sie kletterten auf eine alte, halb verfallene Mauer, die ihnen gerade hoch genug war, um einen Blick auf die glitzernden Hochhäuser der Oberschicht zu erhaschen.

Und dann geschah es.

Zuerst ein leises Summen, dann ein Zucken in der Dunkelheit, bevor die Stadt in künstlichem Licht erstrahlte. Von den hohen Türmen bis zu den schmalen Straßen der ärmeren Bezirke wurde Fontaine in eine funkelnde Welt aus warmem Gold und kühlem Blau getaucht. Die Hochhäuser, mit ihren riesigen Glasfassaden, spiegelten das Licht tausendfach zurück und verwandelten die Stadt in ein schimmerndes Meer.

Lyney staunte laut. „Eines Tages werde ich auch in so einem hohen Turm leben. Ich werde reich und berühmt sein, dann können wir alles sehen, was wir wollen!"

Lynette sagte nichts. Sie beobachtete einfach nur, ihr Gesicht regungslos, aber ihre Hand hielt noch immer die ihres Bruders.

Doch die Zeit verging schneller, als sie dachten.

Als sie nach Hause kamen, war es bereits spät. Das Licht im Haus brannte noch, und als sie die Tür öffneten, wurden sie von den strengen, aber besorgten Blicken ihrer Eltern empfangen.

„Wo wart ihr?" Ihre Mutter stellte den Teller ab, den sie gerade trocknete, und trat vor die beiden. „Wir haben uns Sorgen gemacht!"

Lyney öffnete den Mund, um eine Ausrede zu finden, doch ihr Vater, der ruhige Uhrmacher, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und musterte die beiden aufmerksam. Dann lächelte er.

„Ich kenne diesen Blick", sagte er leise.

Die Mutter drehte sich zu ihm. „Du solltest nicht auch noch..."

„Lass sie", unterbrach er sanft. „Erinnerst du dich nicht? Ich war genauso, als ich klein war."

Er stand auf, ging zu den beiden und legte Lyney eine Hand auf die Schulter. „Die Stadt fasziniert euch, nicht wahr?"

Lyney nickte sofort. „Es ist wunderschön, Papa! Das Licht... die Hochhäuser... alles sieht so... so magisch aus!"

Ihr Vater schmunzelte. „Magie, ja? Manche würden sagen, Fontaine sei ein Ort voller Wunder... andere glauben, dass es nur eine Illusion ist."

GerechtigkeitStories to obsess over. Discover now