1: Anschlussprobleme

189 9 126
                                        

Die Uhr schlug 11. Der klapprige Zug setzte sich mit dem ersten Glockenschlag in Bewegung und es gelang mir geradeso, im Rennen eine der Türen aufzureißen und einzusteigen. Kaum hatte ich beide Füße fest auf dem Boden, umfuhr der Zug eine Kurve und die Tür fiel krachend hinter mir zu.

Ich atmete tief durch. Dabei stieg mir langsam ein modriger Geruch in die Nase. Er weckte Erinnerungen an das alte Archiv, das ich vor Kurzem besucht hatte. Dort hatten in den hintersten Ecken fleckige und von Spinnenweben überzogene Sessel gestanden. Denselben Flair verströmte dieser Zug.

Ich seufzte und quetschte mich mit grimmiger Miene an einem mickrigen Jungen vorbei, um mir einen Platz zu suchen. Langsam schritt ich den Gang entlang und spähte in die Zugabteile hinein. Frei war keines.

Am vorderen Ende des Zuges blieb ich frustriert stehen. Mein Blick glitt durch die Scheibe des vordersten Abteils direkt neben mir. Im Inneren sah ich einen Jungen sitzen, in aufrechter Haltung und mit einem Buch in der Hand. Seine rotbraunen Haare fielen ihm in dezenten Wellen auf die Schultern, seine Gesichtszüge waren sanft und elegant gleichermaßen. Ihm gegenüber saß ein Mädchen und redete ununterbrochen auf ihn ein. Der arme Kerl.

Ich schob die Tür beiseite und war im Begriff, einzutreten, da erhob sich die Schülerin und stellte sich mir in den Weg. Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Ich verfolgte amüsiert, wie ihr Blick zwischen meinen beiden Augen hin- und her huschte – das Standardprogramm. Ich war es gewohnt.

„Was ist?", blaffte ich forsch und stellte mit Genugtuung fest, dass das Mädchen ein Stück zurückwich.

„Das ist das Abteil für die Vertrauensschüler und Schulsprecher", klärte sie mich in einem wichtigtuerischen Ton auf. In dem Versuch, sich ihre Verunsicherung nicht anmerken zu lassen, deutete sie bedeutungsvoll auf den Anstecker an ihrem Umhang. Schulsprecherin stand darauf.

Meine Mundwinkel zuckten. „Und?" Herausfordernd sah ich sie an. „Ich habe sonst keinen Platz gefunden und es liegt wohl kaum in meiner Verantwortung, dass die Schule sich keinen Zug leisten kann, in dem jeder Schüler einen Platz findet."

Die Schülerin verschränkte die Arme. „Irgendwo findet sich schon noch ein Platz. Wie war gleich dein Name?"

„Das hat dich nicht zu interessieren", entgegnete ich kühl.

Empört stemmte sie die Arme in die Seite und drehte sie sich zu dem Kerl hinter ihr um, auf den sie mir mit ihren breiten Schultern die Sicht versperrte. „Kennst du den, Albus?", fragte sie.

Der Junge – Albus – erhob sich. Er legte dem Mädchen eine Hand auf den Arm und schob sich an ihr vorbei zu mir.

„Hi", sagte er und lächelte. „Nimm's nicht persönlich." Er warf einen Seitenblick auf seine Mitschülerin. „Seit letztes Jahr eine Horde halbwüchsiger Slytherins dieses Abteil besetzt und verwüstet hat, versteht Lucy bei solchen Sachen keinen Spaß mehr."

„Und du lässt keinerlei Autorität walten!", zischte sie.

„Es schadet niemandem, wenn ich ihm kurz dabei helfe, einen Platz zu finden, oder?"

Als ob ich deine Hilfe bräuchte.

Das Mädchen sah zwischen mir und diesem Albus hin und her, suchte nach einem Argument dagegen. Sie fand keines und wandte sich demonstrativ ab. Dabei zog ihr pechschwarzes Haar einen Bogen durch die Luft.

„Komm", sagte Albus und legte eine Hand auf meine Schulter. „Wir finden einen Platz für dich."

„Ist das ein Rauswurf?", fragte ich. Er schob mich sanft auf den Gang und schloss hinter uns die Tür. Ich drehte mich zu ihm um.

DrachenfeuerWo Geschichten leben. Entdecke jetzt