Mein letzter, normaler Morgen.

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Der Nebel hing tief in den Bergen, als ich früh am Morgen die Tür unseres Bauernhauses öffnete. Die frische, kalte Luft schlug mir entgegen, und für einen Moment war alles so wie immer. Ich hörte die Kühe im Stall, das entfernte Rufen eines Falken und irgendwo das leise Lachen meiner kleinen Schwestern.

Doch woher sollte ich wissen, dass es der letzte normale Morgen meines Lebens war.

„Annabelle! Frühstück ist fertig!" Die Stimme meiner Mutter drang aus der Küche zu mir. Ich drehte mich um, schloss die Tür hinter mir und verdrängte das mulmige Gefühl, das sich in meinem Bauch umherdrehte. Vielleicht lag es an dem komischen Traum, den ich in der Nacht gehabt hatte – dunkle Schatten, leere Augen, kalte Finger, die nach mir griffen.

„Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen", meinte Lilly grinsend, als sie wenig später neben mir im Schulbus saß.

Ich zuckte mit den Schultern. „Nur schlecht geschlafen."

Sie wollte gerade etwas erwidern, doch dann hörten wir es – eine Notfallmeldung im Radio des Busfahrers.

„Ein bisher unbekannter Virus breitet sich rasant aus. Erste Berichte über aggressive Verhaltensweisen und unerklärliche Angriffe in mehreren Städten. Die Regierung ruft zur Ruhe auf, empfiehlt jedoch, Menschenmengen zu meiden und zu Hause zu bleiben."

Lilly und ich tauschten Blicke. Das war... merkwürdig. Doch zu diesem Zeitpunkt ahnten wir noch nicht, was das bedeutete.

Als wir an der Schule ankamen, war die Atmosphäre seltsam gedrückt. Die Lehrer flüsterten, einige Schüler starrten auf ihre Handys, während sich dunkle Schlagzeilen über den Bildschirm bewegten:

"Gewalttätige Ausschreitungen in mehreren Städten – Ursache unbekannt."
"Augenzeugen berichten von Menschen, die sich wie Raubtiere verhalten."
"Infizierte verlieren Schmerzempfinden – Ärzte stehen vor einem Rätsel."

Wir dachten es sei bloß eine neue Droge, die Menschen aggressiv machen würde, und nichts weiter. 

Es war ein gewöhnlicher Tag in der Schule. Lilly und ich saßen wie immer nebeneinander in der letzten Reihe, halb konzentriert auf den Unterricht, halb in unserem eigenen Gespräch vertieft. Die Lehrer sprachen über Dinge, die in dem Moment bedeutungslos wirkten – Matheformeln, historische Ereignisse, die scheinbar eine Ewigkeit her waren. Wir lachten, und sprachen über alles, was uns gerade beschäftigte – die nächste Sportprüfung, die neuesten Trends und natürlich unser Wochenende. Der Rest der Klasse war ebenfalls in ihre eigenen kleinen Welten vertieft.

Doch irgendwo tief im Inneren konnte ich das Gefühl nicht loswerden, dass etwas nicht stimmte. Diese seltsame Anspannung, die sich nicht in Worte fassen ließ, lag wie ein Schatten über jeden. ,,Vielleicht waren es bloß die Nachrichten, die ich in der Früh gehört hatte", dachte ich mir.

„Annabelle, du solltest dich jetzt wirklich konzentrieren, der Lehrer gibt uns Infos für unsere nächste Prüfung", sagte Lilly und stieß mich leicht an, als sie bemerkte, dass meine Gedanken wieder abschweiften.

„Ich weiß, ich weiß", antwortete ich, versuchte mich zu sammeln. Aber die Worte fielen mir schwer. Meine Gedanken flogen immer wieder zu der Nachricht, die ich heute Morgen im Radio gehört hatte. „... eine unbekannte Viruswelle verbreitet sich rasend schnell..." Ich konnte den Satz einfach nicht aus meinem Kopf bekommen.

Gerade als der Lehrer mit einem weiteren Thema begann, hörte ich es – ein leises Vibrieren, das immer lauter wurde. Die Handys der anderen Schüler. Zuerst ganz leise, dann immer häufiger.

„Die Nachrichten sind wohl wieder voll mit dieser neuen Grippegeschichte aus den USA", murmelte Tom, ein Mitschüler, der in der letzten Reihe saß und ein wenig zu viel Zeit mit seinem Handy verbrachte.

„Hast du das gesehen?", fragte Lilly plötzlich und zeigte auf ihr Handy. Auf dem Bildschirm blinkte eine schockierende Nachricht auf: „Massenpanik bricht aus. Städte werden evakuiert."

Lilly und ich scherzten noch, weil wir uns einige Abende zuvor die Serie "The Walking Dead" gemeinsam angesehen hatten.

Ein paar Schüler standen auf, um zur Toilette zu gehen, doch als sie die Tür öffneten, hörten wir plötzlich einen lauten Knall. Ein Schrei. Ein ohrenbetäubender, schriller Schrei, der wie ein Riss durch die Stille des Schulflurs ging.

„Was war das?", fragte ich, und mein Herz begann nun wirklich schneller zu schlagen.

„Lilly...", flüsterte ich und spürte, wie sich die Kälte in meinen Gliedern ausbreitete.

Lillys Augen weiteten sich. „Das ist nicht normal."

Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, ertönte der Lautsprecher in der Ecke des Klassenzimmers. Eine Stimme, zitternd und angespannt, sprach:
„Alle Schüler bleiben bitte in ihren Klassenräumen. Es gibt Berichte über gewalttätige Vorfälle. Wir werden weitere Informationen bereitstellen. Bitte bewahren Sie Ruhe."

Doch keiner konnte mehr ruhig bleiben. In diesem Moment schien die Luft zu vibrieren, als ob sie selbst den Schrecken spürte, der draußen lauerte.

Lilly und ich standen gleichzeitig auf. Ohne ein Wort zu sagen, liefen wir zur Tür und spähten vorsichtig hinaus. Der Flur war nun leer, bis auf die pochenden Schritte, die sich von weiter unten näherten. Ein Gedränge, das mit der Zeit immer lauter wurde. Und dann, wieder dieser Schrei. Diesmal näher, ein schreckliches, durchdringendes Geräusch, das fast menschlich klang – aber auch nicht.

„Wir müssen hier raus", flüsterte ich. Doch bevor ich den Satz beenden konnte, riss mich ein lautes Krachen zurück in die Realität. Toby, ein Mitschüler, kam herein und knallte die Tür hinter sich hastig zu. 

„Was passiert da draußen?", fragte Sam ihn. Er war blass, seine Augen weit aufgerissen. „Ich habe etwas... gesehen. Etwas... es..."

Seine Worte verstummten, als er uns ansah. Die Stille im Raum war unerträglich. Ein eiskalter Schauer lief mir die Wirbelsäule entlang.

„Bleib ruhig", sagte Lilly leise, aber ich konnte den Zitterton in ihrer Stimme hören. Sie wusste genauso gut wie ich, dass dies keine normale Panik war. „Wir bleiben vorerst in der Klasse. Es gibt nichts, was wir jetzt tun können.", füge ich noch hinzu.

Wir setzten uns an den Tisch, die Blicke der restlichen sechs Schüler hier drin auf uns gerichtet, doch keiner sagte etwas. Jeder fühlte es – das Unaussprechliche, das Unwirkliche, das sich in der Luft verdichtete. Das Gefühl, dass die Welt draußen zerriss und mit ihr auch alles, was wir bis jetzt gekannt hatten.

Ich spürte den Puls hinauf bis in meine Schläfen. Das Wissen, dass das Hier und Jetzt nur eine Illusion war. Dass die Sicherheit, die wir so selbstverständlich genossen hatten, in diesem Augenblick zusammenbrach. Ich versuchte mir die ganze Zeit einzureden ,,Es ist nicht so schlimm wie's aussieht, es wird alles gut.".

Doch es sollte noch schlimmer kommen.

Viel schlimmer.

Beyond the EndWhere stories live. Discover now