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Kapitel 1 Der verlockende Fremde

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Lia konnte es kaum glauben, dass sie sich schon wieder bis spät abends in der Bibliothek aufgehalten hatte. Der Tag war anstrengend gewesen: Vorlesungen, ein Treffen mit ihrer Studiengruppe und eine Prüfung, bei der sie sich alles andere als sicher war, dass sie sie bestanden hatte. Mit einem schweren Seufzer packte sie die dicken Bücher in ihren abgenutzten Rucksack, der nach einem langen Semester an seinen Nähten zu reißen drohte. Die Nacht hatte sich über die Stadt gelegt, und die Straßen wirkten ungewöhnlich leer. Nur die entfernten Straßenlaternen warfen schwache Schatten auf den Gehweg, der sich vor ihr erstreckte.

Der Mond war nur eine schmale Sichel am Himmel, und eine kühle Brise fuhr durch die Gassen, die durch die spärlich beleuchtete Stadt führten. Lia zog ihren Mantel enger um sich, als sie die Bibliothek verließ. Es war ein vertrauter Weg, den sie schon so oft gegangen war, doch heute Nacht fühlte es sich anders an. Die üblichen Geräusche der Stadt, das entfernte Summen der Autos oder das Lachen von Menschen, die aus Bars kamen, schienen heute vollkommen verstummt zu sein. Stille umhüllte die Straßen wie ein unsichtbarer Schleier.

Mit jedem Schritt, den sie durch das Stadtzentrum machte, spürte sie eine seltsame Anspannung in der Luft. Ein Gefühl, das sie nicht abschütteln konnte. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, als sie schneller ging. Es war, als würde etwas in der Dunkelheit lauern - eine unsichtbare Präsenz, die sie beobachtete, die sie verfolgte.

Lia schüttelte den Kopf, um die beunruhigenden Gedanken loszuwerden. „Du spinnst, Lia", murmelte sie leise zu sich selbst, als sie um eine Ecke bog und den engen Weg zur nächsten Querstraße einschlug. Doch bevor sie den nächsten Schritt machen konnte, fiel ihr Blick auf eine Gestalt in der Ferne. Eine dunkle Silhouette, die lässig an einer der wenigen Laternen lehnte.

Es war ein Mann - das konnte sie erkennen, als sie näher kam. Sein schwarzes Haar fiel ihm leicht in die Stirn, und obwohl sein Gesicht größtenteils im Schatten lag, konnte sie seine Augen funkeln sehen. Das Licht der Straßenlaternen schien sie kurz zum Glühen zu bringen, und Lia spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Sie kannte diesen Mann nicht, und doch fühlte sich seine Präsenz fast vertraut an - als hätte sie ihn schon einmal gesehen.

Der Fremde beobachtete sie aufmerksam, seine Haltung war entspannt, fast gelangweilt, aber seine Augen verrieten etwas anderes. Eine Intensität, die sie fast wie eine physische Berührung spürte. Lia konnte nicht anders, als den Blickkontakt zu halten. Es war, als würde etwas Unsichtbares sie zu ihm hinziehen - wie eine Macht, die sie nicht verstand.

Sie versuchte, den Blick abzuwenden, doch ihre Beine trugen sie fast wie von selbst näher an ihn heran. Sein Lächeln war gefährlich, eine Mischung aus Herausforderung und Verlockung. Lia schluckte schwer und blieb abrupt stehen, als sie schließlich nur noch ein paar Meter von ihm entfernt war.

„Du bist spät unterwegs", sagte der Fremde mit einer Stimme, die so tief und samtig war, dass sie fast die Luft um sie herum zum Vibrieren brachte. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Sein Blick wanderte über sie, als ob er jedes Detail in sich aufsaugen wollte. Lia spürte, wie eine Gänsehaut über ihre Haut kroch, obwohl die Nachtluft nicht besonders kalt war.

„Ich... ich hatte noch zu tun", murmelte sie, unfähig, die seltsame Spannung zu ignorieren, die zwischen ihnen in der Luft lag. Ihre Hände zitterten leicht, und sie umklammerte den Träger ihres Rucksacks fester. Sie wusste nicht, warum sie so nervös war. Dieser Mann war ein Fremder, jemand, den sie nicht kannte, und doch war da diese seltsame Verbindung zwischen ihnen - eine unsichtbare Linie, die sie beide miteinander verband.

Er trat einen Schritt auf sie zu, und Lia fühlte sich plötzlich wie ein Reh, das vor einem Raubtier stand. Seine Bewegungen waren geschmeidig, fast lautlos, und in seinen Augen glomm etwas, das sie nicht ganz deuten konnte. Furcht? Neugier? Oder etwas Dunkleres? Lia spürte, wie ihre Atemzüge schneller wurden. Noch nie hatte sie jemanden getroffen, der so... anders war. Etwas an ihm war nicht menschlich - zumindest nicht ganz.

„Du solltest besser auf dich aufpassen", sagte der Fremde, seine Stimme war nun weicher, fast flüsternd, doch seine Worte hallten in ihrem Kopf wider. Bevor Lia überhaupt reagieren konnte, war er plötzlich vor ihr und griff nach ihrem Arm. Seine Berührung war sanft, aber bestimmt, und sie spürte, wie ihr Herz wild in ihrer Brust hämmerte. Ihr erster Instinkt war es, sich loszureißen, doch etwas in seinen Augen hielt sie davon ab.

Seine Nähe war überwältigend. Lia konnte seinen Duft riechen - eine Mischung aus Kälte und etwas Unbekanntem, das ihr den Atem raubte. Ihr Körper erstarrte, und für einen kurzen Moment schien die Welt um sie herum zu verschwimmen. Alles, was sie noch wahrnahm, waren seine Augen, die sie festhielten, als ob sie in ihre Seele blicken könnten.

Die Dunkelheit schien sich um sie beide zu schließen, die Geräusche der Stadt verschwanden, und alles, was noch zählte, war dieser Augenblick. Lia spürte, wie die Zeit langsamer wurde, und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Es war, als würde sie in eine andere Welt gezogen, eine Welt, die sie nicht verstand, die aber gleichzeitig verlockend und beängstigend war.

„Wer bist du?" flüsterte sie schließlich, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch. Doch der Fremde antwortete nicht. Stattdessen lächelte er nur, ein Lächeln, das tausend Geheimnisse verbarg, und bevor Lia sich versah, war er verschwunden - so schnell und lautlos, wie er aufgetaucht war.

Verführung der NachtHistorias para obsesionarse. Descúbrelo ahora