"Aaaalex!" Voller Freude kommt meine Schwester auf mich zugerannt und springt mir mit voller Wucht in die Arme. Ich kann von Glück reden, dass mein Auto hinter mir steht, denn sonst würden wir jetzt garantiert auf dem Boden liegen.
"Hey, ganz langsam! Ich werde ein paar Tage hier bleiben und nicht gleich wieder gehen. Bedenke bitte mein Alter. Mit mir musst du etwas sorgsamer umgehen", sage ich schmunzelnd und drücke Saskia fest an mich. "Hahaha, Blödmann! Ich habe dich einfach so sehr vermisst", erklärt sie und drückt sich im nächsten Moment von mir weg, um einen Blick in mein Gesicht erhaschen zu können. "Wie lange bleibst du denn?"
"Ich dich auch, Saskia! Eine ganze Woche wirst du mich ertragen müssen. Kommst du gleich mit ins Hotel? Ich sollte noch einchecken..."
"Ja, klar. Wir können sofort los."
Da meine kleine Schwester nur in einer ein Zimmer Wohnung lebt, würde es etwas eng werden, wenn ich mich bei ihr einquartiere und darum habe ich mich für etwas Luxus entschieden. Für Saskia würde sich eine größere Wohnung überhaupt nicht lohnen, da sie kaum zuhause ist. Sie nutzt jede Gelegenheit und geht auf Reisen, um viel von der Welt sehen zu können. Ansonsten studiert sie und verbringt viel Zeit in der Uni.
Als wir am Hotel ankommen, reißt Saskia ihre Augen weit auf: "Nobel geht die Welt zugrunde. Ist ja wieder typisch für meinen Bruder, dass er nicht in einem einfachen Hotel absteigen kann." "Schwesterherz, das ist mein Jahresurlaub und da darf man sich doch auch mal etwas gönnen. Du, meine Liebe, reist andauernd in der Welt herum und siehst tausende von Orten. Ich armer Tropf begnüge mich tagtäglich mit der Aussicht auf Köln und sitze mehrere Stunden am Tag in einem Notarzteinsatzfahrzeug." Saskia lächelt mich liebevoll an und legt eine ihrer Hände auf meinem Oberarm ab: "Ich gönne es dir, Alex. Aber nur, wenn ich mindestens einmal bei dir Übernachten darf." "Was glaubst du, warum ich ein King-Size Bett ausgewählt habe? Dachte mir schon, dass ich dich an der Backe haben werde", antworte ich mit einem breiten grinsen und steige aus dem Auto aus.
Nachdem ich meinen Koffer ausgeladen habe und Saskia auch endlich ausgestiegen ist, melde ich mich an der Rezeption. Zu meiner Freude übernimmt Saskia die Gesprächsführung, denn die Dame an der Rezeption spricht nur gebrochenes Deutsch. Natürlich ist mir die französische Sprache nicht fremd, aber da Saskia hier schon einige Zeit lebt, ist sie wortgewandter und sicherer.
Wenn ich mir meine kleine Schwester so anschaue, bin ich verdammt stolz auf sie. Vor drei Jahren starb unsere Mutter an Krebs. Da war Saskia zarte zwanzig Jahre alt. Während ich in den Seilen hing und mich bei einem Psychiater therapieren lassen musste, hat sie ihr Leben umgekrempelt, ist nach Frankreich gezogen und hat sich durch viele Reisen selbst therapiert. Man könnte sagen, sie ist die bessere, überarbeitete weibliche Version von mir.
"Alex, komm schon. Wir können in dein Zimmer", reißt mich Saskia aus meinen Gedanken. Ich folge der quirligen jungen Frau in den Aufzug, in dem sie die vierte Etage auswählt und somit den blechernen Beförderungskasten in Bewegung setzt. Kaum kommen wir zum Stillstand und bekommen freie Sicht auf den Flur, springt sie los und sucht nach der Zimmernummer. Natürlich steht die entsprechende Türe schon sperrangelweit offen, als ich ebenfalls die richtige Nummer gefunden habe. "Alex! Komm schnell!", höre ich meine Schwester im schrillen Ton schreien. Vor lauter Schreck lasse ich meinen Koffer fallen und renne in das riesige Schlafzimmer, aus dem ihre Stimme vernommen habe. Ich male mir die schlimmsten Dinge aus, rechne mit einem Kreislaufzusammenbruch oder schlimmeren, jedoch finde ich den verwandten Genmix kichernd in dem überdimensional großen Bett vor. "Wie geil ist das denn? Boah, ich schlafe mindestens vier Nächte hier", sagt sie kichernd und hebt anschließend ihren Kopf, um meine Reaktion darauf zu sehen. "Was ist denn mit dir? Hast du ein Gespenst gesehen?"
Ich atme tief durch und versuche, die Übelkeit zu verdrängen. "Ich dachte, es wäre etwas passiert", erkläre ich meinen Gefühlsumschwung. "Hahaha. Du kannst deinen inneren Arzt in eine Schublade stecken. Du hast Urlaub! Ich will hier meinen Bruder haben und nicht Herrn Doktor Hetkamp", bringt sie mir mit einem strengen Ton entgegen, grinst kurz darauf aber wieder und wälzt sich in dem Bett umher. "Tut mir leid. So einfach lässt sich das nicht abschalten, aber ich gebe mein Bestes, okay?" "Ja ja. Jetzt komm endlich her und teste unsere Schlafoption", schreit sie vergnügt und klopft mit der Hand neben sich auf die Matratze. Kaum liege ich neben ihr, rollt sie sich in meine Richtung und legt ihren Arm über meine Brust. "Ich kann dir gar nicht sagen, wie glücklich ich bin, dass du endlich hier bist."
"Ich freue mich auch wahnsinnig, Saskia. Wir sehen uns definitiv zu wenig! Wie geht es dir denn so?"
"Super. Siehst du doch. Mein Studium läuft prima und auf der letzten Reise habe ich viele neue Menschen kennengelernt. Was geht bei dir so?" "Pfff. Nicht viel. Momentan ertrinken wir in Arbeit, da zwei Kollegen gekündigt haben. Phil und ich waren in den letzten Wochen fast im Dauereinsatz. Wenn wir dann mal zuhause waren, haben wir es uns entweder gemütlich gemacht oder geschlafen." "Augen auf bei der Berufswahl. Hahaha. Was hältst du davon, wenn wir uns etwas zu essen bestellen und das während eines Films verhaften? So wie früher, als wir noch kleiner waren?", schlägt sie vor und schenkt mir fast schon einen flehenden Blick. "Zuerst sollten wir aber in deiner Wohnung einbremsen. Du hast nichts zum Anziehen dabei", gebe ich ihr zu bedenken, worauf sie sofort mit dem Kopf schüttelt. "So wie ich dich kenne, hast du eh zu viele T-Shirts eingepackt. Da kann ich sicherlich eins davon zum schlafen haben." Saskia grinst mich mit ihrem typischen, spitzbübischen Grinsen an, dem ich nicht widerstehen kann. "Also gut. Was bestellen wir?", frage ich und werde mit einem Jubelschrei überrascht, der vermutlich im ganzen Hotel zu hören ist.
Eine Stunde später sitzen wir beide dicht nebeneinander im Bett, haben einen Karton mit köstlicher Pizza vor uns stehen und schauen dabei zu, wie einem der Opfer drei Finger bei vollem Bewusstsein abgetrennt werden. Ich bin mir nicht sicher, wer die Salate und den ebenfalls mitgelieferten Nachtisch essen soll, aber ich konnte Saskia ihre Wünsche einfach nicht ausschlagen. "Weißt du noch, wie Mama dich einmal geschimpft hat, weil du mit mir 'Friedhof der Kuscheltiere' angeschaut hast? Hahaha." "Hahaha. Oh ja. Heute verstehe ich, dass du mit zwölf Jahren vielleicht etwas zu jung dafür warst. Aber damals..." Ich schüttle amüsiert den Kopf über mich selbst. "Es hat mir aber nicht geschadet. Ich war damals schon hart im Nehmen", murmelt sie mit vollem Mund und greift schon nach dem nächsten Stück Pizza. Man könnte meinen, dass sie in den letzten paar Tagen kaum etwas gegessen hat. "Denkst du noch oft an sie?", will ich wissen. "Schon. Sie fehlt mir sehr, aber man kann es leider nicht ändern. Sag mal, hast du eigentlich endlich mal eine Freundin oder bist du immer noch Single?" Der abrupte Gesprächswechsel bringt mich kurz aus dem Konzept. Natürlich ist es immer noch belastend, über unsere verstorbene Mutter zu reden, aber dass Saskia so gar nicht darüber reden will, überrascht mich dann doch. "Alex? Hast du jetzt endlich jemanden an deiner Seite?", wiederholt meine Schwester ihre Frage und stupst mich mit ihrem Ellenbogen an. "Nein. Mit unseren Schichten ist es schwierig, jemanden kennenzulernen." Zur Zeit steht mir auch nicht der Sinn nach einer Beziehung. Ich genieße die wenige freie Zeit mit meinen Kumpels Phil und Franco und habe gar kein Bedürfnis, mich um eine Freundin zu bemühen. Sakias Blick strahlt plötzlich ein wenig Traurigkeit aus. "Jetzt guck nicht so. Ich habe Phil, Franco und dich. Mehr brauche ich nicht, um zufrieden und glücklich zu sein", gebe ich ehrlich von mir.
Meine Schwester nickt kaum merklich und wendet ihre Aufmerksamkeit wieder dem Film zu. Ich mustere sie einen Moment lang und frage mich, warum sie über die Tatsache, dass ich keine Freundin habe, so traurig zu sein scheint. Doch schon drei Sekunden später lacht sie herzhaft auf und lenkt mich von meinen Gedanken ab.
Weit nach Mitternacht, als wir die Nachspeise doch noch in uns hineingeschaufelt haben und uns wahnsinnig schlecht ist, machen wir uns bettfertig und kuscheln uns in die bequeme Schlafgelegenheit. Saskia ist innerhalb von Sekunden im Land der Träume angekommen, während ich einige Zeit wach liege und Pläne für die nächsten Tage schmiede.
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Special - Wenn deine Welt in sich zusammenbricht
FanfictionSpecial zu dem Buch "Wenn deine Welt ihre Farben verliert". ⚠️⚠️Vorsicht Triggerwarnung⚠️⚠️ Es geht hier um den Suizid von Alex' Schwester. Wer Probleme mit diesem Thema hat, sollte dieses Special bitte nicht lesen.
