Mein erster Versuch scheiterte schon bei der Planung, nicht weil ich es doch nicht durchziehen wollte oder auf einmal diesen funken Hoffnung hatte. Nein, es war, weil ich mich an die Worte meiner Mutter erinnerte, die Worte, die immer noch in meinem Kopf herumschwirren und die niemals gehen werden. Worte, die mich gerettet haben, auf einer Weise, die ich nicht wollte, Worte, die mich aber auch daran erinnern, dass ich ein schlechter und egoistischer Mensch bin. Ich hoffe ich bin in den Augen meiner Mutter kein schlechter Mensch, aber ich weiß das ich einer bin, wenigstens in meinen Augen und wenn ich nicht schon bei der Planung abgebrochen hätte, wäre ich auch in den Augen meiner Mutter ein schlechter Mensch gewesen sein. Ein schlechter und egoistischer Mensch wie ich immer schon sagte, bloß in anderen Worten.
Jedes Mal, wenn ich etwas länger mit meiner Mutter sprach, und ich verstand das sie meine Ansichten nicht versteht und sie herunterputzt schloss ich das Gespräch ab mit denselben Worten, die es vielleicht heraussagten, dass ich ein schlechter Mensch bin. Die umgangssprachlichen Wörter „ich bin ein Arschloch" fielen oft. Viel zu oft, so oft, dass ich sie wirklich selbst für die Wahrheit halte. Ich sage sie seit einer Weile mit Überzeugung, mit großer, weil ich wusste das sie stimmen. Oder ich redete sie mir ein, wegen diesen Worten, die mir meine Mutter einmal sagte. Diese Worte hatten nichts mit mir als Person zu tun, trotzdem griffen sie mich an, sie sind da und ich kann meiner Mutter nicht dafür verzeihen, dass sie diese sagte, auch wenn sie diese Worte über ihre Mutter verlor. Ich weiß nicht, ob sie diese Worte tatsächlich geglaubt hat, manchmal wünschte ich ja, aber auch öfter nein.
Meine Großmutter beging vor sechs Jahren Suizid.
Die Worte meiner Mutter vielen genau über diese Tat. Ich verstand nicht warum meine Großmutter sowas machte oder besser gesagt gemacht hatte. Woher sollte ich sowas auch verstehen? Ich war erst zehn. Aber das Alter reichte, um diese Worte meiner Mutter über den Tod meiner Großmutter in Erinnerung zu behalten. Alt genug, um diese Worte so tief in mein Gedächtnis einzubrennen, damit sie nie wieder verschwinden werden.
Ich bin eigentlich kein schlechter Mensch, ich bin einfach ein Mensch, der manchmal etwas lauter wird, aber nur bei Personen, die es verdient haben. Sonst bin ich still, kein Wort verlässt meine Lippen, obwohl ich zugleich alle rausschreien will. Deswegen bringe ich sie zu Papier, weil ich es anders nicht kann und weil ich trotz Unterstützung diese Worte nicht sagen will, weil ich mich schlecht fühle und wie ein Mensch, der sich es nur einbildet. Ein Mensch, der nichts ernst nimmt und es nur als einen guten Ausweg sieht. Aber ich weiß, es ist kein Ausweg und wird es niemals sein, sobald die Liebsten sich für Schuldig erklären und in Trauer verfallen und Selbstvorwürfen, ist es keiner mehr.
Diese Unterstützung, die ich habe, hatte ich nicht immer. Es hat gedauert und ich musste oft mehr als nur einen Hilfeschrei an meine Familie und Freunde richten. Bis ich den Hilfeschrei verstummen ließ. Ich ersetzte ihn nicht mit irgendwas anderem, er war einfach weg. Wenn jemand mich auf ihn ansprach, gab es ihn nie, auch wenn ich wusste das er immer noch da war, aber es wurde zu laut. Viel zu laut, um ihn rauszulassen. Das ging lange so, bis ich eigenhändig bei einer Praxis anrief und meine Lage schilderte. Dort hoffte ich, dass ich die fehlende Unterstützung bekam, die ich brauchte, ich bekam Unterstützung, aber eine wo ich nicht dachte das ich sie brauchen würde, eine wo ich dachte das sie unnötig wäre. Mir wurde nach einer Zeit klar, sie ist nicht unnötig, ich brauche sie wirklich, aber ich bin immer noch ein Arschloch. Ich werde es bleiben, noch die nächsten Jahre und vielleicht auch Jahrzehnte.
Ich habe dieses verlangen meiner Mutter zu sagen, dass ich genau wie meine Großmutter egoistisch sein, weil ich mir mein Leben nehmen will und nicht an meine Familie denke. Aber ich denke an meine Familie, ich denke an sie und weiß, dass sie meine Leiche nicht in meinem Zimmer an einem Dienstagabend entdecken wollen, voller Blut, ich will auch nicht, dass sie mein Bett reinigen müssen, weil ich sehr wahrscheinlich dort ende, wenn ich nicht aufpasse und meine Arme aus dem Eimer rutschen. Ich werde dann an meinen letzten Minuten mich an die Worte erinnern, die meine Mutter auch über mich sagen würde, wie sie es bei meiner Großmutter tat. „Es war egoistisch, sich das Leben zu nehmen und nicht an die Familie zu denken."
Ich frage mich nur, woher meine Mutter diese Worte nahm, mit den dicken Narben an ihrem Handgelenk und dem Wissen, das das das letzte woran man dachte, doch die Familie ist. Nur manchmal ist es zu spät und diese Gedanken werden nicht mehr übermittelt, wie bei meiner Großmutter und bei mir.
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Worte
Teen FictionEin kurzer Text, der an einem einsamen Sonntag Abend geschrieben wurde. Beruht auf wahren Begebenheiten.
