Ein erstes Treffen

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Nachdenklich schaute er in den Himmel bei Nacht. Sie hatte ihn sozusagen in eine Ecke gedrängt. Ihm kamen wieder so viele Bilder seiner Kindheit, seiner Jugend, seiner Vergangenheit hoch. Er hielt einen Moment inne, stieß einen leichten Seufzer aus, mit dem er seinen Ballast loswerden wollte und wusste endlich, was er sagen wollte: "Immer wenn ich in den Himmel schaue und das nicht am Tage, sondern bei Nacht, dann habe ich das Gefühl, dass mir die Sterne, die ich sehe, etwas sagen wollen. Aber sie können es nicht, weil ich ihre Sprache nicht verstehe".

Niemand versteht ihre Sprache, weil sie nicht sprechen können, dachte sie sich. Sie verstand nicht, was das, was er sagen wollte, zu bedeuten hatte und war darauf vorbereitet, wieder jemanden vor sich zu haben, der ihr versuchte die Welt und das Universum zu erklären. Jemanden, den sie schon so oft getroffen hatte. Sie verlor langsam die Lust daran wieder so jemanden vor sich zu haben.

Sie war sich sicher, dass sie selbst einiges wusste. Vor allem, dass Sterne oder generell Gegenstände nichts sagen können, nicht kommunizieren können oder eine Sprache haben. Für sie war es unmöglich. Auch Symbolsprache, wie die Astrologie es war, verstand sie nicht, weil sie nicht an übernatürliche Kräfte glaubte. Nicht an Aneinanderreihungen von Planeten, die Menschen irgendwelche Kräfte verleihen würden. Sie sagte nichts und wartete ab, was er zu sagen hatte.

"Es gibt keine Sprache, denke ich mir an den schlechten Tagen und an guten Tagen wünsche ich mir manchmal, dass sie doch etwas zu sagen haben. Aber sie scheinen nur ihr Licht in unsere Richtung, manche unter ihnen ein allerletztes Mal. Niemals hat ein Stern auch nur ein einziges Wort gesprochen und nie hat auch nur ein einziger Stern jemanden ein Zeichen gegeben, nicht wahr?"

Sie wunderte sich über seine Argumente, denn sie waren genau das Gegenteil gegenüber dem, was sie sonst kennenlernte, wenn sie sich zum ersten Mal mit einem Mann traf.

"Das mag wohl sein. Ich glaube auch, dass es eher selten vorkommt." Sagte sie in einem allwissenden Ton. Sie verdrehte leicht ihre Augen. Er nahm das wahr und bemerkte, wie sie respektloser wurde. Sie strahlte es aus und blockte so ab, was er ihr sagen wollte. Ihre Abneigung gegen so ein Geschwafel war für ihn mit jedem Wort, was er sagte, spürbarer geworden.

Doch er ließ sich nicht auf diesen Streit ein, der sich durch ihr Verhalten anbahnte. Er wurde nicht emotional. Stattdessen fragte er sich selbst, ob es das ganze Wert ist. Scheinbar ist alles, was er sagte, leeres Gerede. Sie verstand nicht, worauf er hinauswollte. Sie wollte es auch nicht. Es war für sie eine dermaßen schlechte Gewohnheit, die diese Männer an den Tag legten, dass sie lieber direkt nach Hause gehen wollte. Sie war voreingenommen und diese Meinung zerstörte jetzt die Stimmung, die Kommunikation und die Zukunft des Kennenlernens.

Stattdessen kniff er leicht die Augen zu. Seine Mimik wurde grimmiger und er scannte jede einzelne Bewegung ihrer Gesichtszüge. Ein schneller Blick auf ihre Füße zeigte ihm, dass sie weg wollte. Sich nicht für ihn interessierte. Nicht für sein Geschwafel. Sie legte daraufhin den Kopf schief. Bemerkte es.

"Was ist los? Habe ich etwas falsches gesagt?"

"Ich merke schon, es ergibt keinen Sinn."

"Was ergibt keinen Sinn?"

"Du weisst es selbst. Wahrscheinlich ist dieses Treffen nicht das erste, was du in der Art mitmachst. Wahrscheinlich haben schon einige solcher Treffen für dich so stattgefunden. Sind genauso gestartet. Und dieses zeigt dir gerade, wie groß dein Interesse ist, mit mir über das Leben und den Sinn dahinter zu reden. Weil viele einfach etwas erzählen und es für dich eben keinen Sinn ergibt. Du glaubst nicht daran. Hast zu viele schlechte Erfahrungen gemacht. Und projezierst das auf den jetzigen Moment und vergleichst mich mit den ganzen anderen Idioten, die du kennenlernen durftest."

Er hatte recht und das in all seinen Punkten, dachte sie sich. Sie war sich nicht mehr sicher, ob er wirklich so uninteressant ist, wie sie dachte. Er schien emotional auf einer anderen Wellenlänge zu sein, wirklich intelligent und authentisch  zu sein. Sie schämte sich etwas dafür, dass sie ihn gleich abstempelte und ihn mit den anderen Idioten verglich, mit denen sie schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Seine Abweisung hatte plötzlich ihr Interesse geweckt und sie wollte ihn noch eine Chance geben. Er schien stärker, weil er sich entscheiden wollte zu gehen, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Ein Mann, der seinen Wert kennt. Jemand, der wusste, wann er gehen sollte.

"Hör mir zu. Mir ist deine Vergangenheit egal aber wenn du es nicht schaffst, dich auf jetzt zu konzentrieren, gehe ich davon aus, dass du nur der Aufmerksamkeit hinterher jagst und ab und zu Bestätigung brauchst. Damit will ich aber nichts zu tun haben. Und dann werde ich gehen. War schön dich kennenzulernen."

Er hatte damit das Blatt gewendet. Sie wollte plötzlich bleiben. Sie wollte nicht, dass er geht. Er besaß plötzlich für sie eine begehrenswerte Austrahlung, die nichts mit seinem Aussehen zu tun hatte, sondern mehr mit seinem Auftreten. Sie wollte sich bemühen, dachte sie sich. Sehen, was er noch so alles drauf hat. Sie versuchte jetzt, ihn zu halten, weil sie merkte, dass er etwas hat, was andere nicht haben. Er ist wirklich selbstbewusst und keiner, der nur davon redet, was er alles gut kann, um dabei zu vergessen, was für Schwächen es gibt.

"Nein. So ist es nicht. Ich will deine Zeit nicht verschwenden. Ich will dich kennenlernen."

Sie sah ihm dabei direkt in die Augen. Wollte ihm ihre Aufmerksamkeit und ihr Interesse zeigen. Ihr Blickkontakt sollte dabei ein wichtiges Zeichen sein, das von ihrem Körper unbewusst gesendet wurde. Der Blickkontakt wurde nun von beiden erwidert. Ihre Augen begannen zu strahlen und ihre Pupillen weiteten sich. Echtes Interesse entstand gerade jetzt.

"Normalerweise würde ich so etwas niemals zu einer Person sagen, die mir so gegenübersteht, wie du es tust. Aber ich will nicht schon wieder ein Trostpflaster sein. Ich weiß auch, dass es immer einen Anderen gibt, der vielleicht interessanter ist. Vielleicht ist es so, dass ich zu hohe Erwartungen an Loyalität und Ehrlichkeit lege. Aber es gibt gewisse Dinge, die man mitbringen sollte, um zufrieden zu sein und die vor Zurückweisung schützen sollten."

"Und du bist der Meinung, dass du nur ein Trostpflaster bist oder nur eins sein könntest?"

"Natürlich bin ich das. Sieh mich an. Wie klein ich dir vorkomme. Und plötzlich, als ich gehen wollte, spielst du mit meinem Interesse. Und bald mit meinen Gefühlen. Vielleicht morgen schon mit meinem Herzen."

"Das soll also jetzt ein Beweis sein?"

"Im Grunde, ist es nur eine Vermutung. Doch jeder Hinweis kann ein Beweis werden."

Er sagte es in einem ruhigen aber endgültigem Ton. Er sah sie noch einmal an. Scannte sie von oben bis unten und richtete seinen Blick nach vorn. Sein Blick war leer geworden und sein Interesse am Boden angekommen, denn wie sie sich verhielt, war es für ihn schon zu einer nervigen Gewohnheit geworden, die ihm immer wieder im Wege stand, wenn er sich zum ersten Mal mit einer Frau traf.

Er brachte sie zu ihrem Auto, ohne ein Wort zu sagen. Für ihn war es das erste und letzte Treffen. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass er es mit einer Person zu tun hatte, die sein Herz, seine Anstrengung, seine Gefühle nicht wertschätzen kann. Sie hatte es vielleicht nie gelernt, dachte er sich und akzeptierte es und lernte daraus.

Sie wollte sich nicht ändern. Wunderte sich über dieses Treffen. So etwas hatte sie noch nie vorher erlebt. Sonst wollten sie alle immernoch ein weiteres Mal sehen, dachte sie sich. Aber er änderte dies. Er war der erste, der zuließ, dass nicht er selbst, sondern sie, schuld an dieser Misere hatte.

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⏰ Last updated: Sep 13, 2024 ⏰

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