Kapitel 2

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Nach einem Frustfrühstück lege ich mich deprimiert auf das Sofa. Ich schalte den Fernseher an und durchforste das Programm. Bei einer Tierdoko mache ich Stop. Ich kann mich nicht mal richtig von allen verabschieden. Mum und Dad streiten sich im Schlafzimmer so laut darüber was sie nun in ihre Koffer packen, dass ich die Lautstärke höher drehen muss. 

Ich merke das ich eingenickt bin, als mich ein kichern weckt. Ganz verschlafen räkel ich mich und schaue verdutzt auf den Fernseher. Auf dem ist ein Handy verbunden welches die Kamera auf meinen Hinterkopf filmt. Ich drehe mich um und sofort ist meine Laune super. Meine halbe Klasse steht hinter mir und grinst mich an! Meine allerbesten Freunde mit süß eingepackten Geschenken ganz vorne. Sie fallen mir um den Hals und fragen mich aus wo wir überhaupt hinziehen. 

Ich weiß nicht wie meine Eltern das organisieren konnten aber es wurde gestern noch ein richtig lustiger Abschiedsabend. Von meinen Freunden habe ich liebevoll gestaltete Fotobücher bekommen und meine Klassenlehrerin hat mir sogar eine Tafel Schokolade geschickt. Diese esse ich gerade im Auto. Wir sind fast mitten in der Nacht losgefahren. Das Auto war wahrscheinlich noch nie so voll gepackt. Mein Handy hat schon fast kein Akku mehr. Wir halten an einem McDonald's zum aufs Klo gehen und zu essen. Sonst fahren wir nicht zu McDonald's aber anscheinend hat sich jetzt wirklich alles geändert. So langsam wird die Umgebung auch staatlicher. Ich möchte das nicht. Die Stadt ist bestimmt richtig blöd. Ich vermisse jetzt schon mein altes Leben. Ich frage Mum, wie lange es noch dauert. Ganz fröhlich sagt sie: "Eine Stunde noch Schatz.". Eine Stunde noch und dann ist mein Leben komplett vorbei. Nach einer halben Stunde sind wir in der Stadt. Um uns rum einfach nur Hochhäuser. Ich sehe weiter aus dem Fenster und komme nicht klar. So unfassbar viele Menschen, die hier rumlaufen. An jeder Straßenseite sind Geschäfte, Restaurants, Kinos oder irgendwelche Gebäude, von denen ich keine Ahnung habe. Es ist einfach alles so riesig, so grau und so leblos. Es gibt keinen größeren Unterschied als da, wo wir vorher gewohnt haben und hier in dieser riesigen Stadt. Auf Pinterest sind die Wohnhäuser in einer Stadt mit einem Sideboard, auf dem ein Fernseher steht, ein gläserner Beistelltisch, ein Sammtsessel, ein Ledersofa, weiße Schränke, Bilder von Hochhäusern und eine riesige Wand aus Fenstern. Aber das ist wahrscheinlich einfach nur ein Traum.

Wir sind da. Dad holt den Schlüssel aus der Tasche und steigt aus dem Auto. Er sagt uns, wir sollen noch sitzen bleiben, und er schließt schon mal die Wohnung auf. Ich möchte am liebsten die ganze Zeit hier sitzen bleiben. Ich bin zwar auch gespannt, wie das neue Haus aussieht, aber es kann niemals besser sein als auf dem Land. Ich weiß nicht mal, welches Haus unseres ist, da hier so viele Hochhäuser um uns rum sind. Endlich kommt Dad wieder. Er meint begeistert das unsere Wohnung sehr weit oben in dem Haus ist. Ich steige aus. Die Luft hier ist anders als auf dem Land, aber nicht gut. Ich muss aufpassen dass ich nicht noch von einem Auto überfahren werde. Ich laufe schnell Mum hinterher und blicke nach oben. Das Haus ist so riesengroß und da oben sollen wir wohnen. Rein geht es durch eine Drehtür. Unten ist eine Treppe und ein Aufzug und an der Wand ist eine Rezeption. Das Auto haben wir am Straßenrand geparkt. Ich finde es jetzt schon Scheiße. Wir fahren mit dem Aufzug nach oben bis in den zehnten Stock. Das Gefühl, in einem Fahrstuhl nach oben zu fahren, ist nicht so gut. Nachdem oben die Fahrstuhltür aufgeht erblicke ich einen langen Flur mit vielen Türen. Durch eine Tür geht es in unserer Wohnung. Dad tritt an mir vorbei und geht zu der dritten Tür auf der linken Seite. Er schließt auf und öffnet die Tür. Neugierig sehe ich hinein. Es ist kein bisschen wie auf Pinterest. Sie ist klein und hässlich. Ein grauer Flur führt bis nach ganz hinten wahrscheinlich in ein Wohnzimmer. Ich zähle vier Türen an der Seite des Flurs. Ich öffne die erste Tür, ein Bad mit einer Dusche, einem Waschbecken und einem Klo. Es ist so eng hier drin, dass ich fast Platzangst bekomme. Schnell wieder raus die nächste Tür aufmachen. Dies ist ganz klar ein Erwachsenen Schlafzimmer. Es ist aber auch nicht besser als der Rest der Wohnung.  Jetzt betrete ich die Küche. Die Küche ist noch kleiner als das Badezimmer. Hier ist gerade mal Platz für einen Tisch mit drei Stühlen. Die Küche ist in die Wand eingebaut. Die letzte Tür führt dann wohl in mein Zimmer. Das kann nicht mein Zimmer sein und das wird auch niemals mein Zimmer sein. Ich bin schon froh, dass Mum und Dad das größte Zimmer für mich ausgewählt haben. Ein hässliches fast auseinanderfallendes Bett, ein dunkelbrauner Schrank, ein winziger Schreibtisch und eine kleine Kommode. Mit einem letzten Funken Hoffnung gehe ich in das Wohnzimmer. Hier ist ein Fernseher auf einem Regal, ein altes rotes Sofa und ein riesiges Fenster. Das Beste an der Wohnung ist die Aussicht. Die blöde Stadt, in der ich jetzt lebe.

Die kleine HexeWhere stories live. Discover now