Erinnerungen an Emilio

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Das Badezimmerlicht flackert matt über dem Spiegel, warm, weich, entspannend. Wie immer bin ich zu spät dran. Die Sonne geht gerade unter, als ich aus der Dusche trete. Meine nassen Haare wellen sich in der feuchten Luft, während das Wasser langsam über meine Haut rinnt.

Heißer Dampf entweicht, als ich die Tür aufschiebe, und ein Hauch von duftender Seife und Wärme erfüllt den Raum. Ich schaudere, als meine Füße die kalten Fliesen berühren, und hüpfe etwas zu hastig auf den kleinen, weichen  noch trockenen Badteppich.

Eine leichte Gardine bewegt sich im Luftzug des angekippten Fensters. Von hier aus sieht man direkt in den Innenhof – und auf das Eintreffen der ersten Gäste. Es ist Silvester, und wie jedes Jahr treffen wir uns auf dem Hof meines Freundes, draußen, weitab vom Stadtlärm.

Der Hof ist klein, charmant und chaotisch. Ein Hühnerstall, zwei Katzen namens Bonn und Didi, und der alte Hofhund Emil – alles wirkt vertraut, ein bisschen chaotisch, aber voller Herz.

Draußen höre ich quietschende Bremsen, zuschlagende Autotüren und das fröhliche Lachen der Ankommenden. Rucksäcke, Isomatten, Umarmungen – es fühlt sich an wie Heimkommen.

Ich streiche mir die Haare aus dem Gesicht und stecke sie mit einer Klammer zurück. Mit geübter Hand ziehe ich einen schlichten Lidstrich, ein Hauch Rouge auf die Wangen, und ein satter roter Lippenstift bringt meine Haut und die dunklen Augen zum Strahlen.

Meine schwarzen Haare kräuseln sich leicht vom Föhnen. Ich werfe einen letzten zufriedenen Blick in den Spiegel.

Lange habe ich mich nicht mehr so wohl in meiner Haut gefühlt.

Ich ziehe mein schwarzes Spitzenoberteil an, kombiniere es mit dem asymmetrischen Rock und lege zum Schluss meinen zarten geschwungenen Silberschmuck an, der mit kleinen, tiefroten Granatsteinen besetzt ist.

Von draußen dröhnt Musik herauf. Stimmen, die ich gut kenne. Ich muss vor Aufregung schmunzeln.

Heute kommt jemand, auf den ich lange gewartet habe...

Ich trete ans Fenster. Einige meiner Freunde laufen gerade die viel zu steile Treppe hinauf zum Partyraum.

Ein Wunder, dass hier noch niemand gestürzt ist. Wer oben aufs Klo muss, muss wieder runter – durch den Innenhof ins Haupthaus. Es ist jedes Jahr dasselbe.

Dann sehe ich ihn.

Emilio.
Und sie.

Sie gehen an der Party vorbei, direkt nach hinten zur Sauna, um sich das neue Tauchbecken anzusehen. Ich lächle – verletzt.

Er hatte sie also mitgebracht.

Ich presste meine Lippen aufeinander und fühlte dieses Ziehen irgendwo zwischen Magen und Brust. Ein Echo von damals.

Vor:
In der Schulzeit war Emilio kaum mehr als ein Schatten am Rand. Still, fast durchsichtig, als ich neu in die Klasse kam. Anfangs hätte ich ihn übersehen können – so sehr hielt er sich zurück. Aber dann, irgendwie, blieb er hängen.

Nicht, weil er viel sagte. Im Gegenteil.
Weil er so wenig sagte. Und doch jedes Wort wirkte, als hätte er es aus einem verborgenen Ort geholt, den man sonst nicht zu sehen bekommt.

Er war aufmerksam auf eine Weise, die mich aus dem Gleichgewicht brachte. Während ich oft sprach, ohne zu filtern, überlegte er lange.

Manchmal so lange, dass ich dachte, er hätte mich gar nicht gehört – bis er dann antwortete. Und jedes Mal traf seine Antwort tiefer als erwartet.

Ich fühlte mich verstanden, auch wenn wir kaum redeten.

Das erste Mal wirklich gesprochen haben wir bei einem Klassenprojekt. Kunst. Eigentlich sollte ich die Leitung übernehmen, doch das ganze Ding verlief irgendwann im Sand. Trotzdem erinnere ich mich an diesen Moment in der Bibliothek, wie wir uns gegenüber saßen.

Die Verbotene FruchtStories to obsess over. Discover now