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Spiegel

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Als Seefahrer war es nicht unüblich, dem schwarzen Tod zum Opfer zu fallen, doch dass der Herr Pest seine giftigen Krallen auch auf mich legen würde, erwartete ich nicht, als ich als Matrose zu arbeiten begann. So starb ich sehr früh an dieser scheußlichen Krankheit.
Ich kann mich weder an den Tag, noch an die Uhrzeit erinnern, aber ich weiß noch genau wie es um mich herum aussah. Kahle,weiße Wände ließen das Licht umso heller erscheinen, ein Fenster, welches mir wegen der Gardinen keinen Blick nach draußen gewährte und ein grässliches Bett von dem mir der Rücken weh tun würde, hätte ich nicht schon genug andere Schmerzen gehabt. Der Tod selbst aber fühlte sich befreiend an. Mir kam es so vor, als heilten meine Wunden. Dann verwandelte sich das grelle Licht in tiefes Schwarz. Ich verlor das Bewusstsein.
Kurz darauf erwachte ich. Ich erwartete den Himmel und Engel, aber stattdessen starrte ich erneut auf die leere, weiße Wand. War ich gar nicht tot? Spielte mir mein Hirn nur Streiche? Diese Fragen beantworteten sich schnell selbst, als ich einen Blick nach rechts warf. Dort lag mein lebloser, von Pestbeulen übersäter Körper. Sofort Begriff ich, dass ich in dem Spiegel, der neben der Tür meines Krankenzimmers hing, gefangen war. Die nächsten Stunden wartete ich auf jemanden, der in das Zimmer kommen würde, doch niemand sah nach meinem Körper. Weitere Stunden verstrichen und mittlerweile war ich mir sicher, dass bereits ein Tag vergangen war. Mein Körper aber lag weiterhin in dem Bett.
Endlich, nach einer halben Ewigkeit, betraten einige Personen mein Zimmer und schafften meine Überreste weg. Denkt nicht, dass mich das aus meinem Gefängnis befreite. Stattdessen saß ich bestimmt Jahre lang hier fest und beobachtete die neuen Patienten. Alle starben, nur blieb ich allein in dem Spiegel.
Eines Tages nahm man ihn ab und schaffte auch das restliche Mobiliar aus dem Zimmer. Bei einer Unterhaltung der ich aufmerksam lauschte, erfuhr ich, dass man das Krankenhaus schließen würde. Auch bekam ich mit, dass seit meinem Tod ungefähr fünfzehn Jahre vergangen sind. Die Zeit im Spiegel fühlte sich ewig lang an, aber niemals hätte ich mit einer so langen Zeit gerechnet. Ob man mich vermisst? Ich weiß es nicht... Plötzliche Dunkelheit riss mich aus meinen Gedanken. Anscheinend hatte man mich verpackt.
Hell wurde es erst wieder, als man mich in einem Geschäft an die Wand hing. Sie verkaufen mein Verlies! Ich malte mir die Menschen aus, die mich kaufen könnten und ich stellte mir die Zimmer vor, in die sie mich hängen würden. Vielleicht kauft mich eine schöne Frau? Oder ein alter Mann mit Hut? Vielleicht ja eine Dame mit Katzen, anstelle eines Ehemannes. Aber es war ein junger Mann, der mich schließlich mit nahm und in seinem Zimmer aufhing. Wenn ich euch sage, dass ich noch nie einen so schönen Mann sah, dann werdet ihr euch dennoch kein Bild von seinem wunderbaren Auftreten machen können. Wie gemalt sah er aus. So perfekt.
Ein hellbrauner Bart betonte seine Wangen und die zarten Lippen. Wäre er nicht auf der anderen Seite, hätte ich sie auf den ersten Blick geküsst. Sein Haar fiel ihm leicht ins Gesicht und störte seinen Blick, denn er schob die Strähnen immer beiseite, wenn er in meinen Spiegel sah. Dann starrte ich jedesmal in seine leuchtend blauen Augen. Wie gebannt verlor ich mich in ihnen und endlich fühlte ich mich wieder lebendig. Ich verliebte mich jeden Tag mehr in ihn, doch es schmerzte mir zu wissen, dass er auf der anderen Seite ist.
Ich beobachtete ihn bei allem, was er tat. Egal ob er las, etwas schrieb oder Klavier spielte. Ab und zu saß er einfach auf der Fensterbank und genoss den Ausblick. Nur wenn er sich entkleidete, ließ ich die Augen von ihm.
Er konnte mich nicht sehen, wenn ich es nicht wollte und es wäre vielleicht besser gewesen, hätte ich mich nie gezeigt, aber ich wollte, dass er mich endlich bemerkt. Beim ersten Mal erschrak er so sehr, dass er mich für mehrere Tage abdeckte. Aber dann nahm er das Tuch ab und rief vorsichtig nach "dem Mann im Spiegel". Auch dieses Mal zuckte er bei meinem Anblick zusammen und schloss für einen Moment die Augen, aber es gelang mir, ihn zu beruhigen. Wir kamen ins Gespräch und ich erzählte ihm meine Geschichte. Es tat gut, nach so vielen Jahren wieder mit jemandem, der nicht man selbst ist, zu reden. Von da an sprach er oft mit mir, las mir aus Büchern vor oder erzählte mir von seinem Studium. Ich hörte ihm stets gespannt zu und schließlich schien auch er sich zu verlieben. Dumm, nicht wahr?
Er spielte leidenschaftlich Klavier. Deshalb nahm er mich oft von der Wand und stellte mich auf seinem Flügel ab, damit ich ihm besser lauschen konnte. Eines Abends aber, rutschte ihm der Spiegel aus den Händen und zerbrach in tausend Scherben. Meine Seele war frei! Aber er fiel weinend auf die Knie und versuchte, mein zersprungenes Heim wieder zusammen zu setzen. Immer wieder rief er nach "dem Mann im Spiegel" und flehte mich an, zurück zu kommen. Lachend antwortete ich, dass ich doch da sei, bis ich bemerkte, dass er mich nun nicht mehr sehen oder hören konnte. Und er weinte immer mehr. In dieser Trauer versunken, hob er eine Scherbe auf und durchtrennte sich ohne zu zögern die Halsschlagader. Dann legte er sich auf die Seite, die Scherbe fest im Griff, aber schweigend. Wie in Trance beobachtete ich seinen Tod, bis wieder alles schwarz war.
Meine Seele löste sich von der Erde, doch meinen Liebsten sah ich seitdem nie wieder.

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⏰ Last updated: Apr 16, 2025 ⏰

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