Den Raum, in dem ich nunmehr seit einer halben Stunde warte, könnte man problemlos als Schrank mit Sitznische bezeichnen. Mein Blick ist mangels besserer Optionen auf den Fußboden gerichtet: ein hellblauer PVC-Belag, der an den Seiten reinigungsfreundlich ein Stück die Wand hochgezogen wurde. Ein schmaler Gang verbindet zwei Türen: Durch die eine tritt der jeweilige Patient ein, um gehorsam Handy, Brille, Armbanduhr und etwaigen Schmuck abzugeben und in der Nische Platz zu nehmen. Hier werden ihm von einer Arzthelferin ein Haarnetz übergestülpt, Einweg-Schuhüberzieher angezogen und ein hinten offenes OP-Hemd mit Ärmeln umgehängt. Anschließend folgen drei verschiedene Augentropfen, jeweils in so großzügiger Menge appliziert, dass sie dem Patienten kurz darauf über das Gesicht laufen. Schließlich heißt es warten, bis das OP-Team bereit ist, einen weiteren Patienten durch die andere Tür entgegenzunehmen.
Ich kenne diese Prozedur. Mein linkes Auge ist vor zwei Wochen operiert worden, jetzt ist das rechte dran. Ich weiß, dass der Eingriff nur wenige Minuten benötigt und dank der Vorarbeit der Narkoseärztin gut zu ertragen ist. Doch heute scheint die präzise getaktete OP-Maschinerie ins Stocken geraten zu sein. Es dauert einfach zu lange. Mit zunehmender Unruhe hebe ich den Blick und betrachte mich erneut in dem Spiegel, der aus mir unerklärlichen Gründen gegenüber der Sitznische an der Wand hängt. Ohne Brille und mit einem halb betäubten Auge sehe ich eine verschwommene Gestalt, die schicksalsergeben auf das wartet, was irgendwann folgen mag.
In diesem Moment wird die Tür zum OP-Bereich aufgerissen. Vor mir steht die Narkoseärztin, die ich schon vom letzten Termin her kenne. Sie stellt sich erneut vor und komplimentiert mich auf eine OP-Liege. Während ich in das grelle Licht einer riesigen LED-Leuchte an der Decke blicke, legt sie mir einen Zugang am Handrücken und schließt mich an einen Monitor an, der im Takt meiner Herzfrequenz zu piepen beginnt. Als sie erneut am venösen Zugang hantiert, weiß ich, dass sie jetzt das Medikament spritzt, das den Patienten eine stress- und angstfreie Operation ermöglicht und das die Amerikaner gerne für Hinrichtungen verwenden.
Viel spüre ich von dem Sedativum nicht. Da dies auch beim letzten Mal so war und ich den Eingriff trotzdem fast entspannt absolviert habe, mache ich mir keine Sorgen. Allerdings ist diesmal etwas anders. Ich merke, wie ein Patient aus dem OP herausgeschoben und neben mir abgestellt wird, doch niemand kommt, um mich zu holen. Und so blicke ich weiter an die Decke, bis irgendwann die Narkoseärztin erneut erscheint und den Bereich um mein Auge mit Desinfektionsmittel bestreicht. Ein Tropfen von der streng nach Jod riechenden Flüssigkeit läuft mir ins Auge und brennt wie Feuer. Ein Reflex lässt mich die Augen zukneifen und heftig blinzeln, um die teuflische Substanz wieder aus dem Auge zu bekommen, doch das Brennen hält an. Minutenlang liege ich mit zugekniffenen Augen da, bis mich ein schriller Pfeifton zusammenschrecken lässt. Ich warte einen Moment, und als nichts passiert, zwinge ich meine Augen auf und stemme mich aus der liegenden Position hoch. Die Quelle des Lärms ist, auch ohne Brille, schnell identifiziert. Auf dem benachbarten OP-Stuhl liegt ein alter Mann, ein Auge ist verbunden und der neben ihm stehende Monitor blinkt hektisch rot. Verdammt, warum kommt denn keiner? Sie können den alten Herrn doch nicht einfach so liegen lassen. Ich blicke mich im Raum um, aber weder die Narkoseärztin noch das OP-Personal ist zu sehen.
»Hallo!«, rufe ich. »Hilfe! Wir brauchen einen Arzt!« Niemand reagiert, nur mein Überwachungsmonitor piept immer schneller. Erneut sehe ich zu dem Alten: Seine Augen sind geschlossen und das Gesicht ist totenblass. Ein dicker grauer Schlauch verschwindet in seinem weit geöffneten Mund. Warum haben sie den armen Mann intubiert?, frage ich mich, den Blick wie hypnotisiert auf den pulsierenden Schlauch gerichtet. Einen kurzen Moment warte ich noch darauf, dass sich alles regeln wird, dass sich eine einfache und völlig harmlose Erklärung findet. Bis ich mir schließlich eingestehe, dass niemand kommen wird. Dass ich allein bin mit einer Situation, die es so nicht geben dürfte. Ich stehe auf, das Sensorkabel leistet Widerstand, dann löst sich der Clip von meinem Finger. Gleich darauf beginnt auch mein Monitor verzweifelt zu pfeifen. In dem ohrenbetäubenden Lärm und unter hektischen roten Lichtblitzen umrunde ich die OP-Liege und nähere mich dem alten Mann.
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