1. Tiju

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Liyan

Die Sonne stieg hinter den Häusern unserer Stadt auf und erzeugte ein wunderschönes Farbspektrum am Himmel. Die Straßen waren wie immer voll befahren um diese frühe Uhrzeit, doch mich störte es nicht. Ich saß im hinteren Teil des Busses, zweite Reihe, rechts am Fenster und sah durch das dreckige Sicherheitsglas nach draußen.

Außer mir befanden sich noch weitere Schüler und Erwachsene, die zur Arbeit mussten im Bus. Der Bus war wie immer total überfüllt und die Leute quetschten sich dicht an dicht. Ich bekam immer einen Platz, weil der Bus fast leer an meiner Haltestelle hielt. Neben mir saß eine Brünette mit gelocktem Haar und einer Brille, welche das Gesicht verzog.

Die Luft war stickig und die Stimmen hallten laut durch den gesamten Bus. Normalerweise würde mich diese Unruhe auch stören, aber nicht, wenn ich die Lieder von ihm hörte. Von dem besten Sänger aller Zeiten! Tiju. Ein sehr junger Sänger mit einer sehr großen Karriere. Ich vergötterte ihn. Jedes seiner Lieder kannte ich auswendig und egal wie oft ich es wiederholt anhörte, ich kriegte nie genug.

Gerade hörte ich eines seiner neusten Lieder über meine AirPods. Mein Fuß wippte im Takt, während ich das Lied still in meinen Gedanken mitsang. Zeitgleich verfolgte ich mit den Augen das Geschehen außerhalb des Busses. Das Lied "Tränen aus Glas" endete gerade dann, als der Bus an der Schule hielt.

Alle Schüler nahmen ihre Taschen und flüchteten aus dem Bus heraus, so auch ich. Ich packte schweren Herzens meine AirPods zurück in ihre Schachtel und lief mit meinem Rucksack zum Schuleingang. Dort wartete mein bester Freund ganz ungeduldig auf mich und begann bereits zu sprechen, bevor ich bei ihm angekommen war.

,, Hast du die Neuigkeit schon gehört?", fragte mich mein bester Freund aufgeregt. Er konnte nicht mal mehr ruhig auf einer Stelle stehen bleiben.
,, Nein, was meinst du?", fragte ich ihn daher verwirrt. Plötzlich grinste mich mein bester Freund schelmisch an und stemmte seine Arme in die Hüfte.

,, Tiju gibt in zwei Wochen ein Konzert in unserer Stadt!", quiekte er begeistert und hüpfte von einem Bein zum anderen. Perplex sah ich Jun an und dachte er würde mich reinlegen.
,, Hör auf Witze zu machen! Zwei Wochen sind viel zu spontan für ein Konzert ", wies ich ihn empört zurecht. Reinlegen konnte er jemanden anders.

,, Nein, Liyan! Ich sage die Wahrheit. Warte! ", forderte mich Jun ernst auf und kramte sein Handy aus der Hosentasche. Schnell tippte er etwas ein und zeigte mir im nächsten Moment einen Artikel.
,, Der junge Sänger Tiju gibt am 05.05. ein spontanes Konzert auf dem Marktplatz. Die Karten sind limitiert und werden wie immer auch ausgelost...", las ich mir den Artikel durch.

Tiju würde tatsächlich in zwei Wochen ein Konzert hier in unserer Stadt geben?! Unglaublich! Aber die Karten waren bestimmt schon ausverkauft, bei der Menge an Fans, die er hatte.
,, Das ist ja großartig, nur schade wegen der Karten", seufzte ich frustriert und Jun zog sein Handy wieder zu sich.

,, Aber, aber, mein Lieber. Wer bin ich, wenn ich für uns nicht schon längst zwei Karten gekauft hätte?", erzählte mir Jun stolz. In diesem Moment glänzten meine Augen wie zwei Saphire. Er hatte zwei Karten?!
,, Echt?", fragte ich total aus dem Häuschen.
Mit gehobenen Kinn und ausgestreckter Brust antwortete mir mein bester Freund.

,, Sicher doch, ich lüge nicht", bestätigte Jun nochmal seine Aussage. Überwältigt von der Freude schrie ich auf und sprang meinem besten Freund an. Lachend hielt er mich fest und hüpfte im Einklang mit mir auf einem Fleck. Ich würde ihn zum ersten Mal Live vor meinen eigenen Augen sehen!

Die Blicke der anderen Schüler waren uns egal, denn so eine Chance bekamen wir nicht so schnell wieder. Doch leider Gottes erklang das Vorklingeln und wir mussten in unseren Klassenraum. Außer Atem lösten wir uns wieder voneinander und liefen auf das Schulgelände.
,, Diese Atmosphäre wird so unglaublich sein und diese ganzen Effekte. Ich kann es einfach nicht fassen", sprach ich zu Jun und passte nicht auf wohin ich ging.

Plötzlich stieß ich mit jemanden zusammen und prallte nach hinten. Das schwere Gewicht meines Rucksacks zog mich nach unten, doch bevor ich umfallen konnte, schlang sich ein Arm um meine Taille und hielt mich fest. Überrascht blinzelte ich den Jungen an, der mich vor dem Sturz bewahrte.

Er hatte schwarze Haare und dunkelblaue Augen, die von langen geschwungenen Wimpern umrahmt waren. Der fremde Schüler stellte mich wieder sicher auf meine Füße ab und richtete seine Brille wieder.
,, Geht es dir gut?", fragte er mich neutral. Peinlich berührt, breitete sich eine leichte Röte auf meinen Wangen aus.

,, Ja, vielen Dank für deine Hilfe. Es tut mir sehr leid, ich habe nicht aufgepasst ", gab ich beschämt zu. Ich versuchte den Augenkontakt mit ihm zu meiden, weil es mir so unglaublich peinlich war. Dabei fiel mir sein beiger Wollpullover auf und seine ordentliche Jeanshose. In Kombination mit der Brille und den verwuschelten schwarzen Haaren, sah er irgendwie wie ein Streber aus.

Ein gutaussehender Streber.
,, Solange du dir nichts getan hast, ist alles gut. Dennoch sollten sich diese hübschen Augen auf den Weg konzentrieren, sonst tust du dir noch ernsthaft weh", riet er mir ehrlich. Verlegen über seine Satzbildung nickte ich ihm sprachlos zu und spürte die Hitze, welche mich umgab deutlich.

,, Gut ", meinte er noch und ging wieder seinen Weg hinein in die Schule. Versteinert blickte ich dem Jungen hinterher und würde am liebsten vor Scham versinken.
,, Das war aber eine interessante erste Begegnung", pfiff Jun und klopfte mir anerkennend auf die Schulter.

Grimmig sah ich meinen besten Freund an, der seine Hände nun in die Höhe seiner Brust hob.
,, Entschuldige, aber es stimmt", lachte er leise und bekam ein Schnauben von mir zurück. Ich hoffte, dass sich unsere zweite Begegnung eine Weile hinauszögern würde.

,, Komm, sonst sind wir zu spät", holte mich Jun wieder zurück. Zusammen mit ihm ging ich zu unserem Klassenraum und sprach weiter über das Konzert. Der Vorfall wurde auf dem Weg nicht noch mal aufgegriffen, worüber ich auch ziemlich froh war.
,, Hast du für den Test gelernt?", fragte ich Jun kurz bevor wir den Klassenraum betraten.

,, Welchen Test?", fragte er mich entsetzt. Verwundert legte ich meine Stirn in Falten und öffnete die Tür zu unserem Klassenzimmer.
,, Na den, den wir in Chemie schreiben", erinnerte ich meinen besten Freund. Ich sah wie sich seine Augen weiteten, ehe er auf seinen Platz stürmte und den Chemiehefter aus seinem Rucksack kramte.

Entspannt setzte ich mich auf meinen Platz, neben meinen gestressten besten Freund, der sich den Chemiehefter ansah.
,, Ich habe total vergessen zu lernen, als ich den Artikel durchgelesen hatte", jammerte er über den Hefter gelehnt.
,, Wir haben Chemie in der dritten Stunde, das heißt du hast in der Frühstückspause noch mal Zeit zum Lernen", erinnerte ich ihn ruhig.

,, Stimmt, dann wird es wenigstens eine drei ", murmelte er in den Hefter versunken. Viel Zeit blieb ihm dabei aber nicht, da die Lehrerin bereits das Klassenzimmer betrat. Grummelnd packte Jun seinen Hefter wieder in den Rucksack und saß nun zwei Stunden mit mir im Mathematikunterricht fest.

Die Lieder meiner Gefühle (bxb)Stories to obsess over. Discover now