Prolog

26 3 12
                                        

Kaum ein Lichtstrahl durchdrang die dichten Nebelschwaden, die wie ein schwerer, grauer Schleier über der Welt lagen. Wie eine trübe undurchdringliche Suppe, schwebte der Dunst über das Wenige, das in dieser unwirklichen Einöde zu finden war.

Eine kleine Gruppe von 12 Menschen schleppte sich mühsam durch die lebensfeindliche Sphäre. Die Erschöpfung war ihnen anzusehen und Hoffnungslosigkeit lag in ihrem Blick.

Seit Tagen suchten sie verzweifelt nach einem Ort, an dem sie rasten konnten. Ihre Körper waren ausgezehrt, es war lange her das sie etwas zu essen gefunden hatten. Das wenige Essbare, das es unter dem Schleier zu finden gab, reichte nie für alle.

Vor drei Tagen hatten sie ein kleines ebenso mageres Nagetier gefangen. Doch es war gerade genug, dass die beiden Mütter und das kleine Mädchen, das bereits lief und sprach, ein paar Bissen zu sich nehmen konnten.

Der Rest hatte einige trockne Zweige von einem mickrigen Busch gepflückt und zerkaut, diese waren nicht nahrhaft und schmeckten bitter, doch sie vertrieben den Hunger für einige Zeit.
Der große dürre Mann, der die Gruppe anführte, blieb stehen und kniff die Augen zusammen. Angespannt warteten die anderen, dass er weiterlief. Doch er hob einen Arm und bedeutete ihnen sich auf den Boden zu kauern.

Er beobachtete die Umgebung, es war schwer im dichten Nebel weiter sehen zu können als wenige Schritte. Doch er wusste, worauf er achten musste. Die alles umhüllende Stille würde brechen, sollten sie in Gefahr schweben.

Der Mann drehte sich in geduckter Haltung in alle Richtungen. Der staubige trockne Boden unter seinen nackten Füßen knirschte leise, doch in der Stille wäre dieses Geräusch weithin hörbar. Er beleckte seine trocknen aufgesprungen Lippen und versuchte seinen Atem zu beruhigen, doch es war schon im Ruhezustand schwer die stickige, feuchtwarme Luft zu atmen.

Die Anstrengung ihrer Reise hatte seine Lungen zum Brennen gebracht und er röchelte leicht bei jedem Atemzug.
Gerade wollte er Entwarnung geben und den Andern signalisieren weiterzugehen als ein dunkler Schatten einige Schritte neben ihm, im Nebel auftauchte. Schnell kauerte er sich zu den anderen in den Staub.

Das kleine Mädchen hielt die Luft an und presste sich an die Schulter ihres Vaters. Inmitten des Kreises saßen die beiden Mütter mit ihren Babys.

Eines war gerade wenige Tage alt und niemand hatte Hoffnung, dass es noch lange leben würde. Es war bereits schwach zur Welt gekommen und schlief den ganzen Tag, auch hatte es bereits zwei Mal Fieber, doch sie würden es bei sich tragen, bis zu seinem letzten Atemzug.

Der zweite Säugling war bereits viele Tage bei ihnen, er war kräftig und stark. Seine Eltern waren stolz und voller Hoffnung, doch der kleine Junge schrie viel, daher waren sie immer auf der Flucht, um nicht entdeckt zu werden.

Jetzt hofften alle, dass der Kleine an der Brust seiner Mutter friedlich weiterschlief.

Das hüllenlose Grauen hatte sie noch nicht entdeckt, die Schatten konnten im Nebel noch schlechter sehen als jeder Mensch, doch sie konnten gut hören und einmal entdeckt, würde es kein Entkommen geben. Die kleine Gruppe rührte sich kein Stück, stocksteif kauerten alle eng einander gedrückt und beobachteten den Schatten. Langsam kam er näher, würde man die Hand ausgestreckt, hätte man ihn berühren können, doch niemand wagte es sich zu bewegen. Alle hielten sie die Luft an und das kleine Mädchen riss die Augen vor Angst weit auf.

Nie zuvor hatte sie einen der Schleierwandler von so nahe gesehen. Bei jeder zuckenden Bewegung des Schattens, knisterte und flirrte es durch die Stille.

Das Geräusch erinnerte sie an das Tal, durch das sie vor wenigen Tagen gewandert waren. Dort war die Luft erfüllt von diesem knistern, denn kleine Blitze zischten durch den Nebel, die - wenn man sie berührte - schmerzhaft auf der Haut brannten.

Victa Libras - Stimme des NebelsStories to obsess over. Discover now